highChunks/1799_Ahlefeld_000_19164.txt -- topic 75 topicPct 0.262048184872
schwamm es in einer stillen Träne, wenn sie es wieder erhob. Ihre Lieblingsbeschäftigung wurde jetzt das Zeichnen. Ihm widmete sie den grössten Teil ihrer Zeit, mit der sie sonst karg war. Da sass sie, und betrachtete die Gemälde, die vor ihr lagen, mit flammenden Blicken, denn August hatte sie entworfen, und die Liebe beseelte ihren Pinsel. Die einsamsten Gegenden wählte sie sich, und sie dünkten ihr paradiesisch zu sein, wenn sie im Geist sie mit August bewohnte. Diesen Träumen überliess sie sich so gern, sie machten sie heiter, ob sie gleich mit der Unmöglichkeit einer Erfüllung gepaart waren. Ihre glühende Fantasie zauberte den Himmel einer glücklichen Liebe um sie her, von dem sie so weit entfernt war, und grub das Bild des Geliebten immer tiefer in ihre Brust. Sie schwiegen beide, aber dies Schweigen war gefährlicher wie der Erguss ihrer gepressten Herzen gewesen wäre, denn jede Klage, die verstummen muss, jede Träne, die nur im Verborgnen fliessen darf, und jeder Seufzer, der sich verstohlen mit den Lüften mischt, ist ein Dolchstich für das kranke Gemüt, denn nur der Schmerz ist zu heilen, der sich mitteilen darf.
Neuntes Kapitel
Der Sommer nahte seinem Ende. An einem schönen Morgen im Anfang des September sassen August und Josephine im Garten, – Josephine arbeitete still, und beide sahen gedankenvoll vor sich nieder.
Wie doch alles vorübergeht! sagte August, indem er auf ein Beet verblühter Blumen wies, – vor wenig Tagen noch war's hier so bunt, und nun – – ach, Josephine! wir haben sie nicht gepflückt, diese Blumen, weil wir ihnen eine längere Dauer zutrauten, und die Natur bestrafte unser Zögern. Wann werden wir lernen den Augenblick benutzen? Wenige Wochen vielleicht nur noch, und wir sind auf immer geschieden. Wie mancher Tag, wie manche Stunde der Vergangenheit ist vorüber geeilt, ohne dass ich Sie gesehn habe, und wer weiss, wie karg mir die vom Schicksal zugemessen sind, in denen ich Sie noch sehen kann. Und doch ist die Erinnerung an Sie, an Ihre Güte, an Ihr liebevolles Wesen, selbst an diese unbenutzten Stunden, wo ich von Ihnen träumte, das einzige, was einen Strahl von schwermütiger Freude in mein künftiges Leben weben wird. Wie will ich mir das Andenken jener unwiederbringlichen Zeiten erneuern, in denen das Heiligtum Ihrer Seele mir offen lag! – wie will ich mir alle jene köstlichen Augenblicke zurückrufen, wenn die goldnen Tage des Beisammenseins wie ein schöner Traum dahin geflohn sind, und mir nichts mehr bleibt, als ihr Bild und mein Schmerz!
O, glauben Sie, Wilmut! versetzte Josephine mit feuchtem Auge, glauben Sie, dass ich weniger als Sie an diese unvergesslichen Jahre zurückdenken werde? Aus dieser Einsamkeit herausgerissen, in der mir so wohl war, in neuen Verhältnissen, vor denen mir schaudert, in die geräuschvollen Freuden der grossen Welt verflochten, denen ich ruhig in der Ferne zusah, ohne sie mir zu wünschen, – glauben Sie nicht, dass ich höchst unglücklich sein, und mich immerdar sehnen werde nach dem entschlüpften Labsal der Ruhe, die mir diese Stille gewährte. Ach, Wilmut, ein Gefühl ohne Namen presst mir die Brust, wenn ich in die Zukunft blicke. Hier unter dem schönen, blauen Himmel, der meinen Kampf sieht, geloben Sie mir ewige Freundschaft. Nicht in der kalten, alltäglichen Bedeutung, in der man sie gewöhnlich sich verspricht, – nein, im ganzen heiligen Sinne dieses Worts, für dieses und jenes Leben. Vorurteile trennen uns für diese Welt, aber nicht den ewigen Bund unsrer Seelen.
August beugte sich herab auf ihre Hand, und eine sanftere, schönere Empfindung, als alles vorhergegangene Verlangen seiner Liebe, füllte sein Herz. Ja, Wilmut! fuhr Josephine fort, und ihr Auge glänzte heiter, als erblickt' es Paradiese, ja Sie sollen immer mein erster, vertrautester Freund bleiben. In Ihren Busen will ich meinen Kummer ausgiessen, – mit Ihnen will ich die Freuden teilen, die ich sparsam auf meiner künftigen Laufbahn finden werde. Nehmen Sie den Namen Bruder von mir an, da ich nicht Geliebter sagen darf. Als Ihre Schwester ist es mir erlaubt, Ihnen alle die Liebe und Freundschaft zu versichern, die ich für Sie empfunden habe. Als Ihre Schwester darf ich Ihnen schreiben, was mich kränkt und freut, und wenn ich auch vor jedermann meinen stillen Gram verhülle, so soll doch immer mein teurer Bruder den wahren Zustand meines Gemüts erfahren, und mit mir trauern, dass gerade ich, ich mit diesem Herzen voll warmer Liebe ein Opfer der Konvenienz geworden bin! –
Sie sanken an einander in eine lange, sprachlose Umarmung. August zitterte an ihrem Busen, aber Josephine umfasste ihn mit der ganzen Unschuld und Reinheit des Verhältnisses, das sie sich erfunden hatte, ihre Wehmut zu lindern, ohne strafbar zu sein. Die Ruhe und Ergebung eines Engels glänzte in dem milden Blick, mit dem sie in Augusts flammende Augen sah.
Madam Wilmut näherte sich ihnen langsam und verlegen. Jetzt gilts, Josephine! sagte sie, jetzt ist die Stunde gekommen, die allen Ihren Mut, alle Ihre Standhaftigkeit fordert. Ein reitender Bote hat diesen Brief an Sie gebracht, und zugleich, – ihre Stimme fing an zu brechen, – die Nachricht, dass wir uns trennen müssen. Josephine erkannte die Hand ihrer Mutter, und ward bleich. – August stand