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sollte. Alsdann sollte er mit einem ihm angemessenen Dienst, der ihm versprochen war, die Hand seiner schönen Braut empfangen, eine Aussicht, die das Paradies vor ihm öffnete.
O ihr seligen Träume und Hoffnungen der Liebe, warum erfüllt euch die Wirklichkeit so selten? – Die Zeit der Abreise nahte heran. – Ludwig machte Anstalten, seinem neuen Berufe zu folgen. Lebe wohl, mein Freund! sagte Marie zu ihm in der Stunde des Abschieds. Gedenke meiner in der Entfernung, und kehre gut und brav wieder, wie Du von mir gehst.
Lebe wohl, Marie! antwortete Ludwig mit bebender Stimme, indem er ihr einen Ring von seinen Haaren gab, und grosse Tränen traten in sein redliches Auge. Darf ich Dir schreiben? – Schreib meinem Vater, Ludwig, versetzte Marie, und neigte sich in seine Umarmung. –
Ewig, ewig bin ich Dein! rief Ludwig, schloss sie fester an sein Herz, und eilte, wohin ihn sein Schicksal rief.
Ernstaft stand Marie am Fenster, und sah ihm nach. Ihr ganzes Wesen bewegte sich mit Wärme für ihn. Er war so gut, er war so herzlich–nie fühlte sie das inniger als jetzt. Sie sah ihn noch, wie er vor ihr stand, im Schmerz der Trennung verloren, die hellen Tränen, die über die braune Wange flossen, den schüchternen Blick, der auf ihr ruhte, mit stillen Bitten um ihre Treue. Ja, ich werde glücklich mit ihm sein, rief sie, und ihr Auge hing noch immer an der Stelle, wo er verschwand. Sie setzte sich ans Fenster nieder, und versank in ernste Träumereien.
Zwar oft, in ihren einsamen Stunden, hatte sich ihre Einbildungskraft ein Ideal entworfen, und diesem glich Ludwig nicht. Mit jeder männlichen Vollkommenheit geschmückt stand ein Bild vor ihrer Seele, dem sie huldigte in stiller Liebe; – aber ach, wo sollte sie den finden, dem es ähnlich war? O wie würde ich ihn lieben, seufzte sie oft, wenn ich ihm begegnete, ihm, der meinem Bilde gleicht! Aber ihre Sehnsucht war umsonst. Er ist nicht auf dieser Erde, sagte sie traurig, und suchte ihr Ideal zu vergessen. Als sich Ludwig mit allem Feuer seiner Leidenschaft um sie bewarb, stellte sie es tiefer in den Hintergrund ihrer Seele, weil sie überzeugt war, es nie zu finden. Seine Güte, so anspruchlos und wahr, sein fester, männlicher Sinn, seine innige Liebe zu ihr, erwarb ihm ihre Dankbarkeit und Freundschaft. Sie duldete seine Zärtlichkeit, wenn sie sie auch noch nicht erwiederte, und sah mit Hoffnung und Ruhe in die Zukunft, die sie verbinden sollte.
Der Vater unterbrach ihre Gedanken, die sich mit fernen Tagen beschäftigten – es war ein Geräusch auf der Strasse entstanden – sie hatte es nicht bemerkt. Sieh doch, Marie, sagte er zu ihr, wer mag wohl der Herr sein, der da an unserm Hause vorüber reitet? Marie öffnete das Fenster, und erblickte einen jungen, schönen Mann, der in einem einfachen Jagdkleide, umgeben von einigen Dienern in reicher Livree, auf einem mutigen Falben vorüber ritt. Eine englische Dogge begleitete ihn mit frohem Gebell; Marie sah gedankenvoll hinab – ein Armer bat um eine Gabe. Der Unbekannte hielt, und mit einer Leutseligkeit im Ton und Blick, die sein Geschenk noch übertraf, warf er mit freundlichen Worten ihm ein Goldstück zu, und sprengte rasch von dannen.
Er schien ohngefähr sechs oder sieben und zwanzig Jahr alt zu sein, hatte eine schöne Gestalt voll Anstand und Würde, Augen, in denen eine sanfte Schwärmerei mit jugendlichem Feuer sich stritt, Lippen, auf denen der mildeste Ernst mit dem frohen Lächeln der Jugend sich paarte, eine Stirn, stolz und leicht empört, und regelmässige Züge, durch eine sanfte Melancholie verschönert. Mit wilder Anmut flogen die seidnen Locken um ihn her, und kühn und gebieterisch wölbten sich die dunkeln Augenbraunen über den ernstaft lächelnden Blick. – –
Marie ging hinab in den Garten. Sie bewohnten ein schönes Haus in der Vorstadt, dessen Garten eine freie Aussicht auf die lachende Landschaft hatte, die L. umgab. Sonst sass sie gern allein, in dem grünen Dunkel ihrer Lauben, aber heute war es ihr zum ersten Mal zu einsam. Eine ahnende Wehmut bemeisterte sich ihrer, sie wusste sich ihr Gefühl nicht zu erklären, so sehr sie ihm auch nachhing, und buntverworrene Bilder umgaukelten sie.
Der Anblick des schönen Fremden hatte die Spuren von Ludwigs Abschied halb verlöscht. Wer er wohl sein mag? fragte sie sich selbst. Doch was kann m i r daran liegen, antwortete sie schnell, und setzte sich nieder zu ihrer Arbeit.
Aber es wollte ihr heute nichts gelingen. Mit Unwillen bemerkte sie es. Sie fühlte sich so beklommen, alles schien ihr so öde, dass sie rasch aufsprang, und die Tür öffnete, die auf die Strasse ging, um eine ihrer Nachbarinnen um ihre Gesellschaft zu bitten. Aengstlich sprang ihr, als sie heraustrat, die englische Dogge entgegen, die vor kurzem den Unbekannten begleitet hatte. Sie schien sich verlaufen zu haben, und eilte freundlich zu Marien, als wäre sie längst mit ihr bekannt. Marie, deren weiches Herz von einem reichen Wohlwollen für Menschen und Tiere erfüllt war, nahm den Flüchtling gütig auf, und dachte nicht mehr an die Nachbarin. Der Hund trug ein Halsband von blauem Sammet, mit einem goldenen