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sechs Tagen kehrte die Wallenheimsche Familie nach Wallental zurück. Wallenheim und seine Gattinn setzten ihrem Sohne kein Denkmahl; sie wussten, er wurde in ihren Herzen fortleben; aber sie wollten durch keinen sinnlichen Gegenstand ihrem Schmerze Nahrung geben. Jene Untätigkeit, welcher man sich im Schmerze so gern ergiebt, vermied Elisa jetzt. Zurück in Wallental, fing sie auch ihre Beschäfftigungen wieder an. Zwar unterbrachen ihre Tränen sie oft; allein sie gestattete es sich nicht, sich dem Schmerze zu ergeben; weinend setzte sie ihre Beschäfftigungen fort, und zwang so ihre Aufmerksamkeit, sich auf andere Gegenstände zu richten. Sie las viel, und bewog auch Wallenheim viel zu lesen; sie wählte ernste Bücher, welchen sie ihre Aufmerksamkeit widmen musste. So sehr sie auch um ihren Herrmann trauerte, so bemühete sie sich doch, Wallenheim zu trösten. Sie verliess ihn in den ersten Tagen fast gar nicht, sie vermischten ihre Tränen; aber mitten unter denselben bestrebte sich Elisa, seine Gedanken von seinem Sohne abzuziehen, ihm das Gesetz der Notwendigkeit in seiner ganzen Stärke vorzustellen, und ihm diejenige Ergebung einzuflössen, welche der Weise, selbst bei den härtesten Schlägen des Schicksals, noch behält; welche zwar den Schmerz empfinden lässt, aber Verzweiflung entfernt. – Gleich nach Herrmanns Tode hatten Wallenheim und seine Gattinn Carln kommen lassen. Die Natur erwachte jetzt aufs neue aus ihrem Schlummer; das grüne Gewand der Erde ging wieder aus ihrem Schoosse hervor; aber die blühende, lachende Natur goss neue Traurigkeit in Wallenheims und seiner Gattinn Herzen. Ach, sagte Elisa, Alles bluhet, und mein Herrmann ist dahin! – Doch bald erinnerte sich Elisa, dass sie so oft Trost im Schoosse der Natur gefunden hatte, dass ihre Freuden nie ersterben, sie besuchte also den Wald, den Garten, die grünen Felder wieder, und so schmerzhaft ihr auch im Anfange die wiederkehrende Freude der Natur gewesen war, so goss sie doch bald wieder Ruhe in ihr Herz; es war zu empfindungsvoll, als dass es hätte fühllos gegen die allgemeine Freude bleiben können. Auch Wallenheim bewog sie, sie auf ihren Spatziergängen zu begleiten, und ihre Kinder folgten ihnen dann. Es war an einem sanften Frühlingstage, als Elisa zum Erstenmahle nach Herrmanns Tode mit ihrem Gatten spatzieren ging. Sie gingen durch den Tannenwald auf eine Anhöhe, von welcher man auf der einen Seite über den dunkeln Wald hinblickte, und auf der andern erstreckten sich grüne Auen, in einer dem Auge unerreichbaren Länge. Sie setzten sich; Henriette hascht einen Schmetterling, sieht ihn an, und fängt an zu weinen. Ach, Mutter! sonst haschte Herrmann die Schmetterlinge, und half mir Kräuter suchen! Ach, ich kann es immer noch nicht vergessen, jedesmahl dass ich spatzieren gehe! W a l l e n h . (nimmt Henrietten wehmütig in seine Arme) Armes Mädchen! (er weint.) Ja, Elisa, jeder Baum im Tannenwalde hat mich an den Knaben erinnert! Wenn ich mit ihm auf die Jagd ging, und er dann vergnügt an meiner Seite hüpfte, mir die Vögel zeigte, und unter dem Baume lauschte, o, dann habe ich mich so oft über des Knaben Munterkeit gefreuet! Gefreuet, wenn ich so viel Züge seines guten Herzens, so manchen Beweis seines lebhaften Verstandes sahe! O, Elisa! ich kann Ihnen nicht sagen, wie jetzt Alles so öde, so freudenleer um mich ist! E l i s a . (drückt Wallenheim die Hand und trocknet ihre Augen; nach einer Pause.) Meine Wallenheim, blicken Sie um sich, die Natur ist noch immer schön! Zwar ein grosser Teil unsers Glücks, unserer Freuden ist uns entrissen; aber viel bleibt uns noch übrig! Unsere Kinder werden wieder lustig werden, sie werden, hoffe ich, gut werden, und uns noch manche Freude gewähren! Wir werden noch manchmahl hier der sanften Freuden der Natur geniessen! Sehen Sie das lachende Grün, hören Sie das frohe Zwitschern der Vögel! O lassen Sie Ihr Herz die Uebereinstimmung, die Harmonie der Natur empfinden, und wenn wir dann um unsern Herrmann weinen, so lassen Sie uns auch empfinden, dass in der Schöpfung doch noch Freuden für uns sind! W a l l e n h . (umarmt Elisa'n.) Sanftes, liebevolles Weib! Ja, ich fühle mich getröstet, ich fühle mich stärker, wenn ich bei Ihnen bin! – Auf diese Art bestrebte sich Elisa, immer Wallenheims Gram zu mindern, und dem Ihrigen das Bittere desselben zu benehmen. Zwar trauerte sie lange um ihren Herrmann; allein ihr Gram war eine sanfte Schwermut, mit derjenigen ruhigen Heiterkeit vereiniget, welche Elisa'n fast nie verliess. – Jahre verflossen nun, ohne dass der Wallenheimischen Familie etwas Merkwürdiges begegnete. Henriette war der Gegenstand der Zärtlichkeit ihrer Aeltern geworden; allein Elisa hatte über ihre Liebe zu ihr gewacht, und hatte mit den Jahren ihre Sorgfalt für ihre Erziehung verdoppelt; und schon erkannte man in Henrietten die Tugenden ihrer Mutter. Herr Waldin war in Wallental geblieben, bis dass er einen Dienst bekommen hatte, welchen er durch Elisa's Bemühungen erhielt. Als er weg war, erhielt Henriette allein ihren Unterricht von ihrer Mutter, welche sich täglich um mehrere Kenntnisse bewarb, um den Verstand ihrer Tochter gehörig zu bilden. Uebrigens blieb Elisa sich gleich; der Jugend Blüte war von ihr geschwunden, aber nicht der Reiz derselben; in keine ernstern Falten zog