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? – Ach wie sehr bin ich in mir selber gedemütiget! – Ich kann nicht weiter, mein Körper zittert – ich will mich schlafen legen. – Leben Sie recht wohl, lieber Mortimer, verachten Sie mich nicht, und stossen Sie mich nicht zurück; ich will besser werden, ich verspreche es Ihnen.
19
Eduard Burton an Mortimer
Bondly.
Sie werden von meinen Briefen bestürmt, lieber Mortimer. – Man weckt mich eben mit einer schrecklichen Nachricht auf: Emilie wird vermisst!
Ein Schlag trifft nach dem andern mein Herz. – Wo kann sie sein? – Sie wird allentalben gesucht, und ich sitze hier und zittre in banger Erwartung. –
Noch keine Nachricht! noch keine Spur! Man geht auf dem Gange. Nein! Sie ist es nicht. – Gott! wo kann sie sein! – Sie kann nicht fort sein, und doch ist sie nicht da, und es ist schon spät nach Mittag. –
Ich will sie selbst suchen. – Aber vielleicht ist sie nur im Garten spazierengegangen; – vielleicht hat sie im Dorfe eine arme Familie besucht. –
Willy wird soeben begraben; wenn sie nur von dem ganzen Vorfalle nichts erfahren hat!
Wie mein Herz klopft! – Mein Blut drängt sich gewaltig nach meinen Augen.
Noch keine Nachricht! Sie ist nicht im Garten, sie ist nicht im Dorfe. – – –
Ich bin auf ihrem Zimmer gewesen, und das Rätsel eben dieser Nacht, in der ich um Lovell klagte, ist sie entflohn und mit ihm entflohn. – Können Sie es glauben, können Sie's nur denken? Alle Begriffe in meinem Kopfe verwirren sich. – Beide waren einverstanden. – O Lovell! Nun hast du meinem Herzen den letzten Stoss gegeben. –
Ich lege Ihnen den unvollendeten Brief bei, den sie an ihre Freundin geschrieben hat. – Sie tun wohl am besten, ihn Ihrer Gattin nicht in die Hände zu geben. – Hätt ich ihn selber nicht gelesen! –
Oh! ich beschwöre Sie, eilen Sie, wenn sie irgend etwas von meiner unglücklichen Schwester hören; eilen Sie, sie zu retten.
Nun bin ich ganz einsam, nun ist mir nichts übriggeblieben, und ich habe nun wenigstens den Trost, dass ich nichts mehr verlieren kann.
20
Einlage des vorigen Briefes (Emilie Burton an
Amalie)
Bondly.
Endlich, endlich muss ich es Ihnen bekennen, dass jener Unbekannte, von dem ich sprach, Lovell ist. – Sie werden erschrecken, Sie werden bei dem Namen zittern. Oh! Amalie, Sie haben ihn nie gekannt, Sie haben sein Herz nie genug gewürdiget. –
Wie wäre es möglich gewesen, dass ich seinen Tränen, seinen Klagen hätte widerstehen können? Sein Jammer hat mein Herz getroffen, und, nein, Amalie, ich kann mir keine Vorwürfe darüber machen.
Ach der Arme! er ist von der ganzen Welt verstossen und höhnisch von jedem Herzen zurückgewiesen, er sieht sich um, ob sich nicht noch irgendwo ihm eine Seele wohlwollend entgegenneigt, und nirgends, nirgends. – Ohne Freunde, ohne Liebe muss er seinen Kummer tragen; ja, ich habe mein Glück dem seinigen aufgeopfert, ich will ihm folgen, und seine harten Schicksale mit ihm teilen. – Mein Bruder hat kein Herz, da er ihn so unbarmherzig verstossen kann; ich bin die einzige in der Welt, die ihn liebt, die einzige, söhnen wird. Ist mein ganzes Leben nicht verdienstlich genug, wenn ich diese eine Seele von der Verzweiflung gerettet habe?
In dieser Nacht fliehe ich mit ihm fort, ich folge ihm, wohin er mich führt. – Der Wagen hält eine Meile von hier im Walde, um ein Uhr bin ich dort. Ich kann von meinem Bruder nicht Abschied nehmen.
Meinetwegen war er hier in Bondly ungekannt, gleich am zweiten Tage entdeckte er sich mir. Er gehört mir nur einzig an, und niemand weiter in der Welt, so wie ich allein die Seinige bin.
Und wenn ich ihn auch nicht liebte, so würd ich ihm doch folgen, so innig hat er mich erschüttert, so sehr bin ich von seinen schweren Leiden durchdrungen. Ich würde ihm meine Gegenliebe heucheln, bloss um ihn wieder zu trösten, mit Freuden würde ich mein eigenes Herz aufopfern, bloss um das seinige zu retten.
Sie werden mich eine Schwärmerin nennen, aber glauben Sie mir, ich kann nicht anders. – Wenn er fort ist, was sollt ich dann noch hier bei meinem Bruder im einsamen Schlosse? – Nein, ich muss ihm folgen, auch wenn ich nicht wollte.
Grüssen Sie Ihren Bruder. – Ich weiss nicht, was er sagen wird, aber ich kann meinem Schicksale nicht entgegenhandeln. – Jeder muss nach seiner Überzeugung leben, und ich fühle in mir, dass ich recht tue. – Ich fürchte Karls Hitze, suchen Sie ihn daher zu beruhigen, wenn es irgend möglich ist. – Er hat mich nie recht herzlich geliebt, das habe ich immer sehr deutlich empfunden, so wenig wie ich ihn lieben konnte. –
Wie in der Zukunft alles werden wird, kann ich jetzt nicht wissen, aber in diesem Augenblicke kümmert es mich wenig.
Ich hätte Ihnen noch mehr zu sagen, aber die Zeit wird zu kurz; grüssen Sie Mortimer- entschuldigen Sie mich bei den harten Menschen, die mich verdammen, und bleiben Sie immer meine Freundin.
Ihrem Bruder sagen Sie: er soll mich vergessen