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der Ewigkeit um die Unermesslichkeit, die scharfe Sichel des Erdenmonds rückte schneidend in die kurzen Tage und Freuden der Menschen. –
Aber in dem, was unter den Sonnen stand, was der Ring umzog, was die Sichel angriff, war etwas höher, fester und heller als diese – es war die unvergängliche Freundschaft in den vergänglichen Hüllen.
Flamin, anstatt durch diesen erschöpfenden Ausdruck unsrer sprachlosen Liebe befriedigt zu sein, wurde jetzt ein lebendes fliegendes Feuer. "Viktor! in dieser Nacht gib mir deine Freundschaft auf ewig und schwöre mir, dass du mich nie in meiner Liebe zu dir stören willst!" – "O du Guter! ich hab' dir ja längst mein Herz gegeben, aber ich will gern heute wieder schwören." – "Und schwöre mir, dass du mich niemals in Unglück und Verzweiflung stürzen willst." – "Flamin! das tut mir zu weh." – "O ich fleh' dich an, schwöre es und hebe deine Hand auf und versprich mir, wenn du mich auch hast unglücklich gemacht, dass du mich doch nicht verlässest und nicht hassest".... (Viktor presste ihn an sich) "Sondern wir gehen hieher, wenn wir uns nicht mehr aussöhnen können – o es tut mir auch wehe, Viktor! – hieher und umfassen uns und stürzen uns hinab und sterben" – "Ja!" (sagte Viktor erschöpft leise) "o Gott! ist denn etwas vorgegangen?" – "Ich will dir alles sagen: nun leben und sterben wir miteinander" – "O Flamin! wie lieb' ich dich heute unaussprechlich!" – "Nun lass' ich dich mein ganzes Herz sehen, Viktor, und offenbare dir alles."
Aber eh' ers konnte, musst' er vorher sich durch Verstummen ermannen, und sie schwiegen lange, in den innern und den äussern Himmel vertieft.
Endlich konnt' er anfangen und ihm erzählen, dass jene Klotilde, über die er heute gescherzt, sich mit unauslöschlicher Schrift in sein Inneres geschrieben – dass er sie weder vergessen noch bekommen könne – dass das schleichende Fieber einer furchtsamen wahnsinnigen Eifersucht aufreibend in ihm brenne – dass er mit ihr zwar kein Wort über seine Liebe nach ihrem eignen Verbote sprechen dürfe, als bis ihr Bruder (der Infant) wieder da und dabei sei – dass sie aber, nach ihrem Betragen und nach Mattieus Versicherungen, vielleicht einige für ihn habe – dass ihr Stand die ewige Scheidemauer zwischen beiden bleibe, solang' er den juristischen Weg anstatt des militärischen zu seinem Steigen einschlage – und dass er auf dem letzten, wenn der Lord ihm seine Hand dazu biete, schneller zu Klotilden auf ähnliche Stufen kommen würde – und dass die Bitte, von der er in seinen Briefen an Viktor gesprochen, eben die sei, alles dem Lord wieder zu erzählen und seinen Beistand zu begehren. – Im Grunde konnte nur sein wilder Arm den Degen besser als die Gerechtigkeitwaage halten. Eine fürchterliche Anlage zur Eifersucht, die schon von künftigen Möglichkeiten Zuckungen bekömmt, war die Hauptursache. Viktor freuete sich, dass er seinen Gefühlen die beste Sprache geben konnte, nämlich Handlung, und sagte ihm alles mit Entzücken über sein Zutrauen und über das Aussenbleiben befürchteter Neuigkeiten zu. – So gingen sie, von neuem aneinander befestigt, zur Ruhe, und das Zwillinggestirn – dieser fortbrennende verschlungne Name der Freundschaft – schimmerte in Westen zuwinkend aus der irdischen Ewigkeit herüber, und das Herz des Löwen war zu seiner Rechten angezündet....
Auf diese Erde sind Menschen gelegt und an den Fussboden befestigt, die sich nie aufrichten zum Anblick einer Freundschaft, welche um zwei Seelen nicht erdige, metallene und schmutzige Bande legt, sondern die geistigen, die selber diese Welt mit einer andern und den Menschen mit Gott verweben. Solche zum Schmutz Erniedrigte sind es, die, gleich den Reisenden, den Tempel, der um die Alpenspitze hängt, von unten für bodenlos und schwebend ansehen, weil sie nicht in der Höhe auf dem grossen Raume des Tempels selber stehen, weil sie nicht wissen, dass wir in der Freundschaft etwas Höheres als unser Ich, das nicht die Quelle und der Gegenstand der Liebe zugleich sein kann, achten und lieben, etwas Höheres, nämlich die Verkörperung und den Widerschein der Tugend, die wir an uns nur billigen, aber an andern erst lieben.
Ach können denn höhere Wesen die Schwächen von Schatten Gruppen strenge berechnen, die einander festzuhalten suchen, von Nordwinden auseinander gedrängt – die voneinander die edle unsichtbare Gestalt an sich drücken wollen, worüber dick und plump die Erdenlarve hängt – und die einander in Gräber nachfallen, worein die Beweinten ihre Weinenden ziehen?
4. Hundposttag
Schattenriss-Schneider – Klotildens
historische Figur – einige Hofleute
und ein erhabner Mensch
Eigentlich wollte Klotilde – erfuhr Sebastian am Morgen – bis nach Johannis im Stifte bleiben; aber da ihre beste Freundin und Stift-Genossin Giulia voraus fortgegangen war, nicht zu den Eltern, sondern unter die Erde, so musste sie das verwundete Auge durch eine schnellere Abreise wegziehen von dem Grabhügel, der wie eine Ruine über dem verlornen Herzen ruhte. Ohne Gepäck war sie dem blumenlosen Golgata ihrer verwundeten Seele entflohen, und ihr stand noch ein zweiter Anblick desselben, eine zweite Abreise und die Wiederholung der alten Tränen bevor.
Nie wurde eine grosse Schönheit von einer kleinen unbefangner gelobt als von Agaten Klotilde. Sonst schätzen Mädchen an Mädchen nur das Herz; die zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts