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die Liebe kennen lernen, die Erinnerung an Amalien erscheint mir wie in einer nächtlichen neblichten Ferne; ich habe sie nie geliebt.
Ich hatt ihr Liebe zugeschworen,
Ich Tor, mit Liebe unbekannt
Zu keiner Seligkeit erkoren,
In irdscher Nichtigkeit verloren,
Am schwarzgebrannten Felsenstrand.
In schwerer Dumpfheit tief versunken
Lag um mich her die leere Nacht:
Da grüsste mich ein goldner Funken –
Ha! rief ich töricht wonnetrunken,
Dort flammt mir Phöbus' Götterpracht.
Doch alle Ketten sind gesprungen –
Aus Osten sprüht ein Feuerglanz;
Der grosse Kampf ist ausgerungen,
Mir ist der schönste Sieg gelungen –
Herakles trägt den Götterkranz!
Ha, mögen nun mit Feuerschwingen
Sich Blitze dicht an Blitze reihn,
Mag Donner hinter Donner springen,
Ich will mit Tod und Schicksal ringen,
Bleibt sie, bleibt sie nur ewig mein! –
Am folgenden Morgen
Ich erwache – und erschrecke, Balder, indem ich dies noch einmal überlese. – Wie ein Schwindel befällt mich die Erinnerung an gestern – Amaliens Andenken kömmt in der ganzen Heiligkeit der Unschuld auf mich zu, mit herzdurchschneidender Wehmut – o Balder, ich möchte vor mir selber entfliehen. – Was ist die Stärke des Menschen? – Ich bin ein Elender, tröste mich, wenn Du kannst. –
O ich muss fort, fort von Paris – ich muss! – Mir ist, als wollten die Häuser über mich zusammenstürzen, der Himmel hängt tief und trübe auf mich herab. – Wir wollen aufbrechen und nicht mehr säumen. – O Balder, Du hast recht, ich bin ein Nichtswürdiger, mein Herz ist zu klein für jene Götterempfindungen – verachte, verlass mich nicht – und zerreiss dies Papier nicht, bewahr es, und wenn Du mich im Begriffe siehst, Amalien und meine Schwüre zu vergessen, dann reiche mir es heimlich und schweigend, und mir wird sein, als wenn ein Donnerkeil vor mir niederfiele. –
24
Amalie Wilmont an William Lovell
London.
Warum hab ich seit so langer Zeit keinen Brief von Ihnen erhalten? Ich bin darin wie ein Kind, dass mir immer gleich tausend Übel beifallen, die Ihnen zugestossen sein könnten; reissen Sie mich bald aus meiner Unruhe. – Ich bin oft einsam und beschäftige mich in meinen Träumereien mit Ihrem Andenken oft durchbohrt der Gedanke mein Herz: er hat dich vielleicht schon vergessen! und dann wein ich – und werfe mir dann wieder das Unrecht vor, das ich Ihnen tue, und bitte Ihrem kleinen Gemälde, das Sie mir hiergelassen haben, meine Übereilung ab. – O schreiben Sie mir, selbst wenn Sie krank sein sollten; seitdem ich keinen Brief von Ihnen erhalten habe, seh ich nichts als Räuber und Banditen, die Sie überfallen und ermorden, ich sehe Sie ohnmächtig gegen die Wellen kämpfen – oder höre Sie in einem brennenden Hause vergebens nach Rettung rufen – o schreiben Sie mir ja sogleich, mir treten oft kalte Tränen des Entsetzens in die Augen. – Ihr Vater ist jetzt wieder besser, aber er ist mit dem Baron Burton in einen Prozess verwickelt, der scheint, es gibt mehr schlimme Menschen in der Welt, als ich glauben konnte. Doch Sie sind ja mein Freund, mein Wunsch; nur zu Ihnen will ich alle meine zagenden Gedanken senden. Nur bald wieder einige Worte von Ihnen und ich bin froh und glücklich.
25
William Lovell an Amalie Wilmont
Paris.
Wie wohl und wehe Ihre zärtlichen Besorgnisse meinem Herzen tun! – ich sollte Sie vergessen? – Nimmermehr! – Nein, halten Sie mein Herz nicht für so armselig, dass es je die Gefühle verlieren könnte, die es Ihnen zu danken hat, nein, im Innersten meiner Seele liegen sie aufbewahrt, als ein Unterpfand meines Wertes. O Amalie, ich hoffe mit Sehnsucht auf die Zeit meiner Rückkehr, mit Sehnsucht auf den Augenblick, in dem ich Sie wiedersehe; dies Glück nach einer so langen Trennung wird mich berauschen, der lange leere Zwischenraum wird mich dann diese Freude desto lebhafter empfinden lassen. – Ich denke oft mit Traurigkeit an meinen grausam zärtlichen Vater – oh, die Liebe mag mir diesen Frevel verzeihen – Ihretwegen wünsch ich oft, dass er mich weniger liebte, dann hätt ich ein grösseres Recht, ein ungehorsamer Sohn zu sein. – Aber jetzt! – Doch wer weiss, welche Freuden mir noch die karge Zukunft aufbewahrt, um mich durch ihre allmäligen Wohltaten glücklich zu machen! Die Hoffnung soll meine Freundin sein; eben jede Freude des Lebens, er wird mir die nicht missgönnen, die die Grundlage meiner Existenz ist, an die sich jedes andre Glück nur reihen kann; sehn Sie, wie ich mir aus meinem Leiden selbst eine Freude heraussuche; denn bei der Gewissheit meines Glücks, ohne diese Hoffnung, würde mich die Trennung noch länger dünken. – Sein Sie heiter, auch ich will es sein, verzeihen Sie dem Freunde eine Nachlässigkeit, durch die er Ihren Zorn verdient hat. Ich wollte stets meine schönsten Stunden wählen, Ihnen zu schreiben; bald aber machte mir diese, bald eine andre Ursache böse Laune und so ward alles Schreiben aufgeschoben. – O teuerste, teuerste Amalie – es gereuen mich die Worte, die ich niedergeschrieben habe; tote Zeichen können nie die Empfindungen meines Herzens ausdrücken, alles ist kalt und ohne Sinn; lassen Sie die Liebe diesen Brief lesen, lesen Sie ihn mit der Sehnsucht, mit der trüben fröhlichen Melancholie, mit der ich ihn schrieb, dann werden Sie fühlen, wie Ihr Herz klopft,