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wenn ich durch die freiwillige Entsagung aller meiner Ansprüche Ihnen einen Sohn, mir einen Mann erhielte, den wir beide lieben, der mir alles ersetzen wird, was ich ihm opfere, – alles! – Ihr Auge füllte sich mit Tränen. – Meine Eltern! rief sie weinend aus, aber mit Fassung setzte sie hinzu: Ja, auch meine Eltern! Heilig sind die Rechte, die Sie, meine zweite Mutter, auf mich haben, sie geben meiner Liebe die Sanction der Pflicht.
Nein, meine Josephine! antwortete Madam Wilmut innig gerührt. Weder ich noch August können die Opfer annehmen, die Sie uns bringen wollen. Ihre Eltern vertrauten mir in Ihnen ihren grössten Reichtum, ihre einzige Hoffnung an. Ich habe den fruchtbaren Boden gebaut, den ich fand, und bin reichlich belohnt für jede kleine Mühe, die mir Ihre Erziehung machte, durch die Folgsamkeit, mit der Sie meine Lehren annahmen. Wenn ich mir Rechte auf Ihre Dankbarkeit erworben habe, o so bitt' ich Sie, Josephine! bleiben Sie bei Ihrem ersten Vorsatz, der für ihre Ruhe und die meinige am heilsamsten ist, – nehmen Sie die Hand des Gemahls an, den Ihnen Ihre Verwandten gewählt haben, und bleiben Sie immer die Freundin meines Sohns. Er ist nicht so krank, als ich ihn schilderte; – musst' ich nicht diesen Kunstgriff brauchen, um Sie zur Sprache zu bringen, da eine gegenseitige Erklärung uns so notwendig war? – Der Balsam der Freundschaft wird ihn heilen, und die Ueberzeugung, dass Ihr Glück von ihm Entsagung fordert. Glauben Sie mir, und wär' er auch dem Tode nahe, so würd' ich ihn doch lieber sterben, als Sie in Ihrer Pflicht wanken sehn. Nein, meine Liebe! vergessen Sie einen jungen Mann, den die Leidenschaft hingerissen hat, zu sprechen, wo er ewig hätte schweigen sollen, und sehen Sie mit Mut in die Zukunft, die auch ohne ihn Ihren Weg mit Blumen bestreuen wird. Dies Erwachen der ersten Gefühle, wie oft betrügt es nicht die jungen, unerfahrnen Herzen, welche glauben, dass von ihm das ganze Glück des Lebens abhängt, und dass es zertrümmert ist, wenn Verhältnisse sich den ersten Wünschen entgegen stellen. Ach, Josephine, die erste Liebe macht nur selten, fast möcht' ich sagen, nie glücklich; denn sie ist nur ein Rausch, der die Sinne fesselt, die noch nicht wissen, was sie wollen. Und wenn er verfliegt, – o was vermag dann die Leere auszufüllen, die wir überall empfinden? Mit überspannten Erwartungen erreichen wir das Ziel unsrer Hoffnung, wenn es uns erlaubt ist, uns ihm zu nähern, und fast immer sehn wir, dass die rosenfarbnen Träume schwinden, eben wenn wir glauben, dass sie in schönere Wirklichkeit übergehn sollen.
Ach, seufzte Josephine, werd' ich nicht ewig mein Loos beweinen müssen, wenn August nicht mein wird? Wie werd' ich einen Andern lieben können, wenn Er in meiner Seele herrscht? –
Achtung und Freundschaft sind Gefühle, versetzte Madam Wilmut, die die Liebe ersetzen, und überleben. Sie werden glücklich sein, Josephine! wenn Ihr künftiger Gemahl Ihnen beides einflösst, und auch er wird ein besseres Loos haben, als wenn Sie ihn liebten, wie Sie vielleicht August lieben.
Wie meinen Sie das? fragte Josephine verwundert.
Leidenschaft, fuhr Madam Wilmut fort, nimmt uns die Gewalt über uns selbst, durch die wir erst Glück und Freude in die geselligen Zirkel verbreiten können, die uns umgeben. Sie stumpst den scharfen Blick ab, den ein freies Herz in die Welt wirft, und wie können wir ohne diesen Blick sehen, was dem Gegenstand wohl oder wehe tut, den wir beglücken wollen? – Ach, Josephine! unsere Bestimmung ist ja, mit Selbstverläugnung die Seufzer der Sehnsucht zu ersticken, die unsre Brust heben, und die Rosen, die auf unserer Laufbahn blühn, zu entblättern, um sie auf die Wege Andrer zu streuen. Wollen Sie ihn nicht erfüllen, diesen traurig-schönen Beruf der Entsagung? – Kann Sie das Bewusstsein nicht trösten, dass Sie die Wünsche Ihrer Eltern auf Kosten der Ihrigen befolgt haben? –
Josephinens Blicke netzten sich mit Tränen. Ja, rief sie endlich aus, Sie haben Recht, meine teure, mütterliche Freundin! Ich will mich fügen in mein Schicksal. Unterstützen Sie mich, wenn ich wanke. Ach, Madam Wilmut, wie kommt's, dass ich, sonst so streng in meinen Meinungen gegen mich und Andre, jetzt auf einmal so schwach bin? Ehmals glaubt' ich, ein innerliches Gefühl in mir, auf das ich stolz war, würde gleichsam mechanisch meine Wahl bestimmen, wenn ich mich für den rechten oder unrechten Weg entscheiden sollte. Und jetzt, – der kindliche Gehorsam führt mich auf die Dornenbahn meiner Pflichten, aber meine ganze Neigung widerstrebt.
Madam Wilmut antwortete: Das liegt so in uns egoistischen Menschen. Unsere Forderungen gegen Andre sind streng, aber uns scheinen sie leicht, weil wir uns einbilden, dass wir in ähnlichen Fällen alles leisten könnten, was wir fordern. Dieses allzugrosse Selbstvertrauen macht oft, dass unsre Vorsätze scheitern, und dass wir dann in unsrer ganzen Schwäche gedemütigt da stehn. Wir sehen alsdann, dass es leicht ist, zu wissen, was gut oder böse ist, aber schwerer das Gute auszuüben, als es von Andern zu verlangen. Eine solche Bekanntschaft mit