highChunks/1788_Ehrmann_010_6361.txt -- topic 55 topicPct 0.402640253305

zu entreissen. – – Diesen Augenblik erwarte ich Röschen mit Briefen von Dir. – Was wird wohl darinnen stehen? Freude, Kummer, Angst, Furcht, lassen mich das Siegel nie anders als zitternd erbrechen. – In der Liebe bin ich das kummervollste Weib, und in der Ehre und in feurigen Entschlüssen so sehr Mann. O ich möchte mich selbst anklagen, dass ich so ein unglücklich gestimmtes Weib sein muss! – – Es steht nicht mehr in meiner Gewalt es zu ändern, das Fieber hat Seele und Kopf angegriffen, da muss Gott helfen, sonst ist wohl jede Besserung für mich verloren! – – Du wolltest leztin wissen, was ich den ganzen Tag durch machte? – Sehr wenig, das einer gesunden Vernunft ähnlich sieht, herumlaufen, weinen, rasen, dichten, das ist meine grösste Beschäftigung. Denke nur, was mir leztin einfiel, ich hätte mich bald entschlossen, Dir durch eine dritte Person eine tüchtige Falschheit von mir in die Ohren blasen zu lassen, um Dich dann zu beobachten, wie Du Dich dabei betragen würdest? – Eine solche Probe dünkte mich Sicherheit, wenn Du sie standhaft, mit Zutrauen ausgehalten hättest, falls Dein Bruder neue Lügen wider mich Dir hinterbringen würde. – Vergieb mein Gatte, vergieb meinem Kummer, Du kennst ja die Ursache, Du musst wohl recht viel mit mir leiden, lasse es Dir aber von nun an zur Warnung dienen, behandle mich vorsichtiger, sage mir nichts mehr von Deinem Bruder. – Ich will gar nichts mehr von ihm hören, die blosse Erinnerung verwirrt mich schon! – – Friz, wenn Du meine Seele retten willst, so komme an meine Seite, beruhige mich durch Deine Grundsäzze. Wieder eine Ursache mehr, die Dich an mich hinreissen muss! – Die arme, bedaurungswürdige Nina ist ohne Dich verloren, ist hin, ist weg, ihre Vernunft hintersinnt sich! – Der Schöpfer wird Dir fluchen, wenn Du mich nicht bald auf den ruhigen Pfad der Religion zurükweisest, mein Blut würde über Dich um Rache schreien, Du musst mich heilen von einer Seelen-Krankheit, die Deine Liebe in mir aufwekte. – Ha! – Wenn Du mich tröstest, dann will ich Dir in der Todes-Stunde, beim Gericht Gottes Segenswünsche zurükschikken! – Für jezt Amen! – Ich fühle, dass es mich wieder drükt ........... Ich habe versucht im Grünen herum zu laufen, aber es will mich dort auch nicht dulden. Zehn Uhr vorbei, und Röschen ist noch mit keinem Briefe da? – Grosser Gott! – Was ist die Erwartung für Unglückliche eine namenlose Marter! – Erwartung ist für den Fühlenden mehr Folter, als dem Alltags-Bösewicht Schande und Henkers-Hand ist! – Es ist kein Geschenk um eine fühlende Seele, kein Geschenk um einen denkenden Kopf. – Lass ihn kommen, Deinen Bruder, und meine heisse Angst betrachten, er soll die Augen öffnen, und der Menschheit Gehör geben, er soll sehen wie es mich herumtreibt, er soll fühlen, wie es mich durch und durch messert, er soll barmherzig sein gegen Liebende, wenn er Mensch ist!!! – Röschen kam eben, und ich erhielt wieder alle Briefe auf einmal. – Also kömmst Du diese Woche schon wieder nicht? – – Tue was Du willst, ich halte es ohne Dich nicht mehr länger aus, ich komme in die Stadt, und gerate ich Deinem Bruder in die Hände, so sprechen wir uns! – Ich kann, ich will, ich mag diese tödtende Ungewissheit nicht mehr länger dulden! – wenn Du nicht selbst kömmst, so komme ich so gewiss als ich Dein Weib vor den Augen Gottes bin! – Nina. LXXVI. Brief Rosental, den 12ten November. Teuerster Gatte! – So hast Du mich endlich beredt, dass ich mich noch weiter von Dir entferne. – Ich soll also weg von Deinem liebevollen, lautklopfenden Busen? – Weg von allen Seligkeiten der unbegreiflichsten Wollust, die ich bei dieser kleinen Entfernung doch zuweilen an Deiner Seite genoss! – – O dass ich zurükkehren dürfte von meinem Entschluss! – O dass Deine Familie versöhnt und Schark entfernt wäre! – O dass ich wieder in Deine Arme stürzen dürfte, mein lieber Friz, wie gestern Abend! – Lieber, feuriger Flüchtling, wie hast Du mich erschrökt, als Du so unvermutet in mein Kämmerchen eindrangst. – Drei himmlische Stunden lag ich wieder in Deinen Armen, und dann ... und dann – Ha, Schiksal! warum entrissest Du mir ihn wieder? – – Verzeihe, besster Gatte, dass ich Dich beim Abschiede durch mein lautes Geschrei wieder so schröklich beugte. – Bei dem Allgewaltigen, bei Deiner reinsten GattenLiebe, vergieb dem schwachen Weibe, die in Dir eine Welt, eine Seligkeit vermisst. – Möchten Dich die Engel der Liebe ohne Schaden in Dein Zimmer zurükgebracht haben, möchtest Du dort das Bild Deines Dankes verweinen, für ihre bange Liebe! – Gott, erst in einigen Tagen erfahre ich Deine Zuhausekunft, und erst in zween Tagen kann ich von hier abreisen. – – Der Dir bekannte Post-Sekretär in H... bot mir alle Dienste an, er wird mir nach F... ein EmpfehlungsSchreiben mitgeben. Gewiss Friz, es giebt in der Welt auch noch absichtslose Menschenfreunde, Du weist, dass ich den Mann erst seit einigen Tagen kenne