highChunks/1795_Wobeser_112_298.txt -- topic 75 topicPct 0.231833904982
. Nein, Henriette! Die Unglücklichen sollen mich fesseln! Die, deren Loos ich verbesserte, meine Seele erfüllen! Ich werde für sie arbeiten, ich werde suchen, frohe Menschen um mich zu versammeln, und ich werde glücklich sein! Ich werde Elisa's wohltätige Anstalten nachahmen, ich werde Menschen erziehen, und auch in Birkenstein soll, wie in Wallental, das dahin sinkende Alter Unterstützung finden. Wie viel Gegenstände, Henriette, welche mein Herz erfüllen werden! und dann, Elisa und ihre Kinder – Elisa, welche mir immer teuer sein wird, und in deren Gesellschaft ich künftig manche Stunde verleben will! Wundern Sie sich nicht über diesen Vorsatz, Henriette, jetzt reise ich weg, und komme in vielen Jahren erst wieder! Zwar traue ich mir Tugend genug zu, um nicht das Weib eines Andern zu verführen, und ich weiss, das Elisa vor dem Gedanken zurückbeben würde, einen Andern, als ihren Gatten, zu lieben – Allein wenn ich sie sehen kann, ohne dass ich aufhöre, ein ehrlicher Mann zu sein, so kann ich sie nicht sehen, ohne dass ich sie liebe, und auch ihr Herz würde oft unwillkührlich bei meinem Anblick stärker klopfen; dieses will ich ihr und mir ersparen! Wir bekämpften Beide unsere Leidenschaft, wir siegten, der Kampf soll nicht erneuert werden! Allein, Henriette, wenn kälter das Blut in meinen Adern rollt, dann will ich ein Mitglied der Wallenheimischen Familie, dann will ich Elisa's Bruder werden! Hier in Städtchen R... kauf ich mir dann ein Haus, und verlebe hier sechs Monate des Jahrs; denn meine Bauern in Birkenstein verlasse ich nie ganz. Elisa's Kinder sollen dann die Meinigen werden, wenn Herrmann, dieser Knabe, aus dessen Blicken der Mutter liebevolle Seele strahlt, und der mir noch teurer ist, durch den Namen, den er von ihr erhielt, und durch den sie ein Denkmahl ihrer Liebe stiftete, wenn er der mütterlichen Leitung entwachsen ist, dann will ich sein Führer werden, dann will ich ihn zum Manne bliden, und ihn ihr dann wieder geben! – O, Henriette! wie kann ich eine Leere fürchten? Elisa's Freund, ihr Bruder, ihre Kinder die Meinigen, und einige Sterbliche, an deren Glück ich arbeiten und die ich lieben werde!
H e n r . (gerührt.) Herrmann! Elisa! Möchten doch eure Namen in den Annalen der Tugend aufgeschrieben werden!
H e r r m . (drückt Henriettens Hand.) Ja, Henriette, wünschte ich, dass er je unvergesslich würde, so wäre es dort!
Herrmann und Henriette schwiegen, und dieses Schweigen war feierlich und ernst; ein Wagen, der daher rollte, weckte sie aus ihrem Nachdenken, und Felsing trat herein. Herrmann und Felsing wurden Freund, und erst am andern Tage schied Herrmann von ihm und seiner Gattinn. Viel sprachen Elisa und Henriette bei ihrem Wiedersehen von ihrem Freunde; allein Henriette sahe bald, dass Elisa über ihr Herz gewacht, und jede aufkeimende Empfindung darin unterdrückt hatte. In der Tat suchte Elisa, seitdem Herrmann in Wallental gewesen war, ihrem Gatten noch mehr Liebe zu beweisen. Er sahe diese Bemühung, schätzte sein Weib um so mehr, und Beide waren glücklich.
Es war ein Jahr, dass sie nun in Wallental waren, da wurde Herrmann krank; man fing bald an, für sein Leben besorgt zu sein. Elisa zitterte, sie verliess sein Bette nicht, ihre Augen füllten sich mit Tränen, wenn sie auf ihren Sohn blickte, und doch wollte sie sie vor ihrem Gatten verbergen, der trostlos ihr zur Seite sass. Wallenheims ganzes Herz hieng an dem Knaben, sein Anblick hatte ihn stets mit Freuden erfüllt, auf allen seinen Spatziergängen war er sein Begleiter gewesen, und oft hatte ein Lächeln, ein kindischer Einfall des Knaben, des Vaters Unmut zerstreuet. O, Elisa, sprach er zu seiner Gattinn, wenn mir Herrmann entrissen wird, dann wird mein ganzes Leben öde und freudenleer werden. Wie viel versprach ich mir nicht von dem Knaben! Er war Ihr Ebenbild! Er sollte die Freude meines Alters werden! Ach, er war ja jetzt schon die Freude meines Leben!
Elisa weinte, sie umarmte ihren Gatten. Lassen sie uns stark sein, Wallenheim! Wir dürfen ihm nicht unterliegen, dem Schmerze! Wir müssen – (hier stockte ihre Stimme, und ihre Tränen flossen häufiger) wir müssen für unsere andern Kinder leben!
Wallenheims Tränen verdoppelten sich, er verliess das Zimmer; da sank Elisa auf ihre Kniee, sie nahm des Knaben Hand, ihr Kopf sank auf dieselbe: O, Herrmann, mein Sohn, bald wirst du nicht mehr sein! Im stummen Schmerze blieb sie liegen. Endlich stand sie auf, blickte gen Himmel, umarmte dann Herrmann: Ach, seitdem er lebt, hat er mein Herz mit Freude erfüllt! so manchen süssen Augenblick gewährte er mir! Dank dir, mein Sohn! Dank Dir, gütige Vorsicht, die mich acht Jahre durch ihn eine glückliche Mutter sein liess! Ich will sie nicht vergessen, diese Jahre der Freude! Noch jetzt will ich mit Dankbarkeit mich ihrer erinnern! Jetzt, wo ich ihn verliere, auf ewig verliere! – (sie bricht aufs neue in Tränen aus.) O, mein Herz ist zerrissen! Aber meine Standhaftigkeit soll mich nicht verlassen! – Dir, gütige Vorsicht