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voll düstrer Schwermut wankte er an jedem Abend zurück nach Birkenstein. Er weiss kaum, was er denken soll. Er wagt es nicht, irgend einer Mutmassung Raum zu geben; denn schwarze Bilder schweben um seine Einbildungskraft. Er wagt es endlich am fünften Tage, nach Hohnauschloss zu reiten; allein die Baroninn von Hohnau nimmt seinen Besuch nicht an; er zieht Erkundigungen ein, und kann weiter nichts erfahren, als dass Elisa und Henriette nicht das Zimmer verlassen, ob sie gleich ganz wohl sind. Dieses vermehrt nur seine Besorgnisse; er geht am andern Tage wieder in den Birkenwald; unruhig durchläuft er alle Gänge, welche nach Hohnauschloss führen; da erblickt er endlich seine Elisa, welche wankend daher kömmt; er eilt ihr entgegen, und kraftlos sinkt sie in seine Arme.
H e r r m . Gott! was ist das? Elisa, Dein Herz schlägt heute so schwach gegen das meinige?
E l i s a . (Entreisst sich seinen Armen, mit angenommener Standhaftigkeit und fester Stimme.) Herrmann, wir sehen uns heute zum letztenmale!
H e r r m . (Blickt sie starr an; Elisa hält ihre Hand vor die Augen; er fällt endlich zu ihren Fussen.) Elisa, sprichst Du mein Todesurteil?
E l i s a . Herrmann, erschwere mir meine Pflicht nicht; ich wollte bei Dir Standhaftigkeit suchen.
H e r r m . (Steht auf.) Spötterinn! Du kannst noch meines Elends spotten?
E l i s a . (Mit sanfter, einschmeichelnder Stimme.) Höre mich, mein Herrmann! Mutterbefehl entreisst mich Dir! Ach, ich würde in Deinen Armen nicht mehr glücklich sein, wenn meiner Mutter Fluch auf mir ruhete!
H e r r m . Elisa, warum bist Du so vollkommen, und ich so unglücklich? O, Mädchen! wärest Du in den Tiefen eines Abgrundes gewesen, an dessen Rande tausend Dolchstiche meine Brust zerfleischt hätten; mit dem Tode ringend wäre ich zu Dir geeilt, hätte Dich in meine Arme genommen, wäre gestorben, aber wäre glücklich gewesen! – Ach, Elisa, ich kannte nur Leben und Glück, seit dem Augenblicke, da ich Dich sahe! Nein, ich hatte kein Dasein zuvor! Und nun stössest Du mich zurück in ewige Finsterniss! – O, welche herrliche Aussicht lag vor mir! Wie ergötzte ich mich oft, wenn ich in die Zukunft blickte! Elisa gab Licht und Leben allen Gegenständen, die ich sahe! – Und nun? – Schauder ergreift mich – meine Tage werden öde sein – kein Gefühl kenne ich mehr – Nun wird Verzweiflung mir süss und Raserei mein Loos sein.
E l i s a . Halt ein, Herrmann! Du zerreissest mein Herz. – O Mutter! Mutter! Mögen seine Flüche nie über Dich kommen! (Sie sinkt nieder auf den Rasen.) Wo soll ich Kraft hernehmen, seinen Schmerz zu tragen?
H e r r m . (Setzt sich neben sie, und umarmt sie.) Elisa, Weib meines Herzens, Du willst mich verlassen?
E l i s a . (Ein Strom von Tranen rollt von ihren Wangen; sie legt ihren Kopf auf seine Schulter; nach einer Pause.) Herrmann, ich bin doppelt unglücklich! Ich muss einem Andern meine Hand geben; Du darfst mich lieben; ich muss Dich vertilgen, aus diesem Herzen, in welchem Du herrschest. – Aber, schwuren wir uns nicht oft, der Tugend treu zu bleiben? Mein Herrmann, gedenke des Tages, an dem Du sagtest, wir wollen zusammen die Leiter der Vollkommenheit ersteigen. – Wollen wir nur auf der untersten Sprosse stehen bleiben?
H e r r m . (Seinen Kopf auf seine Hände gestützt.) Gott! ich soll sie verlieren? O! wie werde ich Kraft zum Leben behalten?
E l i s a . Blicke um Dich, mein Herrmann, die Natur verlässt keines ihrer Kinder; in ihrem Schoosse wirst Du Balsam für Deine Wunden finden.
H e r r m . Vergebene Hoffnung! mit Dir schwindet jeder Genuss; alles ist nun todt für mich!
E l i s a . Aber ich bin ja noch; meine Ruhe hängt von der Deinigen ab! Herrmann! Herrmann! könnte ich mit diesem Leben Dein Glück erkaufen! – Ach! schone meiner!
H e r r m . (Drückt sie mit Inbrunst an seine Brust.) Himmel! wäre dieses der letzte meiner Augenblicke, ich wollte ihn segnen! Ich stürbe an meiner Elisa Brust!
E l i s a . Ach, Herrmann, wie schwer machest Du mir den Kampf zwischen Liebe und Pflicht!
H e r r m . Hat denn die Liebe nicht auch ihre Pflichten?
E l i s a . Wäre ich Dein Weib geworden, ich hätte sie alle erfüllt; aber Herrmann, ich bin das versprochene Weib eines Andern.
H e r r m . Schreckliches Wort! Der Gedanke "Zernichtung," ist es weniger als Du!
E l i s a . Lass uns nicht mit allem Gefühl des Schmerzes an diesem Augenblicke hängen! – Herrmann, viel werden Deiner Tage noch sein; wende sie an zum Wohl Deiner Brüder; werde gross und gut; streue Segen um Dich her! – Du bist Mann; weit kann Dein Wirkungskreis werden; viel des Guten, welches Du stiften kannst! Blicke dahin, solltest