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wagte sie nicht, um die Ursache desselben in ihn zu dringen, denn der Schmerz, der sich selbst aufopfert, indem er sich verbirgt, war ihr heilig.
Sie erlangte bald ihre verlornen Kräfte wieder, und die Mutterfreuden, die ihr so neu als entzückend waren, beförderten ihre Genesung. Jetzt dachte sie mit einer Empfindung, die ihrer Ruhe nicht mehr gefährlich war, an August, wie man eines Gespielen aus früher Jugend gedenkt, von dem uns das Schicksal trennte, ohne uns mehr von ihm zurück zu lassen, als eine wehmutsvolle Erinnerung, der aber Zeit und Vernunft jede Bitterkeit nahm. Sie hatte versprochen, ihm zu schreiben, so bald sie sich diese Stimmung zugeeignet haben würde, und jetzt war der Zeitpunkt, wo sie Wort hielt.
Die Sehnsucht nach Ihnen, schrieb sie, die mich zum Schreibtisch hinführt, gehört nicht mehr der Liebe an, und darum bekenne ich sie Ihnen ohne zu erröten. Ein anderes Gefühl, nicht weniger hehr und heilig wie das erste, hat seine Stelle eingenommen, und in meinem Herzen trage ich das Bild meines Gemahls und meines Freundes in seliger Eintracht. Sie werden mich keines Wankelmuts beschuldigen, Wilmut! wenn ich Ihnen frei bekenne, dass dem Manne, der den Bund meiner ersten Liebe störte, jetzt meine zweite gehört. Er ist der Vater meines Kindes, und die Allmacht dieses Gedankens würde mich schon zu ihm hinziehn, auch wenn er weniger liebenswürdig wäre. – Ich trat mit grosser Abneigung in den Ehestand, aber eben die geringen Erwartungen meines Glücks machten, dass ich nach und nach den Wert meines Mannes und meiner Lage zu fühlen anfing. Ich bemühte mich, jeden Wunsch zu ersticken, der wider meine Pflicht war, und bald gab mir eine höhere Macht den Frieden wieder, der meiner Seele fehlte. Ich bin Mutter, – mit wonnevollen Tränen benetzte ich den Knaben, dem ich Ihren Namen gab, und gelobte ihm und seinem Vater Liebe und Sorgfalt für meine ganze Lebenszeit. Nichts stört mehr das Glück meiner Ehe, als die Besorgniss, noch immer so innig von Ihnen geliebt zu werden, wie sonst. Möchten Sie doch nichts mehr für mich empfinden, als jene feste, unwandelbare, aber ruhige Freundschaft, die Sie mir einst in jener schönen Stunde gelobten. Mein Herz hat alle süssen Erinnerungen der Vergangenheit aufbewahrt, aber sie sind mir zum Traume geworden, von dem mir nur ein flüchtiges Schattenbild bleibt, das ich mit feuchtem, aber heiterm Auge ansehe, – den ich zurück haben möchte, und doch ruhig vorüberfliehn sah. Sind Ihre Empfindungen für mich dieselben, – haben auch bei Ihnen Zeit und Abwesenheit und neue Gegenstände Balsam in die Wunde gegossen, die Ihnen die Liebe schlug, – bin ich Ihrem Herzen noch wert, ohne ihm mehr gefährlich zu sein, – o, so reichen Sie mir noch einmal die Hand, um den Bund zu erneuern, den wir schlossen, und er dauere bis die Morgenröte eines zweiten Lebens tagt, und eine zweite Welt unsre festvereinten Seelen aufnimmt." –
Wodmar begegnete Josephinen mit dem feinsten Zuvorkommen, mit dem leisesten Erraten aller ihrer Wünsche, und da er, je mehr sich ihm die Schönheiten ihres Geistes und ihres Herzens entüllten, mit immer tieferer Achtung sich an sie anschloss, glaubte sie sich so herzlich geliebt, als er es war. Aber ach, – Marie war eine zu gefährliche Nebenbuhlerin, und Josephine vermochte nicht mit dem zärtlichsten Bemühen, ihm die Trennung von ihr ganz zu ersetzen. Zu tief hatte sich ihr liebenswürdiges Bild in sein Inneres gegraben, und überall wo er hinsah, vermisste er den Zauber, den w a h r e L i e b e über alles verbreitet, was sie umgiebt.
Siebzehntes Kapitel
Josephine wünschte ihren Gemahl zu begleiten, da er Anstalt machte, im September auf seine andern Guter zu gehn, und er konnte diese billige Bitte, die sie mit so viel Zärtlichkeit an ihn tat, nicht abschlagen, wiewohl er diesmal gern allein gegangen wäre, da der Zweck seiner Reise war, Marien, die so innig darum bat, wieder zu sehn. Vier lange Monate waren verflossen, seit er sich von ihr getrennt hatte, und laut klopfte sein Herz den Fluren entgegen, die sie bewohnte. Er beschloss, seine Gemahlin in Wodmarshausen (so hiess das Schloss, wo er Marien durch eine Scheinheirat betrogen hatte) zu lassen, einen Ritt nach Nesselfeld zu machen, sie zu sehn und zu umarmen.
Als sie sich Wodmarshausen näherten, war es Abend, und der Vollmond streute sein magisches Silber auf die schlummernden Fluren. Eine unendliche Sehnsucht ergriff den Grafen. Er lehnte sein glühendes Gesicht mit Heftigkeit an Josephinens Wange, beteuerte ihr seine Liebe, und kleidete seine zärtlichstürmischen Gefühle, die Marien entgegen strebten, in Worte, die Josephinen geweiht waren, um seinem Herzen Luft zu machen. – So fühlen die Männer oft, was sie der einen versichern, für eine andre. Josephine war entzückt über die Versicherungen, die er ihr gab; sie hatte ihn noch nie so gesehn, und erwiederte seine Beteurungen mit der ganzen Innigkeit ihrer Liebe.
Am andern Tag sagte Wodmar zu Josephinen, um sie vorzubereiten: – Ich habe noch ein Gut in dieser Gegend, das ich ohngeachtet seiner unangenehmen, fast traurigen Lage dennoch liebe, und zuweilen besuche. Es liegt nur sechs Meilen von hier, in einer flachen öden Gegend; und ich zeigte es Ihnen gern, wenn seine Wohnung eingerichtet