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indessen allen den Freuden, die sich ihm darboten, schon zufrieden, das schöne Ziel ihres Besitzes vor Augen zu haben. O, wenn mein Vater noch lebte, sagte Marie zuweilen, wenn sie süss berauscht von der wonnevollen Aussicht ihrer künftigen Tage in seinen Armen lag, wie würde er sich freuen, seine Tochter der Tugend getreu und glücklich zu sehen! Als er starb und ich vor seinem Bette kniete, seinen letzten Segen zu empfangen, nahm er mit seiner kalten Hand die meinige und ermahnte mich, nie meine guten Grundsätze zu vergessen! Sei noch so arm und verlassen, sagte er, so wirst Du dennoch nicht unglücklich sein, wenn Dein Gewissen rein ist, und Dein Bewusstsein Dich an keine Handlung erinnert, vor der Du erröten musst. Eine gute Aufführung, eine edle Denkungsart belohnt sich von selbst. Wenn sie auch oft die Welt vergisst und übersieht, so ist der innere Frieden, den sie mitten in Verfolgung und Elend dem Herzen gewährt, reichlicher Ersatz für die Entsagungen, die sie fordert. Denn glaube mir, es kommt eine Stunde, wo uns alles, was uns im Leben schön und glänzend schien, schal und unschmackhaft, mit verblichenen Farben vorkömmt, wo wir jeden kleinen Fehltritt schmerzlich bereuen, jede übereilte Tat ungeschehen wünschen, weil das sterbende Auge wie durch ein Vergrösserungsglas seine begangnen Fehler sieht, und der Glaube an Vergeltung Dornen auf das Krankenlager streut! O, wohl mir, dass ich meine Schuldigkeit tat, so viel mir's möglich war, dass ich mich bemühte, gut zu sein, und den Keim der Tugend in Dir nicht zu ersticken, sondern zu bilden! Ehre mein Andenken, indem Du meinen Lehren getreu bleibst, Dein Ohr dem Sirenengesang des Lasters, Dein Auge den Lockungen der Verführung entziehst, und nur guten, frommen Empfindungen Raum in Deiner Seele giebst! –
Der gute Vater! fuhr Marie mit sanften Tränen fort, wie ruhig starb er nicht, als ich ihm alles dies versprach! – Und ehe der Tod noch sein Auge schloss, fragte er mich mit brechendem Blick und Ton: Was wird aus Ludwig? – Ich konnte nur mit Seufzern und Tränen antworten. Er verstand mein Schweigen, drückte mir die Hand und sagte mit einer Güte, an die ich nie denken werde, ohne vor dankbarem Schmerz ausser mir zu sein: Ich will Dich nicht überreden, meine Tochter! ich will Dir nicht einmal meine Wünsche sagen, aus Furcht, Du möchtest sie als die letzten, die ich tue, auf Kosten Deiner Neigung erfüllen. Aber prüfe Dich wohl, wenn Du einst eine Wahl triffst, ob sie auch verdient, dass Du ihr Ludwig opferst. – Hier wurde sein Auge immer dunkler und starrer, nur dann und wann flackerte es wild auf, und wurde dann wieder ruhig, ehe eine ewige Nacht es bedeckte. – Ach, da vergingen mir die Sinne, und ich fiel hin auf die geliebte Leiche, und wünschte mich an ihre Stelle. –
Wodmar fühlte sich von dieser einfachen Erzählung heftig ergriffen, ein leiser Schauer durchflog wie Fieberfrost alle seine Glieder, aber er versteckte unter dem Anschein einer Rührung, die ihm Marien noch werter machte, seine wahren Empfindungen.
Das war der Tod eines braven Mannes, sagte Frau Köhler, und war doch nicht ganz frei von Unruh und Angst; – wie muss nicht der Bösewicht sterben, dessen Leben nichts als eine Reihe vorsetzlicher, mutwilliger Sünden war? Ach in der Todesstunde schweigt der Lärm der Fröhlichkeit, mit dem er sein Gewissen in gesunden Tagen zu übertauben pflegte, und alle seine Laster treten nackt und schwarz um sein Sterbelager, und haben die bunten Farbenkleider von sich geworfen, in denen er ehedem gewohnt war sie zu erblicken. Wenn sich nun dem Gottesläugner, dem Betrüger, dem Verführer, – und oft findet man alles in e i n e r Person, – wenn sich ihm nun die dunkle Aussicht in das Land, woher keiner wiedergekommen ist, uns zu sagen, wie es dort aussieht, mit allen Schrecknissen des Todes öffnet, und der Gedanke an die Vergeltung, die uns dort verheissen ist, füllt seine Seele mit Verzweiflung und durchfährt sein Innres wie tausend Dolche, – o wie gern gäbe er die Wollust ganzer Jahre, in der er schwelgte, für einen einzigen Tropfen Linderung, den eine gute Handlung seiner namenlosen Angst böte! – Wie wird nicht jeder seiner Seufzer ein Fluch der Vergangenheit, jede Erinnerung ein Anspruch, den die Verdammniss auf ihn macht! – –
O, hören Sie auf, rief der Graf, indem er bebend von seinem Stuhle sprang, und sich dann in lebhafter Bewegung wieder neben Marien warf, und sein Gesicht, in dem Fieberhitze mit Todesblässe wechselte, an dem ihrigen verbarg, hören Sie auf mit Ihren schrecklichen Bildern, und lassen Sie uns lieber die Armen schweigend bedauern, deren Leben sich so fürchterlich endigt. – Marie umschlang ihn mit einem ernsten Gefühl von Wohl und Wehe. Lass uns gut sein, mein Karl! sagte sie, und dann wird unsre letzte Stunde ruhig wie die vergangenen, nur ein wenig feierlicher vorüberziehn! –
Wodmar hatte kein Bleibens mehr. Mit Wermutsbitterkeit war in ihm die Stimme des Gewissens erwacht, die er durch die anmutigen Hoffnungen einer rosenfarbnen Zukunft in Schlummer gewiegt hatte. Er eilte nach Hause. Das Verbrechen, das er begehn wollte, die einsamen Qualen des Sterbebetts eines Verführers und die Ahndung einer Strafe nach dem Tode standen mit