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als ihren Verlust. Noch gestern glaubte ich nicht, dass ich heute Tränen gekränkter Liebe vergiessen würde – Doch, was klage ich? – O, Henriette! wir werden unbillig, wenn wir lange glücklich sind! Wir fordern dann, dass kein Wölkchen den heitern Himmel trüben soll. Doch ich will es nicht sein, ich will auch jetzt meine Empfindungen unterdrücken – Henriette, Wallenheim liebt, liebt eine Buhlerinn, und diese ist jetzt seine Maitresse. Ein Zufall machte, dass ich heute eine Unterredung zwischen Friedriken und Ludwigen hörte, welche mich hiervon unterrichtete. Ich gestehe Dir, Schmerz war meine erste Empfindung; ich vergoss einen Strom von Tränen. Zwölf Jahre eines traulichen Umgangs, zwölf Jahre durch Ein Interesse verbunden, zwölf Jahre er und die Beförderung seines Glücks und seiner Zufriedenheit der Gegenstand meiner Bemühungen, und die Triebfeder meiner Handlungen, haben mir Wallenheim endlich teuer gemacht; ich liebe ihn jetzt, und es kränkt mich, dass eine Andere seinem Herzen näher war als ich. Ich weinte lange – O, Henriette, es waren bittere Tränen, welche ich vergoss. Seit langer Zeit wieder hatte mir Wallenheim oft übel begegnet; allein ich hatte es für eine seiner gewöhnlichen Launen gehalten, und jede Empfindlichkeit darüber unterdrückt. Jetzt glaubte ich, dass seine Liebe ihm Abneigung gegen mich eingeflösst hätte, und dieser Gedanke war mir schrecklich! Ich wollte indess meine Tränen vor ihm verbergen, es war am Morgen, und wir frühstücken stets zusammen, nachdem Wallenheim aufgestanden ist. Ich hörte schon seine Stimme, er war gestern von Wallental zurückgekommen, und erst spät in der Nacht zu Hause gekommen, weil er so lange bei seiner schönen Rosalie, (wie er sie nennt) gewesen war; ich hatte ihn erwartet, weil sein langes Aussenbleiben mich besorgt machte, und er hatte mir hierüber Vorwürfe gemacht. Ich erkannte, dass das Bewusstsein seiner Schuld diese veranlasst hatte, und ich verzieh ihm. – Nein, ich will ihn nicht von mir entfernen! sagte ich zu mir selbst, und suchte meine gewöhnliche Heiterkeit wieder anzunehmen. Ich erwähnte des vorigen Tages nicht; ich unterhielt ihn, ich war lustig, er still und missmütig; ich holte heute beim Frühstücke unsere Kinder, er sahe sie und mich mit Rührung, an, er küsste sie herzlich, und küsste auch mich beim Weggehen. Noch hasst er mich nicht, sagte ich mir, und nun prüfte ich mich, ob ich etwa nachlässig in dem Bestreben, ihm zu gefallen, gewesen wäre? Ich konnte mir nichts vorwerfen; allein ich kann unwissentlich gefehlt haben. – Das Mädchen soll schön sein, Wallenheim kannte die Liebe noch nicht, Verlangen hatte ihn nie in meine Arme geführt, Wollust konnte ich ihm nicht mitteilen; denn ich empfand sie nicht in den seinigen. Und vielleicht ist dieses alles nur eine vorübergehende Leidenschaft, ein Rausch der Wollust, der wieder aufhören wird. Dem sei wie ihm wolle, ich bin entschlossen, die grösste Aufmerksamkeit auf mich zu haben, um mein Betragen gegen ihn nicht zu verändern. Ich werde ihm nie über seine Neigung etwas sagen, er soll nie mich mürrisch oder verdriesslich sehen; durch mich soll er in keiner seiner Handlungen, in keinem seiner Schritte eingeschränkt werden; nie will ich als Ausspäherinn vor ihm erscheinen, und kein Blick, kein Wort, keine Bewegung soll mich verraten, dass ich das Geheimniss seines Herzens weiss. Vor einem Jeden will ich dieses verbergen. Ich will weiter nicht nachforschen, ich will nichts mehr zu erfahren suchen. Die Empfindungen sind unwillkührlich, und wehe dem Weibe, welches durch Zwang den Gatten erhalten will! Nein, Wallenheim! Ich werde Dir keine Fesseln anlegen! Die der Liebe banden uns nicht, so wollte es das Geschick! Auch glaubte ich immer, Henriette, dass der Mann nie fühlen müsste, dass er als Gatte weniger frei ist; die Ehe muss nicht das Grab seiner Vergnügungen sein. Die Männer werden durch Coquetterie, durch den Reitz der Neuheit zu den Weibern hingezogen, und das Weib muss durch Annehmlichkeit, durch eine beständige Aufmerksamkeit, dem Gatten zu gefallen, jene Eindrücke zu schwächen suchen, welche Andere zuweilen auf ihn machen. Sie darf nicht Beständigkeit von ihm erwarten, sie muss ihn nicht einschränken, sie muss ihn glücklich machen, und er wird sie immer lieben. Dieses war mein Bestreben, seit dem Augenblicke, da ich Wallenheims Gattinn wurde; ich verdoppelte es, als mir Wallenheim teuer wurde; allein Wallenheim liebt mich nicht – O, gewiss, ohne Eifersucht hatte ich ihn unbeständig gesehen, ich ertrug seine Gleichgültigkeit; aber dass ein anderes Weib sein Zutrauen, seine Liebe besitzt, dass ich ihm jetzt weniger bin, als ihm seine Buhlerinn ist – O, Henriette! dieses schmerzt mich; denn gern hätte ich seine Liebe verdienen mögen! Allein Vorwürfe werde ich ihm nie machen. Nein, mit jedem Morgen will ich mir zurufen: Durch Liebe musst du ihn wieder zu gewinnen suchen! und gewiss, nicht Langeweile, nicht Unzufriedenheit über mich, soll ihn Rosalien suchen lassen! – Ich fühle mich jetzt ruhiger, da ich mein Betragen gegen ihn bestimmt habe; ich suche Wallenheims Glück, und ich bin froh, dass ich zum wenigsten nichts tue, es zu zerstören. Ich fühle, dass ich seine Liebe verdient hätte, und dieses Gefühl giebt mir noch Zufriedenheit, selbst wenn ich Tränen vergiesse. – Doch, Henriette, ich habe noch mehr Besorgnisse: Ich