highChunks/1794_Mereau_069_15974.txt -- topic 75 topicPct 0.169444441795

geworden? fragte ich mich selbst. Du mordest die unnachlässlichen Forderungen, die die Welt an dich zu tun hat. Unter der Last bloss eigennüzziger Sorgen, worinn die Seele gefangen liegt, erlischt und stirbt die göttliche Flamme, die den Geist zum Himmel emporhebt, jene edle Kraft, die ihn zu schönen Handlungen beflügelt, und seine Blüte welkt ungenuzt im Sonnenbrand der Leidenschaft. Ich raffte alle Energie, die noch in mir lag, zusammen, um mich zu ermannen. Ich nahm an allem Teil. Ich ging in die Nationalversammlung, mischte mich unter das Volk, hörte die Feuerrede M i r a b e a u s , und vergass mich selbst über dem Anteil, den ich an andern nahm. Aber wenn ich nun am Abend in mein einsames Zimmer zurükkehrte, alle die am Tage über aufgefassten Ideen in immer tieferes Dunkel sanken, das Herz von seinen Bedürfnissen nun lauter zu sprechen begann – dann schwebte i h r Bild vor meinen Blikken wie die stralende Erscheinung einer bessern Welt. Voll Sehnsucht strekte ich meine Arme aus, die holde Gestalt zu umfassen; geistig wallte sie vorüber, und Augenblikke des tiefsten Unmuts folgten dem kurzen Schattengenuss von Freude. Noch konnte ich mich nicht von Paris entfernen. Ein magischer Stral der Hoffnung hielt mich in seiner Atmossphäre fest; noch immer hoffte ich sie hier zu finden – und immer hoffte ich vergebens. Mein Vater schrieb mir endlich zurükzukommen, und wie elektrisch Feuer fuhr mir das durchs Herz. In diesem Augenblikke vergass ich den Zwischenraum, der mich von der Vergangenheit trennte, und schloss mich wieder mit Innigkeit an meine vorigen Ideen an. Die heitere Magie der Erinnerung beflügelte die Sehnsucht nach einem gleichen Genuss, und die Fülle ihrer Darstellungen gab meinem trägen Herzen neue Spannkraft und meinen halb verloschenen Augen neues Feuer wieder. Im Nachhall meines süssen Taumels reiste ich ab, und neue Lebensluft schien mir mit jedem Schritte balsamischer entgegen zu wehen. Ach! nur zu bald empfand ich, dass wir n i e das wieder werden können, was wir einmal aufgehört haben zu sein. Die Erfahrungen die wir machen, die Gefühle, die in uns entwikkelt werden, ändern unaufhörlich an unserm Wesen – und kein Gott kann ihre Wirkung aufhalten! – Jezt stand ich wieder da auf mütterlicher Erde, sah ihre hohe Natur, ihre blühenden Erzeugnisse wieder, die mir auch in der Ferne oft so freundlich gewinkt hatten. O! einziges himmlisches Gefühl! Mein Herz schwoll auf, fand in der ganzen Welt nichts seiner Sehnsucht wert, wie diesen kleinen Raum, und fand in diesem Raume eine Welt. Ich schaute hin in die Ferne, die grau und ungewiss vor meinen Blikken lag, und ein Schwarm von strebenden Gefühlen wallte in mir auf. O! Nanette, Nanette, dachte ich. Nur einen Pulsschlag lang hatte ich sie vergessen. Der erste Eindruk, wieder im Vaterlande zu sein, hatte mich überwältigt; doch unauslöschbar stand ihr Bild vor meiner Seele. Sie war mein vollendetster Gedanke, der sich innigst mit jedem meiner Genüsse verwebte. Mein Vater und meine Verwandten empfingen mich mit tausend Freuden. Ich war ihr Liebling gewesen, als ich von ihnen schied, und ich war es noch. Tausend Beweggründe regten mich nun zu neuer Tätigkeit an. Dieser allmächtige Trieb, der, unter welchen schönen, tausendfachen Modificationen! auf dem ganzen Erdboden sichtbar wird, der Trieb zu w i r k e n , ergriff auch mich. Ich arbeitete für das Wohl, für die Ruhe anderer, aber meine eigene Ruhe schien mir unwiederbringlich verloren zu sein. Die ahndungsvolle Seeligkeit, die mein Gefühl aus dem Zauberkelche der Liebe gekostet, die geistige Wollust, die ich in L o r e n z o s Umgange genossen, was konnte mir sie ersezzen, was sie zurükbringen? – Ich widerstand dem Schmerz über ihren Verlust nicht länger, und die Ungewissheit über ihr Schiksal verstärkte ihn täglich mehr. Zu s c h w a c h , den zweklosen Gram mit Vernunftgründen besiegen zu können – zu s t a r k , um mich von seiner Rechtmässigkeit zu überreden, war ich doppelt unglücklich, weil es mir an innrer Harmonie gebrach. Wie mit einer lichtscheuen, menschenfeindlichen Krankheit behaftet, suchte ich nur Dunkel und Einöde; Schweigen und Einsamkeit war das Einzige, was mir in der Welt noch erträglich dünkte. Alles, was mir sonst so begehrungswert geschienen, war mir gleichgültig. Ein paar Jahre hatten meine Jugendgespielen grösstenteils von mir getrennt, oder sie wiegten sich noch in den Träumen einer glücklichen Unerfahrenheit, oder unser Schiksal hatte Welten zwischen unsre Denkart gedrängt. Die Wirklichkeit war tod für mich, und die Erinnerung einer hier vertaumelten, einst glücklichen Jugendzeit konnte mir nur Stoff zu schmerzlichen Vergleichungen geben. Vergebens nahm ich zu den einfachsten Mitteln meine Zuflucht; erwartete von der Natur, was keine Kunst zu geben vermochte; vergebens lauschte ich mit kindlichem Herzen ihren leisesten Tröstungen – selbst ihr allmächtiger Zauber konnte mein gelähmtes Gefühl nicht aus seiner Versunkenheit retten. Wie nach einem verlornen Paradies sah ich zurück nach den Freuden, die ich genossen, die ich hätte geniessen k ö n n e n , – und eine fürchterliche Ermattung folgte stets jedem gewaltigen Auflodern meiner kranken Imagination. Ich w o l l t e nicht vergessen – um diesen Preis verlangte ich kein Glück. Mein Schiksal schien mir Einzig zu sein, das Wunderbare desselben webte einen geheimen Reiz in meine Leiden und machte meine Genesung immer unmöglicher. So versank ich rettungslos in