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! Sieh tausend Elend auf dich zielen, Im Schmerz dein Dasein nur zu fühlen! Ja erst im ausgelöschten Todesblick Begrüsst voll Mitleid dich das erste Glück. – Ich komme mir in vielen Momenten wie ein Kind vor, welches jammert, ohne selbst zu wissen, worüber. Ich komme soeben von einem kleinen Spaziergange aus dem Felde zurück: der Mond zittert in wunderbaren Gestalten durch die Bäume, der Schatten flieht über das Feld und jagt sich hin und her mit dem Scheine des Mondes; die nächtliche Einsamkeit hat meine Gefühle in Ruhe gewiegt, ich sehe mich und die Welt gemässigter an und kann jetzt mein Unglück nur in mir selber finden. Ich ahne eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Träume vorschweben werden, wo ich mitleidig über diesen Drang des Herzens lächle, der jetzt meine Qual und Seligkeit ist – und soll ich es Dir gestehen, Eduard? – Diese Ahnung macht mich traurig. – Wenn dieses glühende Herz nach und nach erkaltet, dieser Funke der Gotteit in mir zur Asche ausbrennt und die Welt mich vielleicht verständiger nennt – was wird mir die innige Liebe ersetzen, mit der ich jetzt die Welt umfangen möchte? – Die Vernunft wird die Schönheiten anatomieren, deren holder Einklang mich jetzt berauscht: ich werde die Welt und die Menschen mehr kennen, aber ich werde sie weniger lieben – sobald man die Auflösung zum sinnreichsten Rätsel gefunden hat, erscheint es abgeschmackt. Mein Brief scheint mir jetzt übertrieben, ich möchte ihn zerreissen, ich bin unwillig auf mich selbst – aber nein, ich will mir meine Beschämung vor Dir nicht ersparen. Ich will Dir daher auch gestehen, dass, indem ich schrieb, eine Art von Trost für mich in dem Bewusstsein lag, dass ich auch Dich nun bald verlassen müsse; dadurch schien mir meine Bitterkeit gegen mein Schicksal gerechtfertigt. – Doch jetzt sind alle diese Träume verschwunden, jetzt fühl ich es innig, dass Du meiner Existenz unentbehrlich bist, aber ebenso tief empfind ich es auch, dass mir das Andenken an Amalien nie wie ein trüber Traum erscheinen wird, in einem Momente nur konnte mich diese Ahnung hintergehn – ihre Gegenliebe würde mich unaussprechlich glücklich machen. Nie werde ich den Blick vergessen, mit dem sie mich so oft betrachtet hat, die holdselige Güte, mit der sie zu mir sprach, alles, alles hat sich so in alle meine Empfindungen verflochten, so innig bis an meine frühesten Erinnerungen gereiht, dass ich nichts davon verlieren kann, ohne an Glück zu verlieren. Ach, Eduard – wenn sie mich liebte! – Mein volles Herz will vor Wehmut bei dem Gedanken zerspringen – wenn sie mich liebte – warum bin ich dann nicht an ihren Busen gesunken – warum sitz ich dann hier und schreibe nieder, was ich empfinde und empfinden könnte? – Als der freie Platz im Walde kam, wo wir Abschied nehmen wollten – alle Bäume und Hügel schwankten um mich her – eine unbeschreibliche Angst drängte und wühlte in meinem Busen – der Wagen wollte halten, ich liess ihn weiterfahren und so immer in Gedanken von einem Baume zum andern fort – immer noch eine kurze Frist gewonnen, in der ich sie sah, in der ich den Klang ihrer Stimme hörte – endlich stand der Wagen. – Wir stiegen ab. – Sie umarmte ihren Bruder lange Zeit, ich nahte mich zitternd, ich wünschte diesen Augenblick im Innersten meines Herzens vorüber, sie neigte sich mir entgegen, ich schwankte und sahe sie an – ich war im Begriffe in ihre Arme zu stürzen – – ich bog mich ihr entgegen und küsste ihre Wange – eine eisige Kälte überflog mich – der Wagen rollte fort. Da wurzelte mein Auge in das Gras, es schwärmte in dem Laub der Bäume, und alles schien mir grüner und glänzender, von den Strahlen ihrer letzten Blicke beleuchtet. Ich atmete tief auf, und hätte von Bäumen und Gras diesen Geist, der mich anglänzte, in mich ziehen mögen. Bei einer Waldecke sah sie noch einmal mit dem holden göttlichen Blicke zurück – o mir war's, als würd ich in ein tiefes unterirdisches Gefängnis geschleppt. – Warum hab ich ihr nicht gesagt, wie viel sie meiner Seele sei? – Wenn ich ihren letzten Blick nicht missverstand – war es nicht Schmerz, Traurigkeit, die daraus sprachen? – aber vielleicht für ihren Bruder? – Doch die Innigkeit, mit der sie mich betrachtete? – Oh, eine schreckliche Unruhe jagt das Blut ungestümer durch meine Adern! Jetzt schläft sie vielleicht. Ich muss ihr im Traume erscheinen, da ich so innig nur sie, nur sie einzig und allein denken kann. – Bald kömmt sie nun in London an, macht Bekanntschaften und erneuert alte, man schwatzt, man lobt, man vergöttert sie, schmeichlerische Lügner schleichen sich in ihr Herz – und ich bin vergessen! – Kein freundlicher Blick wendet sich zu mir in die Einsamkeit zurück, ich stehe dann da in der freudenleeren Welt, einer Uhr gleich, auf welcher der Schmerz unaufhörlich denselben langsamen, einförmigen Kreis beschreibt. Ihr Bruder Karl lächelte als wir zurückritten. Ich hätte weinen mögen. – Oh, warum müssen denn Menschen so gern über die Schmerzen ihrer Brüder spotten? – Wenn es nun auch Leiden sind, von denen sie keine Vorstellung haben, oder die sie für unvernünftig halten, sie drücken darum das Herz nicht minder schwer. – Ich bedurfte Mitleid, ein empfindendes Herz – und ein spottendes Lächeln, eine kalte Verachtung – –