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Nordheim zu ihr gekommen war. Mein Entschluss, ihn nicht wieder zu sprechen, blieb fest, aber noch einmahl wollte ich den lebendigen Zauber seiner Gegenwart empfinden, und seine Gestalt als ein holdes Bild für meine dunkle Zukunft bewahren. Ich lauschte hinter meinem Fenster, bis er aus dem Hause ging. Er trug dasselbe Reisekleid, in welchem ich ihn zuerst gesehen. Er wendete sich nach meinem Fenster. Mut und Vertrauen und Vergessenheit alles Schmerzens strahlte aus dem edlen liebevollen Gesicht in meine Brust. Aber als er hinter der Ecke der Strasse verschwand, ergriffen mich alle Schauer der Zerstörung aufs neue. Zum letztenmahl – es ist vorbei – es ist aus, sagte ich mir. Z u m l e t z t e n m a h l , ist ein beunruhigendes Gefühl bei der gleichgültigsten Sache, weil es an unser engbeschränktes menschliches Dasein so innig erinnert; und zum letztenmahl! bei der höchsten Lebensfreude ergreift uns wie die kalte Hand des Todes. Charles trat in diesem Augenblick ins Zimmer. Ich eilte ihm entgegen, und suchte mein Gemüt zu verbergen, aber er wich stumm und erschrocken bei meinem Anblick zurück. Haben Sie mir eine böse Zeitung zu bringen? fragte ich ihn. Nein, erwiederte er, möge ich keine von Ihnen zu vernehmen haben, und Ihre Worte Ihrem Aussehen widersprechen. Sein herzlicher Anteil löste alle Banden meines Schmerzens, meine Tränen flossen unaufhaltsam. Der zarte Sinn meiner Mutter schien mir von Charles Lippen entgegen zu schweben. Er nahte sich mir sanft, fasste meine Hand, und nach einem tiefen Blick in meine Seele saate er: Sollte für dich, gutes Geschöpf, der Moment schon gekommen sein, wo die freundlichen Täuschungen der Sinnenwelt sich in quälende Gestalten verwandeln? Ist der jugendliche Wahn einmahl verschwunden, in dem wir freundlich und harmonisch mit der äussern Welt zusammenfliessen, wo unser Wesen in allem innig und ganz lebt, und eben darum keine Trennung in seinem Innern empfindet; ist jene Magie einmahl aufgehoben, und musst du den innern Bestand in dir selbst durch eignes Streben wieder herstellen, dann kann dir vielleicht der Rat eines Freundes nützen. Dein Wesen, gutes Kind, fuhr er fort, ist Liebe und Sympatie. Genuss ist für dich nur in der reinen Stimmung deines Innern zu finden; also lasse früh ab von der Täuschung, die uns einen äussern Gegenstand als die höchste Wonne des Lebens vormahlt. Aber hüte dich auch vor jenen Momenten starrer Apatie, in welche unser Gemüt so leicht nach einer zerstörenden Anspannung fällt. Handle nicht eher, bis der klare Blick deines Verstandes alle Dinge in ihrem rechten Mass zu würdigen vermag. Der erste tiefe Schmerz getäuschter Erwartung treibt die Seele aus dem endlichen Beschränkten empor ins Unendliche. Wir herrschen über die Gestalten der Erde in unserm Gemüt, denen wir sonst dienten. Glücklich wenn wir in solch einer Periode innrer Klarheit und Neinheit uns selbst eine richtige haltbare Stellung in unsern innern und äussern Verhältnissen geben! Glücklich, wenn das Schicksal uns an einem Scheideweg stehen lässt, bis wir uns selbst gesammelt haben, und das Mass unsrer Kraft zu ermessen vermögen. Wenig Glückliche führt ihr Genius ganz schuldlos durch das Leben. Manche müssen mit dem Opfer eines ganzen Lebens wenige Augenblicke büssen, in welchen sie verschmähten, auf jenen leitenden Wink zu achten. – Hier hielt Charles ein, schlug die Augen nieder, und sein ganzes Wesen verriet einen Sturm durch die Gewalt schmerzlicher Erinnerungen erzeugt. Meine Agnes, rief er aus, indem sein Auge einen Blick unaussprechlicher Liebe auf mich warf, wenn es mir gelänge, dir den reinen nie getrübten Frieden der Seele zu erhalten, dann will ich jedes Leiden, das ich erduldete, als eine Wohltat des Schicksals dankend verehren! Er stieg heftig von seinem Stuhl auf, lief ein paarmahl im Zimmer auf und ab, und kam dann mit ruhiger Miene wieder zu mir. Sie müssen sich billig wundern über den so lebhaften Anteil eines Unbekannten, sagte er, aber es ist meine Art so. Mein Herz nähert sich allem Liebenswürdigen mit einem innigen Verlangen, es in seiner eigentümlichen Grazie erhalten zu sehen. Das Schicksal versagte mir zarte Naturverhältnisse, in denen meine Liebe lebendig wirken könnte, und darum spähet mein Auge nach allen holden Gestalten, die in meinen Kreis kommen, und mein Herz schliesst ihnen seine Erfahrungen auf. Charles Worte hatten mich lebhaft ergriffen, seine Vorstellungsart drang sich meinem Verstande auf, und die Wärme seines Herzens belebte meinen Willen. Ich fühlte die Kraft, neue Ansichten des Lebens zu fassen. Die Pflicht, die gesunde heitre Tätigkeit meines Gemütes für meine Mutter zu erhalten, war das erste Verhältniss welches ich lebendig ergriff. Wenn Freude und Hofnung vom Herzen gefallen sind, finden wir nur unser Dasein im notwendigen, allgemeinen Gesetz unsrer Natur wieder. Sie werden Ihre Mutter diesen Abend sehen, sagte mir Charles, und sie wird Ihnen viel Wichtiges und Neues entdecken, was die Sphäre Ihrer künftigen Tätigkeit und den Ort Ihres Aufentalts betrift. In Ansehung des Wunsches, sogleich zu meinem Vater nach Hohenfels zu eilen, verwies er mich auf die Unterredung mit meiner Mutter. Ich blieb den ganzen Tag auf meinem Zimmer. Bettina's liebevolle heitre Geschäftigkeit erhielt mich in einer sanften wehmütigen Stimmung. Das liebe Geschöpf wird doch immer ein Verhältniss zwischen Nordheim und mir erhalten; wenigstens werde ich wissen, wo er lebt, sagte ich mir. Über Bettina wird er mir etwas zu sagen haben, und ich zu antworten. O die einzig edle, holde