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der glücklichsten Abende meines Lebens zugebracht, und wünschte, Sie hätten ihn mit mir genossen. Die Dame sah mich scharf an, und zeigte mir nach dieser Äusserung mehr Aufmerksamkeit. Nicht ein Wort entfiel, aus welchem mir ihr gegenseitiges Verhältniss hätte klar werden können. Es schien mir grosse Vertraulichkeit zwischen ihnen zu herrschen; vergebens wünschte ich den Nahmen Schwester zu hören, und ich wagte es nicht, auszudenken, dass sie vielleicht verheiratet sein könnten. Als ich nach einem kleinen Geschäft ins Zimmer zurückkam, fühlte ich, dass man von mir gesprochen hatte. Die Dame bat mich, neben ihr zu sitzen, nahm meine Hand, freute sich, mich so unvermutet kennen zu lernen, und hofte, wir würden uns bald und öfters wiedersehen, um uns näher zu kennen. Sein Auge war mit innigem Wohlgefallen auf uns geheftet. Ich fing an, die Dame als ein Band zwischen ihm und mir anzusehen; dieses gab vielleicht meinem Betragen gegen sie die Farbe der Neigung. Ach, ihn zu sehen, in seinem Kreise zu atmen, wie viel schien mir dieses in dem Augenblicke der Trennung! Die Dame sprach viel und scharfsinnig mit meinem Vater über Literatur, fremde Länder und Sitten. Wie interessant könnte mir ihr Umgang sein, wenn sie die Schwester des geliebten Mannes wäre! Zum zweitenmahl kam der Moment des Abschiedes, aber die Lage war verändert. Die Reinheit der ersten ungemischten Empfindung war durch die Dazwischenkunft der Dame mit mehreren kleinen Leidenschaften gefärbt. Am mächtigsten wirkte der Stolz, die tiefen Bewegungen meines Herzens den Augen eines scharfbeobachtenden Weibes verbergen zu wollen. Ich folgte der Gesellschaft mit einer sonderbaren Dumpfheit des Sinnes an den Wagen. Wir werden uns wieder sehen, mein bestes Kind, sagte die Dame, als sie mich beim Abschied umarmte; Ihr guter Vater hat es mir zugesagt. Der Geliebte drückte noch einmahl schweigend meine Hand an seine Lippen; er sagte kein Wort, das Hofnung des nahen Wiedersehens zeigte. Lieber Vater, sagte er noch mit einem Blick stiller Liebe zu uns, man steigt vom Himmel auf die Erde, wenn man von Ihnen scheidet; geben Sie mir Ihren Segen! Aber wie schmerzlich bebte mein Busen, als er sich gegen die Dame mit den Worten wendete: "Liebe Amalie, nicht wahr, Sie fühlen es mit mir, dass man dieses gastfreundliche Haus nur ungern verlassen kann?" Das ist also diese Amalie, sagte ich bei mir selbst. Ach ein glückliches, glückliches Weib, so an der Seite des liebenswürdigsten Mannes durch die offene schöne Welt zu fliegen! Süsses Geschäft, für ihn zu sorgen, und wieder die zarte Sorge seiner Liebe zu sein! Mein Vater blieb gedankenvoll neben mir stehen, bis das Rasseln des Wagens in der weiten Ferne verstummte, fasste dann meine Hand, und hiess mich einige Stunden ruhen. Ich zitterte bei seiner Berührung. Der Gedanke, mit ihm allein zu sein, mit ihm, in dessen Gegenwart kein Geheimniss in meiner Seele bleiben konnte, ergriff mich, und in schmerzlicher Bewegung sank ich weinend an seine Brust. Mein gutes, gutes Kind, sagte er mit tröstender, weicher Stimme, Du bedarfst der Ruhe sehr, suche einige Stunden Schlummer zu finden, Deine Nerven sind verspannt; Du findest mich im Garten. Vergebens suchte ich dem Rat meines Vaters zu folgen; der Schlaf floh mein bewegtes Gemüt. Ich ging an meine Hausgeschäfte, und das liebste war mir, das Zimmer des Fremden wieder in Ordnung zu bringen. Mein Vater war still und nachdenkend beim Mittogsessen, aber voll zarter Teilnahme gegen mich. Als ich mich nach Tische wieder entfernen wollte, hiess er mich ihn in den Garten begleiten. Wir sassen an einem kleinen Hügel, von dem wir die freie Aussicht in ein enges Tal hatten, wo zwischen dunklen Fichten ein Waldstrom hinbrauste. Er zog seinen Homer aus der Tasche, und las die rührende Klage Andromache's. Das Gefühl meines eigenen Leidens floh, mein ganzes Wesen war von Andromache's Schmerz durchwühlt, und als der Zauber der hohen Dichtung von mir wich, war meine Seele wie rein gebadet durch einen Strom des erhöheten Lebens. Ich liebte, aber ich liebte reiner; meine Sehnsucht war still und lieblich. Das Bild des Geliebten lag in meiner ruhigen Brust in all' seiner Schönheit, einfach und gross, wie der Mond auf der Fläche des ruhigen Sees. So hörte die Liebe auf, eine Krankheit für mich zu sein. Die Tage der Woche gingen in dem gewohnten Zirkel einfacher Beschäftigungen hin. Alles hatte seine Zeit, aber alles war so weise verteilt, dass jedes pedantisch lästige Ansehn dabei vermieden war. Wer die Wohltat des einförmigen Lebens nie empfunden hat, der sieht nur Langeweile dabei; aber wer es gekannt hat, wie die Seele nach Zerstreuungen und Weltgewühl ihr besseres Ich in einer tätigen Einsamkeit wieder findet, wie sie sich endlich der äussern Stille und Ordnung anschmiegt, und sie in sich einsaugt, der wird vielleicht diese Lebensweise die glücklichste nennen. So verwebte sich das Bild meines Freundes mit allen meinen Beschäftigungen, aber sanft waren die Wallungen des Verlangens in meinem Busen, und zart die Sehnsucht. Mein Vater war noch sorgsamer und zärtlicher gegen mich als gewöhnlich; wenigstens schien seine Aufmerksamkeit noch ununterbrochener auf mich gerichtet zu sein. Rührend war mir sein Schweigen über die neuen Bewegungen meines Herzens. Er fühlte sie tief, aber mit zarter Schonung vermied er jedes Wort, das eine Erklärung hätte herbeiführen können. Solche Momente des