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unbeweglich wie ein Marmorbild.
Als die erste Betäubung vorüber war, ermannte sich August, hob den Brief auf, der Josephinens zitternden Händen entfallen war, und sagte mit ruhiger Fassung: Lesen Sie, Josephine! Kann er etwas schlimmeres entalten, als was wir schon wissen? – Vielleicht, und eine kleine Bitterkeit mischte sich unwillkürlich in seinen Ton, – vielleicht den Tag Ihrer Hochzeit, – – aber u n s kann ja nichts mehr scheiden! Nein, Josephine! die Freundschaft, die unsre Herzen verknüpft, ist ewig, wie die Zukunft, die uns hinter dem Grabe erwartet!
Josephine erbrach mit Beben den furchtbaren Brief. Bei jeder Zeile, die sie las, nahm der Schmerz zu, der ihr Innerstes folterte, und als sie geendigt hatte, ward ihr Auge dunkel, das Blatt entfiel ihr, und August fing sie in einer tiefen Ohnmacht in seine Arme auf.
"Sobald Du diese Zeilen erhalten hast, lautete der mütterliche Brief, so mache Dich zur Abreise fertig. Du wirst von den Händen Deiner Eltern den Gemahl empfangen, den wir Dir bestimmt haben. Er verdient unsre Wahl. Schönheit, Geist, Reichtum und hohe Geburt machen ihn zu einer der ersten Partien im Lande. Der zwanzigste Oktober ist zu Deiner Vermählung bestimmt. Säume daher keinen Augenblick, mit dem Wagen, der Dich abholen wird, sogleich die Stadt zu verlassen."
Gräfin von der Ecke.
Josephine, liebes, teures Mädchen! rief August, das schöne Geschöpf an sein Herz drückend, das aus Liebe zu ihm so bleich war, – komm wieder zu Dir, fasse Mut, beruhige Dich! Josephine öffnete das matte Auge, und fand sich in den Armen ihres Geliebten. Süss war ihr Erwachen, denn alles Vorhergegangne lag wie ein schwerer Traum hinter ihr, – sie lächelte bewusstlos die bittere Erinnerung an, die sie für ein Bild ihrer Fantasie hielt, und fühlte sich nur wieder unglücklich, als der grausame Brief ihr bewies, dass die Dinge wirklich so waren. Der kalte Schauder, der alle ihre Adern bei der Nähe ihrer Verbindung durchdrang, hatte sie erst gelehrt, wie sehr sie August liebte. Als jener fürchterliche Zeitraum noch in weiter Entfernung von ihr war, glaubte sie sich stark genug, mit festem Sinn den Mann ihrer Liebe dem kindlichen Gehorsam aufopfern zu können. Es schien ihr gross und erhaben, die Neigung ihres Herzens ernstern Pflichten zu unterwerfen, und das Gefühl ihres Wertes und ihrer Gewalt über sich selbst, regte sich stolz und schwärmerisch bei dieser grossen Gelegenheit, wo es sich zeigen konnte. Aber da der Gedanke einer nahen, und wahrscheinlich ewigen Trennung mit aller seiner Bitterkeit vor sie trat, – jetzt, da sie mit jedem Tage sich fester an den liebenswürdigen Freund schloss, und es tiefer fühlte, wie glücklich sie mit ihm sein könnte, – jetzt löschte die stille Träne der Liebe das Fantom ihres Stolzes aus.
Ist er denn wirklich für mich verloren? – sagte sie zu sich selbst, als sie allein war. Hab' ich denn einen einzigen Versuch gemacht, das Glück meines Lebens zu retten? – Ich will es wagen – ich will mich meiner Mutter entdecken, ich will sie in das Herz blicken lassen, das nur Augusts Liebe erwiedern kann. Welche Mutter könnte gleichgültig bei dem ewigen Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes sein, – welche Mutter könnte ihr einziges, flehendes Kind den Vorurteilen opfern, vor denen es zurückbebt!
Zwar mischten sich leise bittre Zweifel in ihre aufkeimende Hoffnung, aber sie fasste Mut, und entschloss sich fest zu sein. Hab' ich nicht durch die schmerzlichste Bemühung zu gehorchen, schon meine Pflichten erfüllt? fuhr sie in ihrem Selbstgespräch fort, und ist nicht das Streben nach Glück zu natürlich in der Brust des Menschen, als dass es Sünde sein könnte? – Die Welt wird freilich einen Schritt tadeln, der nicht in ihre Konventionen passt, aber was ist das Urteil der Welt gegen ein langes, trauriges Leben, hingeschleudert an einen Mann, den ich nicht kenne, der mich nur aus Eigennutz wählt, weil mir das Unglück Vermögen gab. – Und muss ich denn mit der Welt leben? finde ich nicht alles, was sie mir entziehen kann, in dem engen aber schönen Kreise meines stillen, häuslichen Glücks wieder? – – Ja, ich will mich mit frohem Sinn über ihren Beifall und ihren Tadel erheben und hinwegsetzen. Augusts treue Liebe, ein einsames, ländliches Leben, der Umgang seiner Mutter, die Einwilligung meiner Eltern, – Gott, es wäre zu viel, zu viel der Wonne für ein Herz, das schon anfing, das Hoffen zu verlernen!
Josephine sah jetzt gefasster dem Abschied entgegen, da sie diese süssen Bilder einer erträumten Zukunft nährte. Sie rief sich das Andenken ihrer Eltern ins Gedächtniss zurück, welches, da sie ihr durch die lange Trennung ganz fremd geworden waren, freilich ihre Hoffnungen nicht belebte, aber auch nicht niederschlug. Das Wiedersehn nach so manchem fern verlebten Jahre, glaubte sie, würde die Eisrinde schmelzen, mit der Stolz und höfische Eitelkeit ihre Herzen überzogen hatte, und dieser Glaube war so wohltätig für sie, dass sie sich hinwegwandte von allem, was ihn hätte vermindern können.
Nicht so August. Ihm war, als risse sich mit Josephinen der bessre Teil seines Ichs von ihm los. Als die Stunde des Scheidens schlug, breitete sich über sein ganzes Gesicht eine tödtliche Blässe aus. Leise verhallte der Ton,