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Leben geben, und Dich glücklich sehen!
E l i s a . Dank Dir, Henriette! Du lässest mich empfinden, dass es noch Freuden für mich giebt.
H e n r Liebes Mädchen, die Zukunft wird Dir noch mehrere bereiten!
E l i s a . Ach, wenn mein Herrmann nur nicht so unglücklich wäre! Wie gerne wollte ich leiden, wie willig Alles tragen, was die Hand des Schicksals mir auferlegte, wenn ich wüsste, dass er frei von Kummer, sorgenlos und heiter wäre, wie am Tage, da ich ihn zuerst sahe. Ich raubte ihm jede Freude des Lebens! Ich verbitterte seine Tage; ich machte ihn namenlos elend! – O, Henriette, als ich ihn verliess, da stand er an einen Baum gelehnt, hatte nicht die Kraft, mich zurückzurufen!
H e n r . Ja, sein Schmerz wird gross, wie seine Liebe, sein; aber, liebe Elisa, er wird ihn bekämpfen, und wird einst, so wie Du, auch wieder Ruhe finden!
E l i s a . Wollte der Himmel, mein Andenken erlöschte heute in seinem Herzen! – Ich wollte mich freuen, wenn ich von ihm vergessen würde! Zwar ist mir der Gedanke, von ihm vergessen zu sein, schmerzhaft; aber mein Herrmann würde ruhig sein; sein Bild voll Jammer umschwebte mich dann nicht mehr! – Könnte ich ihn nur noch einmal mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, mit der edlen Zufriedenheit auf der Stirne sehen, mit welcher er an meiner Seite sass, als am Geburtstage seiner Mutter die Bäuerinnen unter der grossen Linde tanzten!
H e n r . Warum rufst Du diesen Tag in Dein Gedächtniss zurück? Elisa, Du musst nun Deine Blicke von der Vergangenheit abwenden!
E l i s a . Ach, ich weiss es, dass ich ihn nicht mehr lieben darf! ich will sie auch bekämpfen, diese Leidenschaft. – Aber noch einmal will ich sie zurückrufen, alle Scenen der Wonne, alle seligen Augenblicke, welche ich mit meinem Herrmann durchlebte. – Ihr Andenken soll mich stärken, den dunkeln Pfad zu betreten, der vor mir liegt. Ich will denken: Einst war ich glücklich!
H e n r . Wie wenig Kraft wirst Du dann haben, wenn Du diese Liebe zu Herrmann unterhältst!
E l i s a . (Weinend.) Ach, Henriette, ich kann ihn nicht mit einemmale aus meinem Herzen reissen! – Aber ich will nicht mehr von ihm sprechen. – Da, nimm den Ring, den er mir gab; trage ihn immer, nur nicht in meiner Gegenwart. (Sie küsst den Ring.) Du warst mir so teuer; meine Blicke weilten so gern auf dir, und auch von dir muss ich mich trennen! (Sie giebt Henrietten den Ring und verhüllt ihr Gesicht in ein Tuch.)
H e n r . Das ist ein Opfer, welches Du der Tugend machest; sie wird Dich nicht unbelohnt lassen!
E l i s a . (Nach einer Pause.) Dieses Wort erweckt jede schlummernde Kraft meiner Seele. (Sie reicht Henrietten die Hand.) Dir, Henriette, gelobe ich es, bei dem Andenken meines Herrmanns schwöre ich es, Alles, was Tugend von mir heischt, will ich erfüllen! – O, dann werde ich stark sein, alle Widerwärtigkeiten des Lebens zu ertragen!
H e n r . (Elisa'n umarmend.) Ja, meine Freundinn, dann wird Glück und Zufriedenheit Dich bis zum letzten Hauche Deines Lebens begleiten! O, dass Dein Vater seine Tochter sehen, dass er das edle Geschöpf an seine Brust drücken könnte, in welches er den Keim zu jeder Tugend, und dadurch den Grund dauerhafter Glückseligkeit für sie legte! –
Elisa seufzte noch; aber sie fühlte sich stärker; fest war sie entschlossen, ihren Widerwillen gegen Wallenheim zu bekämpfen, und jede Erinnerung an Herrmann zu entfernen.
Lange noch stand Herrmann in der Stellung, in welcher Elisa ihn verlassen hatte; Schmerz war jeder Ausdruck seiner Züge, Verzweiflung das einzige Gefühl, das ihn belebte. So kehrte er zurück nach Birkenstein; aber noch heftiger ward sein Schmerz, als er sich der Linde näherte, unter welcher er seine Elisa zuerst gesehen hatte. Gott! ruft er aus, und wirft sich unter ihren Schatten, hier hub ein Tag des Glücks, und eine Ewigkeit von Qualen für mich an! Frau von Birkenstein, welche alle Abende unter dem wohltätigen Schatten der Linde verweilte, kam nun auch; hier freuete sie sich immer des verlebten Tages, wenn sie vom Unglücklichen den Kummer verscheucht, und statt dessen sanfte Freude in seinem Herzen verbreitet hatte. Noch heute hatte sie das Glück zweier Geschöpfe befördert, indem sie ein junges Mädchen der Gewalt einer Stiefmutter entriss, welche Tyranninn gegen sie war, und ihr eine Ausstattung gab, welche sie in den Stand setzte, dem Mann, den sie liebte, ihre Hand zu geben. Noch begleitete sie der Segen des liebenden Paars; da dachte sie an Herrmann, und an seine Liebe, und Tränen der Freude, Tränen des Danks gegen die gütige Vorsicht, die unter den Leiden, welche die Sterblichen sich bereiten, so mannichfaltige Freuden auf sie schüttet, rollten von ihrem Auge. So erblickt sie Herrmann; er sahe seine Mutter nicht; im Schmerze vergraben lag er da, und nur Elisa's Bild schwebte