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unserer eignen Unvollkommenheit ist nicht unnütz, denn sie macht tolerant, und langsam und bescheiden arbeitet man daran, stärker, fester und besser zu werden.
Josephine war allein, und dachte nach über ihre Empfindungen. Madam Wilmut hatte sie nicht überzeugt, dass sie glücklicher mit Wodmar durch Achtung und Freundschaft, als mit August durch die innigste Liebe werden würde, denn wer könnte die Leidenschaft überzeugen, die mit ihrer ganzen, ersten Allmacht sich in einem siebzehnjährigen Busen regt, – aber sie hatte doch eine leise Hoffnung in ihrem Herzen geweckt, dass es möglich sein könnte, und die dornenvolle Zukunft, der sie entgegensah, mit einigen duftenden Rosen verschönert. Sie überlegte sich alles noch einmal. Es dünkte ihr edel und gross, dem Manne, den sie liebte, aus Gehorsam zu entsagen, und voll Duldung und Unterwerfung dem ernsten Rufe ihres Schicksals zu folgen. Selbst die wehmutsvollen Träume, in die ihre unglückliche Liebe sie wiegte, waren ihr süss, und nährten ihre Festigkeit. Ach, dem menschlichen Herzen sind die Freuden weniger notwendig, als der Schmerz – vielleicht weil es früher mit diesem als mit jenen bekannt wird. – August stellte sich vor das Auge ihrer Fantasie mit seinem tränenvollen, gutmütigen Gesicht, das der Kummer gebleicht hatte. Sie streckte ihre Arme mit Rührung aus, das geliebte Schattenbild zu umfangen, das sich ihre Einbildungskraft mit goldener Täuschung schuf, – aber sie zog sie wieder zurück, denn die Konvenienz, der sie doch einmal geopfert war, stand drohend ihr zur Seite. Diese zärtlichen Empfindungen, die sie ihrem unbekannten Bräutigam opferte, erfüllten sie jetzt nach und nach nicht mit Unwillen, sondern mit einem sanften Wohlwollen für ihn, das zart-fühlende Herzen immer für die Gegenstände empfinden, für die sie viel taten, viel verloren, viel vergessen mussten.
Es ist wahr, dachte sie, der Unterschied unsers Standes ist eine Kluft, die mich entweder von August oder von meinen Eltern trennt. Und soll ich denen, die mir das Leben gaben, nicht die Neigung meines Herzens als ein Zeichen meiner Dankbarkeit zum Opfer bringen, um ihre Wünsche zu erfüllen, die mich gern gross und glücklich sähen? – Zwar – kann die Natur es billigen, wenn man seinem Glück entsagt? – Können Eltern die entscheidende Stimme verlangen, wenn es auf das Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes ankommt? und doch, doch! setzte sie ihr Selbstgespräch fort, und gelobte sich feierlich, gehorsam zu sein. Der Gedanke, unrecht und undankbar gehandelt zu haben, sagte sie zu sich selbst, würde Wermut in den Wonnebecher der Liebe mischen, und ein ewignagender Wurm an meinem Innern sein. Aber wenn ich nun allen meinen rosenfarbnen Hoffnungen auf Lebensglück Lebewohl sage, und dem Mann meine Hand gebe, dem nie mein gebrochnes Herz gehören wird, o da wird mein Bewusstsein Balsam in die Wunde träufeln, die mir das grausame Verhängniss schlug.
August kam, wie er es seiner Mutter versprochen hatte; Josephine flog ihm entgegen. Sie reichte ihm die zitternde Hand, die er ergriff, und an seine Lippen drückte. Madam Wilmut war in ängstlicher Erwartung Zeuge dieses traurigen Augenblicks. Nehmen Sie mit diesem Händedruck, sagte Josephine ernst und wehmutswoll, aber ruhig, nehmen Sie mit diesem Händedruck die Versicherung meiner ewigen Freundschaft. August! ich darf Ihnen nichts als Freundin sein, aber das will ich Ihnen bleiben, so lange diese Augen offen stehn, und so lange diese Lippen Ihren Namen stammeln können. Ich habe gekämpft mit meinem Herzen, und es ist nun ruhig. Sein Sie es auch, August! – Sollte ein Mann nicht mehr vermögen, als das schwache Mädchen? – Sollte ich Ihnen mehr Stärke der Seele zugetraut haben, als Sie wirklich besitzen? O, nein, nein Wilmut! ich habe mich nicht in Ihnen geirrt, wenn ich, da ich Sie nicht lieben darf, von Ihnen gleichen Mut erwartete, ein Schicksal zu tragen, das nun einmal unsre Bestimmung ist. Nicht wahr, Sie tadeln mich nicht, dass ich eine folgsame Tochter bin, obgleich mein Gehorsam mir und Ihnen so viel kostet? –
August verhüllte sein tränendes Auge. Es giebt eine Zukunft, antwortete er, in der keine Vorurteile mehr herrschen. Da werden wir uns wieder finden, das weissagt mir meine Seele. Bis dahin ewige, ewige Freundschaft!
Madam Wilmut umarmte eins nach dem andern. Seid fest, meine Kinder! sagte sie, und beide versprachen es.
Das alte Verhältniss war nun so ziemlich unter beiden wieder hergestellt, bis auf jene holde Unbefangenheit, die ehemals die glückliche Unwissenheit ihrer Gefühle begleitete, und die die schönste Würze ihres Umgangs war. August und Josephine sahen sich täglich, und die Flamme ihrer Leidenschaft brannte noch immer insgeheim fort, ob sie gleich öffentlich gedämpft zu sein schien. War Madam Wilmut bei ihnen, so wachte jedes über seine Worte und Bewegungen, – waren sie aber allein, so entschlüpfte Josephinen ein tiefer, lang zurückgehaltner Seufzer, der seinen Wiederhall in Augusts Busen fand. Sie sahen sich dann an, und ihre Blicke wurden feucht. August berührte mit wonnevollem Beben ihre blonden, seidnen Locken, so oft es unbemerkt geschehen konnte, und wenn ihn ihr Gewand bestreifte, so durchdrang ein süsser Schauer sein innerstes Wesen. Josephine hing mit trüben Blicken an seiner angenehmen Gestalt, wenn er nicht hinsah, – begegnete aber sein Auge dem ihrigen, so schlug sie es nieder, und wurde rot, und oft