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stille, aber weitumfassende Verkettung der Glieder seines verlassenen Ordens. S e i n e Gegenwart, glaubte der Uneigennüzzige, könne ihrer eignen Sicherheit gefährlich werden, und so edel wie er war, konnte er den Gedanken nicht ertragen, durch seine Schuld Andre auch nur der Möglichkeit ausgesezt zu haben, mit in das Gewebe seines feindseeligen Schiksals verwikkelt zu werden. So trennte er sich freiwillig von allem was ihm lieb war, aber diese Trennung erschütterte sein Wesen bis in seine geheimsten Tiefen. Das Schiksal selbst schien ihn von allen Verhältnissen loszureissen, von allen Verbindlichkeiten zu entbinden, und der erschütternde Gedanke, auf der ganzen Welt kein trautes Wesen mit sich verbunden zu wissen, der ihn schon ehemals verfolgt hatte, sank jezt in seiner ganzen fürchterlichen Stärke wieder auf ihn ein. Sein Abschied erfüllte N a n e t t e n mit schreklichen Ahndungen. Sie sah ihn, wie er zwischen Leben und Tod wankte, wie alle Fäden, die ihn an die Menschen banden, zu zerreissen drohten, wie er in Gefahr war, den Glauben an sich selbst zu verlieren. Ihre Bitten, dass er bleiben sollte, waren erschütternd – aber sie blieben ohne Erfolg. L o r e n z o hatte sich einmal überzeugt, dass es Pflicht für ihn sei – und er schied, wenn auch sein Herz darüber verbluten sollte. Einige Talente im Zeichnen, die ihn zum Stolz seines Zeitalters hätten machen können, wenn nicht sein unglückliches Schiksal jede Laufbahn für ihn verschlossen hätte, würden ihn, hoffte er, vor gänzlichem Mangel sichern. Nur wenn er glücklich wäre, versprach er ihnen Nachricht von sich zu geben – bis jezt hatten sie noch keine erhalten. Oft war die Erinnerung an ihn der Grund jener rührenden Schwermut gewesen, die ich in N a n e t t e n s Blikken hatte schwimmen sehen, und deren Ursache sie mir immer verschwiegen hatte. Mit der edelsten Offenherzigkeit hatte sie mir alles anvertraut, was s i e s e l b s t betraf – für f r e m d e Geheimnisse hielt sie mich noch nicht für genug geprüft; über das erste glaubte sie allein ein ausschliessendes Recht zu besizzen – das zweite war ihr heilig wie das anvertraute Eigentum eines dritten.
Die überströmende Freude, die in Nanettens Augen loderte, als sie glaubte, ich könne vielleicht ihre quälende Sehnsucht nach Nachrichten von L o r e n z o stillen, schilderte mir, mehr als Worte, die Grösse ihrer Liebe zu ihm. Ach! es war mir nicht vergönnt, ihre süsse Erwartung befriedigen zu können, und ihre stille Kränkung darüber schärfte das Gefühl meines Schmerzes. Nur die Hoffnung, durch m e i n e Hülfe bald glücklicher zu sein, konnte sie trösten. Vielleicht war er nicht fern, vielleicht entdekte mir ein günstiger Zufall seinen Aufentalt, vielleicht konnte ihn meine Gegenwart, meine Teilnahme aus seiner Versunkenheit retten. Der Erfolg war ungewiss. – Denn w o sollte ich ihn suchen? – aber schon die Hoffnung wars wert, alles um sie zu wagen. Sein Künstlerruf war der einzige Stral, dem ich in dieser Dunkelheit folgen konnte, aber auch dieser, wie unsicher! – N a n e t t e hoffte freudiger. Die Lebhaftigkeit ihrer Wünsche überredete die Liebende, sie für geheime Ahndungen zu nehmen. Ein neues Interesse kettete sie an mich; aber der erhöhte Reiz ihrer Zärtlichkeit vermehrte nur das Bittre meiner Resignation. Mich jezt von ihr trennen zu müssen – ach! es dünkte mir unerträglich! – Nur der Gedanke, für S i e zu handeln, und L o r e n z o ' s Bild, konnten mich in diesem Kampf empor halten. Ich riss mich los, und suchte sofort alle katolischen Lände: zu meiden, weil ihn hier zu finden, mir am unwahrscheinlichsten dünkte. Dennoch tat mir zulezt, nach mancher getäuschten Hoffnung, manchem fehlgeschlagnen Versuch, in einem kleinen katolischen Städtchen ein leises Gerücht die Existenz eines jungen interessanten Künstlers kund, – und diesmal betrog mich das ungedultige Pochen meines Herzens nicht. – Er wars, den ich suchte, ach! aber es war der L o r e n z o nicht mehr, den ich in P a r i s zulezt gesehen hatte. Eine schrekliche Veränderung war mit ihm vorgegangen; fürchterliche Stürme hatten in seinem Innern gewütet und alle Blüten des Lenzes unwiederbringlich zerstört. Er kämpfte nicht mehr, er unterlag; eine grässliche Bestimmteit und Stille lag in seinem Blikke. Unter dem trüben Einfluss eines kränkelnden, allzureizbaren Körpers konnte keine heitre gesunde Vorstellung mehr in seiner Seele gedeihen, und das matte zweifelhafte Licht, worinn ihm alles erschien, gab auch den heitersten Bildern ein bleiches melancholisches Farbenspiel. Selbst bei meinem Wiedersehn liess die dumpfe Schwermut, die ihn niederdrückte, kaum einen sterbenden Stral von Freude in seinem Auge flimmern, liess kaum ein Lächeln über seine Wangen schleichen. Vergebens suchte ich nach Berührungspunkten, wo ich sein erstorbenes Gefühl zu fassen hoffte; die Vergangenheit war für ihn auf ewig untergegangen – und für ihn gab es keine Zukunft mehr. Ein kurzes schmerzhaftes Zurüksehnen war alles, was die Erinnerung an N a n e t t e n in seinem todten Herzen zu erkünsteln vermochte – der kurze Sonnenblick eines Wintertags! – Es war sichtbar, es musste etwas mit ihm vorgegangen sein, was wir nicht wussten, und was er mir verschwieg, und sehnlich erwartete ich den Augenblik, der mir das enträtseln würde. Als ich ihn bat