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betreten hast, bringt Dich ihr immer näher, statt Dich von ihr zu entfernen. Wenn du ihren Anblick noch so sorgfältig meidest, wird sie doch immer vor dem Auge Deiner Fantasie stehn, und am Ende nicht mehr wie ein Mädchen, sondern wie ein Ideal, und deswegen gefährlicher vor Deiner Einbildungskraft schweben. Nein, sieh' Josephinen täglich, – sage Dir immer vor, wenn Dich ihre Liebenswürdigkeit entzückt, dass sie die Braut eines Andern ist, dass Dir die Ehre zum heiligen Gesetz macht, zu schweigen. Nach und nach wird Deine Liebe sich in Freundschaft verwandeln, und diese verbieten Dir Josephinens Verhältnisse nicht. Josephine selbst wird Dir, ihrer Pflichten eingedenk, die Hand zur Rettung aus dem Labyrint bieten, in das Dich die Liebe führt. August kämpfte mit sich selber. Er wollte sie vermeiden, und doch sehnte er sich nach ihr, und wenn er ihr Bild, das seine Einsamkeit teilte und schmückte, mit liebevollen Blicken betrachtete, wachten alle seine übertäubten Wünsche, das schöne Original selbst zu sehn, in seiner Seele auf, und es kostete ihm viel, sie zu ersticken. Madam Wilmut bestritt seine Zweifel, sein Herz war mit im Spiel, er gab nach, und versprach ihr, den andern Tag zu kommen. Ruhiger als Madam Wilmut wirklich war, schied sie von ihm, und begab sich nachdenkend nach Hause. Was sie erfahren hatte, war ihr sehr unangenehm, und machte ihr viel Unruh. Sie kannte Josephinens Lage, und hatte sie oft im Stillen bemitleidet. Da sie wusste, dass ihre Bestimmung einst war, die Gattin eines Mannes zu werden, den die Konvenienz ihr erwählte, so hatte sie mit der grössten Sorgfalt über Josephinens Herz gewacht, um es frei zu erhalten. Sie wird weniger unglücklich sein, dachte die gute Frau, wenn sie, ohne die Liebe zu kennen, ihrem künftigen Gemahl ihre Hand giebt. Ein wenig Herzlichkeit von seiner Seite zu der Achtung, die sie gewiss auch dem leichtsinnigsten Libertin einflösst, und jene glückliche Unwissenheit bei ihr, zu ihrem angebornen Wohlwollen, wird vielleicht eine Ehe, die nur Stolz und Eigennutz schlossen, zu einer glücklichen machen. – So dachte Madam Wilmut, und erhielt Josephinen in einer strengen Eingezogenheit. Ihr Umgang mit August war so unbefangen, und blieb, bis er den unglücklichen Einfall hatte, sie zu malen, so ganz in den Gränzen einer ruhigen, weit von der Liebe entfernten Freundschaft, dass sie nicht das geringste von der Vertraulichkeit fürchtete, die sie unter beiden herrschen sah. Josephinens stille Trauer, die sie der nahen Veränderung ihres Standes und der Trennung zuschrieb, die ihnen in wenig Monaten drohte, ihr Hang zur Einsamkeit, ihre leidende Gestalt; – alles dies erschien ihr jetzt in einem andern Lichte. Sie fühlte sich gekränkt durch Josephinens Heimlichkeit, mit der sie ihr die wahre Ursach ihres Kummers verborgen hatte, und doch lag in ihrem Schweigen wieder etwas Edles, das sie zwang, dem Mädchen zu verzeihen, und es zu achten, das im Stillen litt, und seine Liebe bekämpfte, ohne seinen Schmerz auf andre zu verbreiten, – – denn musste es der zärtlichen Mutter nicht weh tun, ihren Sohn hoffnungslos lieben zu sehn? – Achtes Kapitel Sie ging zu ihr mit einer niedergeschlagenen Miene. August ist sehr krank, sagte sie, – Josephine wurde so bleich, wie ihr Gewand. Krank? – wiederholte sie mit bebenden Lippen. – Ja, versetzte Madam Wilmut. Ein geheimes Leiden der Seele, vielleicht eine unglückliche Liebe, sagte der Arzt, wird ihn – – O, Himmel, schrie Josephine, indem sie schnell aufsprang, und kraftlos wieder zurück fiel, er stirbt, und ich, ich bin seine Mörderin! Madam Wilmut sah sie mit einem befremdeten Blick an. Was fällt Ihnen ein, was ist Ihnen, Josephine? – Ach können Sie mir verzeihen? – Nein, niemals, niemals werde ich mir selbst vergeben, rief die Gräfin, August liebte mich, er gestand mir's, ich liebte ihn wieder! – Aber die Vorurteile, die Strenge meiner Eltern, die ich kannte, – ach ich benahm ihm jede Hoffnung, weil ich's für meine Pflicht hielt; – aber jetzt, – ihn zu retten ist auch eine Pflicht, und ich muss, ich will sie erfüllen. – – Wie Josephine? sagte Madam Wilmut sehr ernstaft, so schnell können Sie Ihre Entschlüsse ändern? Einen Vorsatz, den Sie Sich selbst, den Sie Ihren Eltern schuldig zu sein glaubten, der sich auf eine feste, ruhige Ueberlegung gründete, diesen könnten Sie auf einmal in einem leidenschaftlichen Augenblick aufgeben, um dann lebenslang Ihre Unbesonnenheit zu bereuen? – Josephine stand vor ihr mit gesenktem Auge, und tief errötenden Wangen. Es ist wahr, hub sie endlich an, ich glaubte, es sei meine Pflicht, die Stimme zum Schweigen zu bringen, die so laut in meinem Herzen zu Augusts Vorteil spricht. – Meinen Eltern, die meine Neigung niemals billigen würden, bin ich das Leben schuldig, – Ihnen, teure Freundin! mehr als dies. Sie lehrten mich gut sein, und zeigten mir den Weg des Friedens, indem Sie mir gute Grundsätze einflössten, und meinen Begriffen eine richtige Stimmung gaben. – – Wenn nun August ohne mich nicht leben kann, so wie ich ohne ihn gewiss nie glücklich bin, o wodurch könnte ich Ihnen meinen Dank und meine Zärtlichkeit stärker beweisen, als