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ursprünglichen Anlage, nur das Verhängniss schaft Aenderung, durch die Verschiedenheit der Umstände. Der nackte, arme, rohe Mensch, hat alle Leidenschaften des gebildeten. Er liebt das Spiel, ist stolz unter seines gleichen, und so arm als er ist, liebt er den Putz und ist eitel. – Hier, meine Freunde! sagte ich mir, ist Urbild eines Franzosen von einem ihrer besten Landsleute aus dem Gedächtniss gemahlt. Urteilen Sie auch von meinem Staunen, als ich zugleich darin einen Teil des Auszugs erkannte, welchen ich in meiner Brieftasche habe und mit mir führe, weil ich ihn aus Betrachtungen nahm, welche über die Geschichte wilder Nationen, und das Vergleichen mit civilistrten Völkern gemacht wurden, und äusserst auf mich wirkten. Ja ich bekenne noch mehr, dass diese Betrachtung eine der grössten Triebfedern meiner Reise nach Amerika wurde. Emilie setzte ihre Erzählung fort, indem sie sagte: Wattines sprach mit mir auch von den Verdiensten der Wilden, dass sie bei armer Sprache beredt sind, wie ihre Liebe und ihr Hass alle Energie zeigen. Auf der Jagd der listigsten Tiere bemerkt man in ihnen eine Feinheit, eine Urteilskraft und einen Scharfsinn, welche ein Schüler des Locke, in Aufsuchung der tiefsinnigsten Wahrheit und Wissenschaft nicht vollkommner zeigen könnte; und diese Klugheit finden sie auf dem Wege der Natur, welche ihnen oft mehr Grösse der Seele giebt, als alle unsere Schulen und Gesetze nicht geben können; weil diese Grösse aus den innern Gefühlen des Herzens kommt, nicht aus buchstäblichen Lehren stiesst. Denn ach! was bringt Religion und Philosophie hervor, wenn das Herz nicht damit übereinstimmt? Emilie musste, während sie sprach, eine ungewöhnliche Bewegung in meinen Zügen bemerkt haben, auch blickte sie mich fragend an. Ich sagte, indem ich mein Taschenbuch vornahm, mit einer Art Entzücken, wie ich mich glücklich fände, auf einem Puncte der Sympatie mit ihrem Gemahl zu stehen, da ähnliche Betrachtungen mich nach Amerika führten, um Natur und Kunst an ihren Gränzen zu vergleichen. – Ich las ihr dann einen aus dem Mereure de france 1783 gemachten Auszug vor, und fragte, ob sie nicht einen Grund übereinstimmenden Geschmacks und Ideen darin fände, weil diese Gedanken sich so tief in Ihres edlen Wattines Seele prägten, um sie ganz aus dem Gedächtnisse zu wiederholen, ihren Einfluss auf mich aber durch meine Reise nach dem See Oneida bewiesen hätten? Sie sagte mit gefälliger Miene, ja, schwieg aber gleich wieder und sah mit einem Ausdruck von Staunen und Trauer vor sich hin. Ich war nun auch stille, endlich sagte sie: Vergebung für mein langes Schweigen! es kam zum Teil von einer Betrachtung in dem Innern meiner Seele, über Wattines und Sie. – Meine Blicke hefteten sich fragend auf ihr Auge, als sie hinzu setzte: ich sagte mir, ach, mein Carl ist hier, weil er bei der unglücklichen Revolution, die allercultivirteste Nation in Barbarei zurücksinken sah, und Sie, weil Sie das Erheben aus der Unwissenheit und Rohheit beobachten wollten. Gott sei Dank! sagte sie mit gefalteten Händen, dass ich an der äussersten Gränze von beiden, in der Rindenhütte einer Indianerin die Menschenliebe fand, welche einem Kinde das Leben erhielt, dessen Grossväter in dem Wohnsitze des feinsten Geistes und der schönen Künste, wegen dem Stande ihrer Eltern ermordet wurden. So natürlich diese Rückerinnerungen bei jedem Anlasse in Emiliens Seele emporstiegen, so sehr bedauerte ich den Gedanken der Sympatie mit Wattines, indem ich damit die traurigen Gefühle in der guten Frau hervorrief; aber als Wattines selbst kam, und sie ihm von meiner zufälligen Bemerkung sagte, so bezeugte er eine Art von Freude darüber, als ob ich die Beweise einer nahen Verwandtschaft vorgelegt hätte. Vielleicht war dieses die Wirkung eines moralisch wahren Gefühls, indem man sicher behaupten kann, dass Uebereinstimmung der Ideen eine Verbindung der Seelen andeute. Wattines wollte nun den in meiner Brieftasche verwahrten Auszug mit mir lesen, und ich musste ihm eine Abschrift versprechen. Ich bewunderte die Lebhaftigkeit mit welcher er das Lob der griechischen Mytologie auffasste und ausrief: O wie wahr ist alles, was der Mann von dem gefälligen und einnehmenden Geiste der griechischen Einbildungskraft erzählt, welche heute noch Dichter und Künstler beseelt, und nach verflossenen Jahrtausenden, noch so wohltätig für mich war, dass ich durch sie nicht nur Tage lang meinen Kummer vergass, sondern auch durch den Geschmack der Zierlichkeit, welchen der Genius von Griechenland bis auf uns verbreitete, so glücklich war, meiner Emilie angenehme Stunden zu geben: nicht allein durch meine Anstalten in Elysium, sondern auch, weil ich kleine Blumenbeete, wie Kränze um den Fuss dieses oder jenes einsam stehenden Baumes oder artigen Busches anlegte, wo ich wusste, dass Emilie betend oder nachdenkend hinging, dann auch den eingeschlafnen Carmil hinlegte, oder nicht weit von unserer Hütte unsere Obstbäume mit Wünschen und Seegen besuchte, da ich nahe dabei einige Waldbäume von der Natur so gestellt fand, dass ich nur einiges Gesträuch zwischen ihnen wegzuräumen, die untern Aeste abzunehmen, und ein paar umschlingende Pflanzen an ihnen aufzuziehen hatte, um einen grünen Tempel der Gotteit des Hanns vor mir zu haben. Wie glücklich, sagen Sie selbst, wie höchst glücklich war es für Emilie und mich, dass unser Herz nicht allein das Ganze der Wunder und Schönheiten der Natur mit dankbarer Verehrung ihres und unsers Schöpfers liebten; dann aber auch in unserer eigenen noch blühenden Jahrszeit des Lebens, bei den kleinen Wiesenstücken der Insel an Naväen, und bei den schön aufgewachsenen tausendfachen