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Summen, und mein Vermögen war zuerst verschwendet, da es in Capitalien bestand. Mein Gemahl machte öftere Reisen nach den zunächstliegenden Städten, und jetzt häuften sich auch die Schulden auf unsern Gütern.
Ich fühlte, wie nötig meinem Mann Zerstreuungen waren, und machte bei den unsinnigsten Ausgaben nie eine Einwendung.
Mit seinem guten Genius, mit Nordheim, war die Freude an stillen Beschäftigungen verschwunden, und geistlose Zerstreuungen wurden aufs neue hervorgesucht.
Ich machte mir das stille Dulden, zu dem mich meine immerwährenden Träume ohnediess hinneigten, zur Tugend, und empfand eine Art von Selbstzufriedenheit dabei.
Bald erfuhr ich, dass mein Gemahl eine Sängerin unterhielt, und meine Leidenschaft, der jeder Schimmer einer Rechtfertigung willkommen war, hatte ihre stille Freude an diesem Verhältniss.
Als Nordheim von seiner Reise zurückkam, sah ihn mein Gemahl in der Stadt; er schrieb mir teilnehmende freundschaftliche Briefe, aber er besuchte mich äusserst selten, und nie allein.
In kurzem entwarf mein Mann den Plan nach Paris zu reisen, um dort in der grössten Eingezogenheit zu leben. Mich bat er in eine Stadt zu ziehen, und mich mit einem mässigen Jahrgelde einzurichten. Die Güter sollten während dem nach einem strengen ökonomischen Plan verwaltet werden.
Ich merkte wohl, wer diesen Plan entworfen hatte. Natürlich willigte ich in alles. Mein Mann schied mit sonderbarer Rührung von mir. Wir beweinten beide unser Schicksal, wie wir es nannten, dem doch nur die Schwachheit unsers eignen Herzens diese traurige Gestalt gegeben.
Ich hatte während meines Aufentalts auf dem Lande, im Ganzen an wissenschaftlicher Bildung gewonnen. Der Prediger des Orts war ein gelehrter und gebildeter Mann, der meine Wissbegierde lebendig erhielt, so sehr sie auch immer wieder von den Träumen der Leidenschaft unterbrochen wurde.
Vor leerer Gesellschaft beschützte mich mein gebildeter Geschmack, als ich jetzt wieder in der Stadt lebte. Ich liebte die Einsamkeit, und vertauschte sie nur gern mit einem Cirkel, wo Bildung und Geschmack herrschte. Zum Glück fand ich einen solchen, in dem ich mit Liebe empfangen wurde. Aller Umgang, aus dem ein zärtliches oder leichtsinniges Verhältniss entstehen konnte, war mir verhasst, weil er meine Empfindung für Nordheim berührte, und ich fand in kurzem keine Liebhaber mehr, sondern Freunde.
Die Verwirrung meiner ersten Jugend hatte mir den heitern Frieden der Unschuld für immer geraubt. Ich fühlte eine schreckliche Lücke in meinem Dasein; nur in einem stillen guten Wirken fand ich eine Art von Ruhe, von Einheit in meinem Innern. Meine Liebe wurde dann von einem Schimmer der Hofnung erhellt, und sie war und blieb das Element meines Daseins. Die Hofnung erhielt mein Leben.
Nordheim schrieb oft und freundschaftlich von einem Posttag zum andern. Jeden Brief entfaltete ich mit der Ahndung eines zärtlichen Inhalts; immer wurde diese getäuscht, aber immer fand doch auch mein Herz einen neuen Faden, an dem sich seine goldene Träume fortspannen.
Mein Gemahl schrieb mir, in der ersten Zeit seiner Entfernung, alle Woche, hernach alle Monate, und endlich nur von Vierteljahr zu Vierteljahr. Seine letzten Briefe verrieten Unruhe und den Zwang sie zu verbergen.
Was fühlte ich, als nach fünf Jahren der Trennung Nordheim in mein Zimmer trat!
Er brachte mir die Nachricht von dem Tode meines Mannes, und Trauer und Unruhe mischte sich in den süssesten Genuss des Wiedersehns.
Der Tod verändert unser Herz, und der Charakter eines Verstorbenen erscheint immer in anderm Licht, weil er uns getrennt von allen Verhältnissen erscheint, die Furcht und Hofnung in unsrer Brust erzeugten. Er macht alles unwiderruflich. Spuren, die der Gang des Lebens vertilgt hätte, bleiben jetzt wie in Erz gedrückt stehen.
Das Bild eines beleidigten unversöhnten Schattens verfolgte mich, und innre Vorwürfe zerrissen meine Seele.
Der letzte Wille meines Mannes zeigte nur Güte, ja das reinste zärteste Wohlwollen für mich an. Alles von seinen Besitzungen, was nicht Lehngüter waren, hatte er mir zugeteilt, und Nordheim zeigte mir einen Brief, in dem er ihn ausdrücklich und dringend bat, für mein Bestes zu sorgen.
Wir gingen auf das Gut, wo die Geschäfte hinriefen, Nordheim, ich und eine Freundin, ein gutes Geschöpf, das sich unaussprechlich an mich geheftet hatte.
Diese zwei Monate waren die süssesten meines Lebens, obgleich Schmerz, Reue und Hofnung sich sonderbar in mein Innres teilten.
In Nordheims Gegenwart schwiegen Schmerz und Reue, gleich wie aus dem Hain der Göttin die rächenden Erinnyen entfliehen.
Den ganzen Tag sah ich meinen geliebten Freund für mich beschäftigt; den Abend versammelten wir uns. Mit sanfter Heiterkeit suchte er mich zu unterhalten.
In edlen Seelen nimmt das Mitleid so leicht die Farbe der Zärtlichkeit an. Das glänzende Auge, die sanfter bewegte Stimme täuschen ein liebeglühendes Herz, ohnediess so geneigt an die Empfindung zu glauben, die es fühlt und wünscht.
Wie schrecklich erwachte ich aus meiner Täuschung, als Nordheim bei unsrer Abreise vom Lande sogleich die Anstalten zu einer neuen langen Entfernung von mir machte!
Dieses Umstürzen aller meiner Erwartungen erzeugte eine heftige Krankheit, an der meine Natur längst gearbeitet hatte. Ich fiel in ein hizziges Fieber. Meine Freundin und Nordheim verliessen mich nicht. Ich lag am Tode. Nur selten hatte ich einen hellen Augenblick während meiner Krankheit. Ich freute mich in solchem über die Hofnung, aus der Welt zu gehen, und sah Nordheims Sorgfalt für mich mit der zärtlichsten Rührung.
Wie verwundert, wie angenehm überrascht wurde ich, als ich bei meiner Genesung wahrnahm, dass Nordheim seinen Reiseplan geändert hatte.
Als