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wenn man sagen wollte: Frau Wattines sei durch lange getragenes Weh zu empfindlich geworden, so hätte man unrecht. War es nicht eine Pflicht ihres Herzens, alles mit Dank und Liebe zu umfassen, was ihr Mann mit so viel Sorgfalt und Beschwerde verfertigte? und ich fühle mit Schmerzen, dass ich ohne Verstand, und sehr ungerecht gehandelt hatte. Ich stand in dem kleinen Kämmerchen neben Emilie tief schweigend, und in dem Moment, wo ich eine Entschuldigung herstammeln wollte, erschien Wattines. Meine innere Demütigung wurde nun mit Verlegenheit gemischt, welche ich etwas verbergen wollte, und mich gegen das kleine Fenster wandte, wo meine Augen gerade auf die Insel trafen, wo das ganze Bild von dem Leben dieser Edlen vor mir stand, mich rührte, und meine Blicke mit wehmutsvoller Ehrerbietung bald auf Wattines, bald auf die verschiednen Werkzeuge heftete. Der schätzbare Mann schwieg einige Zeit, bemerkte dass mein Auge auf rund gebogne Stücken Drat geheftet waren. Er fasste den Drat und sagte: Ihnen allein, mein Freund! darf ich die Idee mitteilen, dass ich hier an die grossen und kleinen Zirkel denke, welche beseelte und unbeseelte Wesen dieser Erde, von Anfang ihres Entstehens, bis zu ihrem Ende neben einander durchlaufen. –
Ich sah auf ihn und lächelte, er sagte aber: ja mein Freund! nicht wahr? Eisenteilchen verbanden sich in dem Innern der Erde zu Erz, dieses wurde ausgegraben, geschmolzen und zu Drat verarbeitet, da kaufte ich ihn zu Gitter eines Vogelhauses; aber die Gesetze der Not, welche nach dem alten Sprichwort Eisen bricht, änderten, wie es auch oft mit Menschen geschieht, die erste Bestimmung dieses Drats, machte ihn teils zur Gitterflechte, für unsere schottitische Brodkuchen, teils zu grossen und kleinen Stricknadeln, zum Band für meine Oehlpresse, und zwei lange Stücke wurden Nähnadeln, mit welchen Emilie eine Art Gewebe hervorbrachte, endlich wurde ein Teil zum Vogelbauer für meinen Carmil verbraucht, und werden wohl hier in Rositeilchen aufgelöst, vielleicht neben der Asche meiner Kinder liegen, mit dem Ganzen vereint werden, damit die ersten wieder neue Eisenerze, die andre aber Pflanzen nähren, welche zum Dienst des Lebens nachfolgender Menschengeschlechter berufen sein mögen.
Ich sagte zu ihm: Sie haben Ihren Drat in eine zusammenhängende Kette artiger Betrachtungen eingeflochten.
Er hob das Wörtchen a r t i g aus, indem er fragte, warum sagten Sie nicht geradezu p h a n t a s t i s c h e Betrachtungen. – Ich antwortete ernst, weil es mir nicht in den Sinn kam, und wirklich Ihre Ideen mehr als Phantasien sind.
Nun fasste er den Vogelkäfich, und sagte munter: es hätte mir nicht missfallen, denn ich habe selbst den Gedanken eines Vogelkäfichs für die Insel Oneida als Phantasie geachtet, nur da ich den vielfachen Nutzen meines Drats bemerkte, sagte ich mir: in der grossen Welt dient Phantasie nur zu Verschönerung des erfundenen Nützlichen, auf meiner einsamen Insel ist eine meiner Phantasien Grundlage einer vielfachen Wohltat für meine Familie geworden. –
Mein Herz freuet sich, wenn ich Wattines bei einem freien Gange seiner stets regsamen Einbildungskraft, mit einer Art von besonderer Zufriedenheit in dem Felde des Denkens herum wandeln sehe. Ich fasste den Faden von dem labyrintischen Wege seiner Gleichnisse auf, und lenkte das Gespräch mit erneuten Kennzeichen der Teilnahme, auf die Betrachtung ihres so ausgezeichneten Schicksals, Wattines fand es sehr gut und sagte:
Sie haben recht, wir wurden zu dem Zustande der Probe berufen, zu was L i e b e , R e l i g i o n , V e r s t a n d , E r z i e h u n g und die dem Menschen gegebenen Kunstfähigkeiten dienen. Denken Sie in wie kurzer Zeit wir von einem äussersten Ende zu dem andern geführt wurden, in Philadelphia noch alles sahen, was Pracht, Reichtum und Wohlleben bei Menschen vermögen; auf der Insel Oneida, völlige Einsamkeit und Mangel; bei Indier, Naturmenschen und ihre zufriedne Armut, gegen die wir in unserer Hütte uns reich dünken konnten; hier fiel Emilie ein: es war aber sehr gütig von der Vorsehung, dass sie uns durch das einfache Denken und Handeln eines Quäkers zu dem noch einfachern Naturleben vorbereitete, – und sagte ich, Sie durch arme Colonisten wieder zu gesellschaftlichen Verbindungen zurückführte. – Emilie erwiederte, und diess zu meinem ewigen Dank gegen Gott, durch die Hand eines weisen, tugendhaften Mannes wie Vandek ist. Seine Erscheinung wirkte auf meine Seele, wie der Regenbogen nach geendigter Sündflut auf Noah, weil er die Befriedigung des strafenden Schicksals zeigte, –
Sagen Sie, meine Freunde! ist diese Frau nicht immer auf dem schönen Pfade edler frommer Gesinnungen, kann meine ehrerbietige Bewunderung ihres vortrefflichen Geistes und Characters nur im mindesten zu viel oder zu tadeln sein? – Wie sehr wünschte ich, gleich mit der Colonie hierher gekommen, und mit Vandek das erstemal auf die Insel gereist zu sein, gewiss dann wäre alles aufgezeichnet worden, was mit Wattines seit ihrer Verpflanzung auf das feste Land vorging; denn wie viel äusserst interessantes hätte man bemerken können, als Wattines wieder einmal Nachrichten von Europa hörte, begierig und ängstlich nach Frankreichs Begebenheiten fragte u.s.w. aber sie schrieben wenig auf, nur weniges hatte dem Vetter des schätzbaren Vandek besonders merkwürdig geschienen, wie zum Beispiel die Aeusserung, als Emilie mit tiefem Kummer ihres Herzens ihren Mann fragte, wodurch wurde denn unser französischer Nationalconvent so grausam und blutdürstig?