highChunks/1795_Wobeser_112_264.txt -- topic 10 topicPct 0.14736841619

Pflichten; und je schwerer sie sind, desto mehr erhebt er uns in unserer eignen Meinung, desto mehr Kraft finden wir in unserm Selbstgefühl, bloss nach den Gesetzen des Guten und Edlen zu handeln, selbst mit Aufopferung unserer liebsten Neigungen, um in uns die höchste Stufe menschlicher Grösse zu erblicken; denn Eigenliebe und Stolz bleiben doch immer mächtige Triebfedern unserer Handlungen. – Ja, Henriette, oft denke ich, wie weit entfernt ich noch von jener himmlischen Tugend bin, welche immer sich gleich, stets ihren Pflichten gemäss handelt, ihnen ihre Neigungen, ihre Freuden opfert, und über alle Leidenschaften siegt. Oft frage ich mich: Wenn ich Herrmann zuweilen sähe, würde ich ihm und der Liebe widerstehen? Würde ich mich bestreben, eben so meine Pflichten gegen Wallenheim zu erfüllen, würde ich nicht nachlässiger darin werden, würde ich eben so geduldig, eben so bereit sein, jeden seiner Wünsche zu erfüllen? Ich zittere dann, die Antwort meines Herzens zu hören, und unterdrücke sie. Siehe, heute, wo ich wirklich mit den Kindern, und der Besorgung für die Bequemlichkeit und Ruhe der Greise beschäftiget, wo ich von ihrem Abschied, von ihrem Dank gegen mich, gerührt war, wo selbst die göttliche Empfindung: Diese Menschen mache ich glücklicher, mein ganzes Wesen durchströmte, lag doch der Gedanke: Heute vor einem Jahre sahe ich Herrmann zum Erstenmahle, wie im Hinterhalte meiner Seele. Sein Bild, wie er neben seiner Mutter stand, voll kindlicher Liebe, und Blicke des Wohlgefallens auf mich wars, schwebte beständig vor mir; Tränen des seligsten Vergnügens und der Rührung vergoss ich, als ich Abschied von den guten Leuten nahm; aber zu gleicher Zeit entfuhren mir Seufzer, welche Herrmanns Andenken erpresste. H e n r . Meine edle Freundinn, keine Blicke in die Vergangenheit! Freude und Leid erteilte das Schicksal Dir in diesem Jahre, mutlos und traurig könnte ihr Andenken auf einige Zeit Dich machen! E l i s a . Besorge nichts, Henriette! Hast Du vergessen, dass ich mir auch Gegenmittel bereitete? O, ich darf nur an meine Einwohner in Wallental denken, ich darf nur durch meine Bemühungen Wallenheim zufrieden und freundlich sehen, dann verliert das Andenken von seiner Stärke, und ich werde wieder ruhig. H e n r . Ja, diese Ruhe wird unvergänglich wie Deine Tugend sein! E l i s a . Entusiastische Lobrednerinn! Vergisst Du mein voriges Geständniss? H e n r . Du selbst, Elisa, tadelst Du Dich dessen? E l i s a . Ich habe Dir schon gesagt, dass diese fortdauernde Liebe zu Herrmann mich von meinen Pflichten abziehen könnte, und also finde ich sie verwerflich. Allein mir selbst kann ich bezeugen, dass ich diese Liebe zu schwächen mich bestrebe, dass ich nie vergesse, dass ich Gattinn bin, und dass ich noch aufmerksamer auf mich sein würde, wenn Herrmann gegenwärtig wäre – und endlich, dass ich in ihm die Tugend liebe, und dass zugleich seine liebenswürdigen Eigenschaften es mir ohnmöglich machen, ganz aufzuhören, ihn zu lieben! H e n r . Du entschuldigest Dich also? E l i s a . Ich kann über mich keinen Ausspruch tun, ich habe Dir mein Herz geöffnet. H e n r . In jeder gemeinen Seele würde ich so viel Liebe gegen einen Andern verdammen; aber mit Deiner Standhaftigkeit, mit Deiner Anhänglichkeit an Tugend, wird sie für Dich unschädlich! E l i s a . Glaubst Du, Henriette, dass das Weib, welches gewohnt wäre, alle ihre Begierden zu befriedigen, so lieben könnte, als ich? H e n r . Wahr, Elisa! Du lässt mich fühlen, dass keine gemeine Seele so lieben würde. E l i s a . Ach, ich mag mich nicht entschuldigen! Ich fühle ja, wie teuer mir Herrmann noch ist; allein wenn es nicht in meiner Gewalt ist, meine Neigung ganz zu unterdrücken, so sind doch meine Handlungen in derselben, und nie leitete Leidenschaft diese, sondern Erkenntniss des Guten. H e n r . Ja, Dank dem Urheber Deiner Tage! E l i s a . Wohl, Dank ihm! Bei seinem Andenken schwur ich, der Tugend treu zu bleiben, auch bei dem Andenken des liebenswürdigsten Mannes, und nun bald werde ich es schwören, bei dem heiligen Namen Mutter, den ich erlangen werde! – – Könnte ich wohl einen dreifachen Meineid begehen? H e n r . O, Tugend! wie erhaben machst du! welch ein seliger Anblick, den Sterblichen zu schen, in dessen Herzen du wohnest! E l i s a . (Umarmt Henrietten mit Innigkeit.) Meine Henriette, diese Wärme für sie teiltest Du mir mit! Ja, Deine Gegenwart belebt jedes gute Gefühl dann aufs neue in mir. Dein Herz versteht das meinige, dieses giebt ihm Leben und WärmeÄch, und morgen schon müssen wir uns trennen! – (Tränen rollten bei diesen Worten von Beider Wangen. Eine Pause.) O, wie gerne bliebe ich hier in Wallental wohnen! Hier sind mir meine Beschäftigungen alle so angenehm, und sie mit Dir teilen, ist mir doppelt süss. In B... ist das Leben, welches ich führe, langweilig, ich habe dort keinen Freund, und hier finde ich der Freuden so viele. H e n r . Vielleicht kannst Du Wallenheim bewegen, einen Teil