highChunks/1788_Ehrmann_009_3132.txt -- topic 55 topicPct 0.427728623152
scheut sich izt, mich mit offenem Blikke anzusehen. – O Gewissen! wie beredt ist deine Stimme! – Sein Weibchen ist mir sehr gut, und ihn quält vermutlich die Furcht an sie verraten zu werden. – Er muss sein unbesonnenes Betragen izt besser überdacht haben. In dieser Rüksicht hätte ich also nicht Anlass über seine Verfolgungen zu klagen. Aber sonst will mir die ganze Einrichtung nicht gefallen. – Es ist gar zu ärgerlich, wenn so wenig gute Schauspielerinnen bei einer Gesellschaft sind! – Man wird zu sehr mit Arbeit überhäuft, und dadurch entgeht dann einer Schauspielerin die Gelegenheit, mit einer andern in die Wette zu spielen. –
Madame M.... spielt mit vieler Lebhaftigkeit Kammermädchen, listige Bauermädchen, lose Fräuleins, u. dgl. Ihr Wuchs schikt sich ganz vortreflich dazu. – Sie würde in diesen Rollen mehr als mittelmässige Schauspielerin werden, wenn ihr Ton, ihr Wesen, ihr Gang nicht zu sehr ins Niedrig-Komische fielen. – Sie lässt die ausgelassne Dirne zu auffallend hervorblikken, und trift so selten zwischen zügelloser Wildheit und naivem Mutwillen die Mittelstrasse. –
Madame K.... spielt ihre unschuldig leidenden Mädchen auch nicht ganz übel. – Aber gar zu oft nur kalt und flüchtig. – Sie arbeitet mehr aus Handwerk, als aus Lust, – und karakterisirt unter fünf Rollen kaum eine. Ihre Empfindung stünde ihr ziemlich zu Gebote, aber leider, wie so viele Schauspielerinnen, besizt sie einen zu leeren Kopf, um diese Empfindungen während des Spiels zu benüzzen. – Die Rollen, die ihr geraten, – geraten ihr mehr aus Zufall und Teater-Festigkeit.
Madame L... g ist die elendeste Schauspielerin unter der Sonne! – Ich begreife nicht, wie die Frau die Frechheit haben konnte, auf mehreren grossen Teatern zu debutiren. Doch Ungeschiklichkeit ist immer am kühnsten, weil sie die Schwierigkeit der Kunst nicht einsieht. – Zu Liebhaberinnen wäre ihre Figur ganz artig, aber ausser dieser ist sie auf der Bühne ein bloser Kloz. Ihr schwäbischer Dialekt, ihre falschen Töne, ihre unsinnigen, kauderwelschen, verdrehten Worte, die ihr der Menge nach entfahren, machen sie unausstehlich. – –
Madame J.... hingegen spielt Mütter und Heldinnen mit vieler Würde und Feuer. – Es entgeht ihr selten eine Stelle, worinn sie nicht Wert zu legen weis. – Ihr Nachdruk hat Gewicht und ist gut angebracht. – Kurz sie besizt Beurteilungskraft, Kenntnisse und vielen Fleiss. – In mancher Stelle dient sie mir zum Muster. –
Die Uebrigen von der Gesellschaft sind zu unbedeutend, um ihrer zu erwähnen. – Es werden hier viele gute Stükke aufgeführt, nur Herr M.... dürfte uns mit seinen eigenen Wischen verschonen, die er bloss aus Eitelkeit zusammenschmiert. – Mit den moralischen Karaktern unserer Schauspielerinnen sollst Du im nächsten Briefe etwas näher bekannt werden. – Für heute tausend Küsse von
Deiner Freundin Amalie.
CXXXIII. Brief
An Amalie
Teure, gute Seele! –
Wie war es Dir möglich, mich auch nur einen Augenblik zu verkennen? – Wenn ich Dir die Beschwerlichkeiten des Teater-Lebens schilderte, so geschah es bloss um Dich aufmerksamer zu machen, aber nicht um Dich zu zanken, da Du es bis izt noch nicht verlassen konntest. – Ich sehe recht gut ein, dass es Dir annoch unmöglich ist, weil Dich das Schiksal daran kettet. – Meine Bitte zielte nur dahin, um Dich aufzumuntern, Dich um eine andere Aussicht tätiger zu bemühen. – Ich bin versichert, dass deine Leidenschaft nicht unheilbar ist, im Falle Dir das Verhängnis eine annehmungswürdige gönnet. Bis dahin tadle ich deinen Hang nicht – er ist Dir in deiner jezzigen Lage sehr nötig. – Wenn Dich aber der Beifall des Publikums betören könnte, wie sehr wärest Du zu beklagen, weil eben dieser Beifall oft so schief, so ungerecht, und so vielem Wechsel unterworfen ist. – Jedes Publikum hat seine Laune, und nur zu oft wird es durch Unwissenheit und Kabale gestimmt. –
In Teutschland haben wir nur wenig aufgeklärte Publikums, die im Stande sind Schauspielerkunst und Schauspieler selbst zu schäzzen. Der besste Schauspieler ist doch immer der Sklave des Publikums, von dessen Willkühr er immer abhängt, er mag eine Bühne betretten, welche er will. – Oft ist ein halb Duzzend herumschwärmender, prahlender Dummköpfe fähig das Vorurteil wider ihn anzuhezzen; – und ein Künstler wird an einigen Orten eben so leicht ausgepfiffen, als dem grössten Esel geklatscht wird. –
O meine Freundin, möchten sich doch deine heftigen Affekten bald wieder in den sanften Busen eines Gatten ergiessen können! – Möchtest Du da wieder deine innerlich tobenden Leidenschaften himmlisch verschwärmen können! – Nein, ich höre nicht auf diesen feurigen Wunsch zum Himmel zu senden, bis der Allmächtige ihn erhört und erfüllt. – Ich weis recht gut, dass die Nahrung deiner Gefühle, die Du in schwermütigen Rollen geniessest, deiner Gesundheit schädlich ist. – Sie unterhält deinen Hang zur Melankolie, sie ergözt deine Einbildungskraft, aber sie schwächt deine Seelenstärke. – Untersuche Dich selbst, und Du wirst finden, dass ich wahr rede. – Allzu traurige Menschen sind für Alles, was ausser ihrer Lieblings-Leidenschaft ist, untätig. – So viel zu deiner Anleitung über diesen Punkt! –
Jene Art von Damen, wie die eine war, mit welcher Du nach F... reistest, ist mir nicht fremde. – Ich kenne mehrere dergleichen Närrinnen,