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sie sang drinnen einige wehmütige Töne, und kam in einem schwarzen Atlaskleide zurück, indem noch ein Tränchen, wie eine Perle, in den langen Wimpern hing. Goldene Spangen umschlossen den Arm, Perlen glänzten auf dem weissen Halse, und goldene Ketten wiegten sich auf dem Busen. "Ich bin sehr ernst", sagte sie, "und will nicht Euer Lob und Eure Bewunderung; zeichnet jetzt, bei der ersten Anlage des Bildes kommt es auch nicht so sehr darauf an, wie ich gekleidet bin." Der Maler machte sich an die Arbeit. Der Ausdruck ihres schönen Angesichtes war jetzt ein sehnsüchtig schwermütiger. Indem er zeichnete, sah sie ihn oft lange stumm und bedeutend an, als wenn sie mit der Seele verlorenen Erinnerungen nachginge. Ihm wurde ängstlich zu Sinne, seine Hand irrte oft, und er war endlich froh, als die Sitzung geendigt war. "Morgen", sagte die Gräfin, "wollen wir heiterer sein", indem sie ihm die Hand zum Kusse reichte.
Am andern Morgen fand er die Gräfin auf einem Ruhebette in Tränen aufgelöst, ein dunkler Purpur umhüllte den schönen Leib, die reichen und lockigen Haare schwellten in lieblicher Verwirrung auf Nakken, Brust und Schultern: der junge Maler glaubte sie noch nie so schön gesehn zu haben, er war von dem Anblicke entzückt, aber doch von ihren Schmerzen innigst bewegt. Ein junges Mädchen sass neben ihr, die eine Laute in Händen hatte, worauf sie eben gespielt zu haben schien. Die Gräfin setzte sich aufrecht, strich ihr schweres Haar etwas zurück, und liess das holdste Lächeln durch die weinenden Mienen scheinen. "Vergebt mir", sagte sie, "meine Trauer, wodurch ich Eure Arbeit erschweren werde; es ist überhaupt wohl kindisch, dass ich dieses Bild wünsche, um mich daran zu erfreuen, mich sollte gar nichts mehr freuen, denn mein Leben ist verloren, und doch geben wir auch im höchsten Leid unser Herz immer wieder dem törichten Spiel der Lust, dem lügenden Trost, der gaukelnden Hoffnung hin, und vergessen, dass nur in des Schmerzes tiefster Innigkeit für uns die wehmütige Freude, der Himmel der ewigen Tränen wohnt."
"Wie in Euch das Leid erscheint", sagte Sternbald, "ist es etwas so Herrliches, dass ich mir wohl vorstellen kann, viele möchten wünschen, Euch diesen Zauber nachspielen zu können, und ich erlebe jetzt, was ich keinem Dichter geglaubt haben würde, dass die Schönheit alles in Schönheit verwandelt, und dass aus Tränen und Weh der Reiz so süss hervorblicken kann, als aus dem schalkhaften Glanze der Augen."
"Ihr malt!" rief die Gräfin scherzhaft auffahrend, "ich fürchte, meine Gegenwart verdirbt Euch, da Ihr mit jedem Tage schlimmer schmeicheln lernt." Indem Sternbald arbeitete, sagte sie nach einer Pause: "Singe jetzt, Kind, eins von den Liedern, die du kennst." "Welches?" fragte das junge Mädchen. "Was dir zuerst einfällt", sagte die Gräfin, "nur nichts Schweres, etwas Leichtes, Schwebendes, das nur in Tönen lebt."
Das Mädchen sang mit zarter Stimme:
"Laue Lüfte
Spielen lind,
Blumendüfte
Trägt der Wind,
Rötlich sich die Bäume kräuseln,
Lieblich Wähnen
Zärtlich Sehnen
In den Wipfeln, abwärts durch die Blätter säuseln.
Rufst du mich,
Süsses Klingen?
Ach! geheimnisvolles Singen,
Bist nicht fremd, ich kenne dich!
Wie die Tauben
Zärtlich lachen, girren, kosen,
Also mir im bangen Herzen
Schlagen Fittge Lust und Schmerzen;
Zu den dunkeln Dämmerlauben,
Zu den Blumenbeeten, Rosen
Wandl' ich, ruf ich, schau umher –
Und die ganze Welt ist leer.
In die dichte Einsamkeit
Trag ich meiner Tränen Brand;
Ach! kein Baum tut mir bekannt,
Setz mich an des Bronnens Rand:
Vogel wild die Töne schreit,
Echo hallt,
Hirschlein springt im dunkeln Wald.
Und es braust herauf, herunter,
Waldstrom klingt durch seine Klüfte,
Seine jungen Wellen springen
Auf den Felsenstufen munter,
Adler schwingt sich durch die Lüfte: –
Tränen, Rufen, Klagen, Singen,
Könnt ihn nicht zurück mir zwingen?
Garten, Berge, Wälder weit
Sind mir Grab und Einsamkeit."
Während des Liedes schien es dem Maler, als wenn eine Verklärung mit süssem Glanz durch alle Adern des Angesichtes sich verbreite und wie ein Licht aus der schönen Stirn hervordringe; alle Züge wurden noch sanfter und sinniger, er fühlte sich von dieser ausströmenden Klarheit wie geblendet. Aber die Töne gaben ihm Ruhe und Heiterkeit, er konnte mit Sicherheit arbeiten, indem die Schöne das Lied noch einigemal wiederholen liess.
"Nun lasst des Malens für heute genug sein", rief die Gräfin plötzlich, "es ermüdet nichts so sehr, als dieses starre Vor-sich-Hinblicken, ohne Gedanken und Unterhaltung. Kommt, mein junger Freund, und erzählt mir etwas von Euch, von Eurem Leben, von Euren Reisen, und dass es ja nur recht wichtig und lustig ist."
Sternbalds Verlegenheit wurde erneuert, er fing an von Dürer, Sebastian und Nürnberg zu sprechen, dann von Florestan und ihrer Reise, und mühte sich ab, so erheiternde Gegenstände aufzufinden, als ihm seine Phantasie nur darbieten wollte. Die Gräfin hörte ihm freundlich zu, und nach einiger Zeit sandte sie die Sängerin mit einem Auftrage fort. "Wenn es Euch gefällt", sagte sie, "wieder an die Arbeit zu gehen