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sah an ihr nur die Anmut, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, – nicht die Seufzer ihres Schmerzes, nur den schwellenden Busen, den sie hoben; und so sehr er auch Willens war, ihr seine gereizte Empfindlichkeit unverhüllt zu zeigen, so konnte er doch ihrer Schönheit, die ihre Fürsprecherin war, nicht widerstehn, und eine glühende Umarmung war seine einzige Antwort.
Ruhiger folgte ihm nun Josephine in den von hundert Kerzen erleuchteten Hochzeitssaal, und in den bebenden Ton, mit dem sie das feierliche Ja aussprach, goss sie die ganze Sanftmut ihres Herzens. Wir sind nun verbunden, Josephine! sagte ihr Gemahl, als sie allein waren, aber um beide glücklich zu sein, wollen wir die Uebereinkunft treffen, einander wechselsweise nicht in unsrer Freiheit zu beschränken. Sie sind ganz Meisterin Ihrer Zeit und Ihres Willens, und Ihr feines Gefuhl ist mir Bürge, dass Sie, auch wenn Sie Sich ganz selbst überlassen sind, nichts trotz Ihrer Jugend unternehmen werden, was meiner Liebe und meines Namens unwert wäre, und den zarten Ruf beflecken könnte, den Sie zu erhalten, Sich und mir schuldig sind. Die grosse Welt spottet über eine zärtliche Ehe, und ich muss gestehn, ich bin zu stolz, als dass ich verliebt in meine Frau scheinen möchte; – wenn ich also in Gesellschaften Ihre Liebenswürdigkeit weniger zu fühlen, und diesen schönen Augen, die ich zu Hause mit so vielem Vergnügen aufsuche, weniger zu begegnen scheine, als ich sollte, so geben Sie nicht mir, sondern dem grossen Ton, in den man einstimmen muss, die Schuld dieser scheinbaren Vernachlässigung, und sein Sie versichert, dass ich demohngeachtet das Glück lebhaft empfinde, Sie zu besitzen. Ich möchte, wenn ich wählen sollte, der Welt lieber verächtlich als lächerlich sein, und unterwerfe mich deswegen willig diesem Zwang, um dies letztere zu vermeiden. – Josephine hörte ihm ernstaft zu, ohne zu antworten. Seine Grundsätze empörten ihr Herz, und füllten es mit Kälte für ihn, die sich ihrem Benehmen gegen ihn mitteilte. Wenig Tage nach ihrer Verheiratung führte sie der Graf auf seine Güter, um sie ihr zu zeigen, ehe sie die Stadt bezögen, der seine Brust sehnlich entgegen klopfte, weil sie der Wohnort seiner unvergesslichen Marie war. Josephine, an ein einsames Leben gewöhnt und nicht gestimmt, Teil an den Freuden der Stadt zu nehmen, äusserte den Wunsch, den Winter auf dem Lande zuzubringen, und Wodmar willigte gern ein, da die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen immer eine Scheidewand zwischen beiden war, die sie nicht zu übersteigen vermochten, und da die, oft mit etwas Stolz und Strenge verknüpfte Moralität ihres Wesens ihn eben so sehr von ihr zurückscheuchte, als ihre Schönheit ihn anzog. Aber werden Sie nicht Langeweile haben, den ganzen langen Winter hindurch? frug er Josephinen. – O nein, versetzte diese, – denn Beschäftigung wird meine Gesellschaft sein.
Noch einen Monat hielt es der Graf in der ländlichen Abgeschiedenheit aus, die ihm anfing herzlich zur Last zu werden. Die Jagd war sein einziges Vergnügen, und er hing ihr mit Leidenschaft nach, aber sie konnte doch nicht ganz die Wünsche seines Herzens stillen, die nach süsseren Freuden strebten. Marie war und blieb der Inbegriff seiner schmerzlichsten Sehnsucht. Er suchte alles hervor, um die Gedanken zu entfernen, die ihn immer auf ihr Andenken leiteten; – er versammelte eine Menge junger Wüstlinge um sich her, und bemühte sich durch die lärmende Fröhlichkeit, die unter ihnen herrschte, die Seufzer seiner Liebe zu ersticken: aber das Denkmal, das verschwundne Freuden zurücklassen, ist nicht zu verlöschen. Er suchte es zu verbannen, wenn er sich mit seinen Freunden der zügellosesten Laune überliess, und wirklich floh vor ihrer stürmischen Munterkeit das Bild seines süssen, ehemalichen Glücks, und seiner Marie. Aber ein Augenblick der Einsamkeit gab seiner Erinnerung ihre ganze Kraft wieder, die die Zerstreuung geschwächt hatte, und er fühlte sich missvergnügter als jemals.
Eine Menge Entwürfe beschäftigten nun seine Seele. Ueberall stand ihm Mariens Festigkeit im Wege, aber er liess doch den Mut nicht sinken, denn er rechnete auf die Ueberreste ihrer Liebe, und auf – Betrug.
Zwölftes Kapitel
Endlich erschien der Augenblick, wo er dem Landleben und seiner Frau Lebewohl sagte; er tat es mit heiterm Sinn, und auch Josephine sah ihn ohne Kummer abreisen. Seine Gegenwart legte ihrer Schwermut Fesseln an, denn sie hielt es für ihre Pflicht, ihm zu verbergen, dass ein andres Bild als das seinige mit Flammenzügen in ihre Seele gegraben war. Nie soll er fühlen, gelobte sie sich in der Stunde der Vermählung, dass ich einen Andern liebe. Alle Folgen dieser unglücklichen Leidenschaft sollen mich allein treffen, und verschwiegen und ohne Klagen will ich leiden, bis mein Herz bricht oder ihn vergisst!
Der Graf kam glücklich in der Stadt an, und all' sein Blut geriet in Wallung, als sein Wagen an Mariens Hause dahin rollte. Vergebens sah er an alle Fenster: – ohne sie zu erblicken, fuhr er vorüber. Die trauliche Dämmerung empfing ihn, als er in seine Wohnung trat, und begünstigte die Erinnerung der Vergangenheit. Er fand Mariens Briefe, die er zurückgelassen hatte, weil es einst sein ernstliches Bemühen war, sie zu vergessen. Wie lebhaft trat nicht, als er sie jetzt wieder las, das Andenken jener glühenden Stunden vor seine feurige Einbildungskraft, und mahnte ihn an die unbeschreibliche Seligkeit, die er in ihren Armen genossen.