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. – Seine Guterzigkeit rührte mich in meiner Lage recht sehr, der Mann denkt teutsch und bieder, aber ist nichts weniger als ein aufgeklärter Kopf. Ehe er meine Verfassung wusste, fieng er mir an einige drolligte Schmeicheleien vorzusagen, worüber Röschen laut lachte. – "O wenn Sie Wittwe wären! (fuhr er fort) wahrhaftig Ihr Humor gefällt mir so ausnehmend." (Da wollte er vermutlich von meinem Bischen Verstand sprechen, und wusste sich nicht auszudrükken.) – Eilig zog ich dann Dein Bildniss aus meinem Busen, und küsste und herzte es vor seinen Augen so derbe, dass der gute Mann vor Staunen fast ausser sich geriet. – "Wahrhaftig (fieng er wieder an) so ein Frauenzimmer habe ich mein Lebtag noch nicht angetroffen, die ihren Gatten so leidenschaftlch liebt. – Heute habe ich es aber gleich gedacht, unsere schöne Einsiedlerinn muss gewiss Besuche haben, weil kein Brief an Sie kam, denn Ihr Herr Liebster schreibt ja alle Posttage so richtig, wie eine Uhr. – Und ich gestehe es, die Neugierde trieb mich eine Stunde Wegs in dieses Tal, um Sie doch endlich auch einmal kennen zu lernen. Es tut mir weis Gott sehr leid, dass Sie so geschwinde fortreisen wollen; die Wirtin und die Bauern lieben Sie ja ausserordentlich." Er würde fortgeplaudert haben, wenn ich ihn nicht wegen einigen Reise-Anstalten unterbrochen hätte. – Friz, danke ihm doch in einem Briefe, willst Du? – – Für heute Millionen Küsse von Deiner ewig treuen Gattinn ...... Nina. Frühe um 6. Uhr. Endlich wieder einmal eine Nacht gut geruhet! – Und Du Herzens-Gatte, auch Du? – Möchte ich doch morgen noch vor meiner Abreise Nachricht von Dir erhalten, aber es ist umsonst, es kann nicht sein, weil Du die Verlängerung meines hiesigen Aufentalts nicht weist, und ich Dich bat, mir geradezu nach F... zu schreiben. – O bis Freitag früh ist es eine lange martervolle Ewigkeit! Dass doch der dumme Postwagen nicht eher kömmt und ich auf ihn warten muss! – Noch heute gehe ich mit Röschen nach H... und gebe dorten diesen Brief auf die Post, eh ich abreise, Du sollst gewiss nicht umsonst auf Briefe warten. – Aber nicht wahr F...? – – – Denke Dir Dein liebes Weib allein ohne Gatte in einer fremden Stadt, mit einer kummervollen Seele im Busen, wie sie gebeugt daherwandelt und sich nach Erlösung sehnt. Gewiss ein fremdes Weib ist ein verlassnes Wesen! – Hat sie Geld, so muss sie es den geizigen Wirten zuwerfen, hat sie keines, so wird sie das Opfer ihrer Grausamkeit und der Gegenstand der Verfolgung für Wollüstlinge. – Gott, was ist ein Weib ohne ihren Gatten für Gefahren ausgesezt! – Trift dieses Loos eine Fühlende, dann empfindet sie die Last ihres Elendes doppelt. An der Seite eines Gatten kann man der Not, dem Vorurteil, der Verläumdung und der Misshandlung des eigennüzzigen Pöbels trozzen, aber allein fällt der Troz auf sie zurück, sie muss sich unterdrükken lassen, das Laster merkt es recht gut, dass es mit einem schwächern Teile zu tun hat. Ich bin ohnehin so schamhaft, so verzagt, so blöde, dass der Pöbel erst recht Mut bekömmt, mich mit Füssen zu stossen, wenn ich seine Dienste brauchte und sie zum Unglück nicht bezahlen könnte. Kann man etwas barbarischers finden, als des Pöbels Eigennuz? – Wegen ihm wird der Pöbel zum Mörder an seinem Nebenmenschen, mordet er ihn nicht gewalttätig und geschwind, so mordet er ihn langsam durch seine Zügellosigkeit! – Lass mich, lieber Friz, nie solchen Auftritten ausgesezt sein, bemühe Dich, mich bald zu erlösen. – An Deiner Seite, mein Gatte, nur Bauern-Kost, und himmlisch sollte sie mir schmekken! – O wie wollte ich Gott danken, für das teure Geschenk meines Frizzen. Weist Du noch Lieber, wie willig, wie liebetrunken ich Dir jeden Wink im häusslichen Leben befriedigte? – Wie Du mir meine Guterzigkeit dann wieder mit einem Kuss lohntest, und wie Du dann wieder nachdachtest über Deine Nina, die Dir Alles, Alles tat, was Dein Herz nur fordern konnte. Wenn Du Dir auf dieser Welt einen Himmel denken willst, so denke Dir solche Auftritte aus unserm häusslichen Leben. – Und nun, teuerster Gatte, Millionen Küsse von Deinem Weibchen im Kaput mit dem blauen Bändchen am Halse, waran Dein Bildniss hängt. – Weist Du, wie gut es mir steht? – – Deine besste, aufrichtigste, treueste Nina. LXXVII. Brief Rosental, den 13ten November. Teurer, äusserst geliebter Gatte! – Das war doch heute ein sehr wunderlicher Tag! – Bis zehn Uhr hatte ich noch mit Pakken zu tun, dann kam eine Schäse mit fünf Mannspersonen gefahren, ich erschrak, denn es waren lauter Leute aus B...; nun hiess es im Zimmer sizzen bleiben, und doch wäre ich gerne mit Röschen ausgegangen, wenn wir uns unvermerkt aus unserm Kämmerchen hätten schleichen können. Gerade heute, den lezten Tag meines Aufentalts, mussten diese Stadtflüchtlinge diese Einöde besuchen. – Mir wurde etwas bange, denn die Stuzzer sumsten um die Türe herum, als ob sie Verräter abgeben wollten. – Endlich schlichen wir uns ungesehen fortund kreuzten bis gegen Abend alle Berge und Wiesen in der Nachbarschaft durch. – Als wir zu