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Einsamkeit selbst aufgezehrt, da sie keine Nahrung fand, und es war ihr nichts mehr davon übrig geblieben, als ihrem Auge ein freundlich-umwölkter Blick, und ihrem Herzen eine Narbe und ein süsses Andenken der Vergangenheit, das sie noch oft beschäftigte, ohne ihr mehr weh zu tun. Sie war schöner und blühender geworden, als sie Wodmar je gesehen hatte, und die nahe Aussicht, Mutter zu werden, die sie ihm erst jetzt mit einem süssen Erröten gestand, webte um beide das innige Band einer gegenseitigen Achtung, durch Dankbarkeit und Zärtlichkeit erhöht. Wodmar war ernster, stiller und einfacher geworden. Dies brachte ihn Josephinen näher, die ihn nun wirklich anfing zu lieben, und das Bild ihrer frühern Leidenschaft immer mehr in den Hintergrund ihrer Seele stellte.
Die Erinnerung an Marien riss jedoch eine brennende Wunde in sein Herz. Es war ihm unmöglich, Josephinens, nur durch eine kleine Zurückhaltung gemässigte Zärtlichkeit so innig zu erwiedern, als sie verdiente. Der Gedanke, nicht allein Marien betrogen, sondern auch gegen das tugendhafteste Weib unedel gehandelt zu haben, trat wie ein böser Dämon immer vor ihn und verbitterte seine Freuden. Die Hoffnung, Vater zu werden, erfüllte ihn mit Dank und innigem Anteil gegen Josephinen, aber sein Aufentalt bei ihr war ihm peinlich, da er sich von ihr geliebt sah, und sein Herz ihm sagte, wie unwert er ihrer Anhänglichkeit sei, und wie unfähig, sie durch Gegenliebe zu vergelten.
Er war ganz verändert. Den Ausdruck und die Heftigkeit seiner sonst so stürmischen Gefühle brach jetzt eine stille Sanfteit, die unwiderstehlich an brausenden Menschen ist, und ihm in den Augen seiner sanften Gemahlin noch ein Interesse mehr gab. Seine Sehnsucht nach Marien stieg bis zur Schwärmerei. Mit Blicken der Liebe sah er jede Wolke an und dachte: vielleicht hat sie über der Gegend geschwebt, wo sie wohnt, und um mich trauert! und auch in der Ferne tat ihm die Ueberzeugung wohl, der Gegenstand ihrer Liebe und ihres Verlangens zu sein.
In dieser Stimmung verlebte er die Sommermonate. – Im Anfang Augusts wurde Josephine von einem Knaben entbunden, und mit wehmütiger Freude drückte er den Sohn ans Herz, und dankte der Mutter für das kostbare Geschenk ihrer Liebe. Ein liebliches Rot stieg auf Josephinens vorher blasse Wange. Ich schenke Ihnen mehr, als diesen Knaben, liebster Wodmar, sagte sie mit schwacher und gerührter Stimme, ich schenke Ihnen mein Herz, das von nun an ganz und auf ewig das Ihrige ist. Ungern gab ich Ihnen meine Hand, und die Grundsätze, die Sie im Anfang unserer Verbindung äusserten, stimmten so wenig mit den meinigen überein, dass ich kälter gegen Sie war, als ich es vielleicht hätte sein sollen. Aber ich fühle mich jetzt, nicht allein durch dieses Kind, auf das wir gemeinschaftliche Rechte haben, sondern auch durch eine freiwillige, zärtliche Neigung zu Ihnen hingezogen, mit welcher ich mich bemühen will, Sie so glücklich zu machen, als ich es durch Sie sein werde. Sie scheinen jetzt die Vorzüge eines häuslichen Lebens vor den Freuden der Stadt einzusehn; – lassen Sie uns, wenn Ihr Herz ihnen entsagen kann, – einen stillen, ländlichen Aufentalt immer dem Geräusch der grossen Welt vorziehn, – oder wenn Ihr muntrer Sinn zuweilen nach Abwechselung verlangt, so geniessen Sie allein die Lustbarkeiten, die ich nicht kenne, und nicht kennen mag, weil sie niemals Reiz für mich haben werden, – und m i r erlauben Sie, immer so einsam fort zu leben, wie ich es jetzt gewohnt bin. Die Erziehung unsers Sohnes wird meinem Herzen und meinem Geist Beschäftigung geben, und mit alle der Liebe und Achtung, die ich für Sie empfinde, werde ich Sie empfangen, bester Gemahl! wenn Sie müde des Herumschwärmens zurückkehren, in meinen Armen auszuruhn.
Mit einem liebevollen Lächeln reichte sie ihm ihre Hand, und mit der andern drückte sie den Säugling fest an ihre mütterliche Brust, indem ihr Auge einen ganzen Strom von Liebe über den schönen Mann ausgoss, der an ihrem Bette knieete, und Tränen der Beschämung und der Rührung weinte. Ihre ehemalige Gleichgültigkeit wäre ihm lieber gewesen, als diese liebevolle Milde, die sein Inneres verwundete, denn sie hätte ihm eher den Schein eines Rechts gegeben, seine leidenschaftliche Anhänglichkeit an Marien zu entschuldigen und fortzusetzen.
Ja, meine Josephine! nahm er endlich das Wort, die grosse Welt hat keine Reize mehr für den, der die stillern Freuden der Häuslichkeit in ihrem ganzen, schönen Umfang gekostet hat. Ich strebe nicht mehr nach den lächerlichen Torheiten eines falschen Genusses, die mir sonst so süss dünkten; I h r e r wert zu sein, sei fortan das Ziel meiner Mühe. O, wenn ich auch noch nicht ganz diese Liebe verdiene, die Sie mir eben bewiesen haben, so dulden, ertragen Sie mich mit Ihrer gewöhnlichen Sanftmut und Nachsicht, und sein Sie versichert, dass mein Herz durch seinen eignen Kummer sich für jede Handlung selbst bestraft, die es missbilligen muss.
Er entfernte sich hier schnell, das Tuch vor den Augen. – Josephine sah ihm verwundert nach. Schon längst hatte sie einen gewissen Trübsinn an ihm bemerkt, der ihr zwar besser gefiel, als der gaukelnde, eitle Leichtsinn seines ehemaligen Betragens, der sie aber zu gleicher Zeit, und nicht mit Unrecht, auf einen heimlichen Gram schliessen liess, der an seinem Innern nagte. Da er aber nicht geneigt schien, sich zu entdekken, so