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. Wie manche gute weibliche Seele überlässt ihr ganzes Dasein einem heuchlerischen Schurken, der schlechtes Herz genug hat, sie nach dem Genuss zu verlassen. Aber alle Flüche der Erde sind eine zu leichte Strafe, für so einen Lügner, der die Kühnheit hat, die ganze Ruhe eines armen Geschöpfs zu zernichten! – Galere und Gefängnisse sollten für dergleichen Ungeheuer eben so wohl offen stehen, als für andere Missetäter, die vielleicht nie mit Vorsaz ein gutes Herz zerfleischten! – Wenn der vertrauliche Umgang eines ehrlichen Frauenzimmers so schändlich misbraucht wird, so hat die Arme das Recht einer Natur zu fluchen, die ihr Triebe gab, um sie aus Gefühl und Guterzigkeit zur ewigen Schande von einem Ehrenräuber misbrauchen zu lassen. – So bald der Ruf eines Frauenzimmers untadelhaft ist, so begeht ein Jüngling das grösste Verbrechen, wenn er sie nach dem Genuss verlässt! – Dieses enge, entzükkende Band der seligsten Wonne, kann von einem denkenden Jüngling nie ohne Meineid gebrochen werden. So wie es ihm bei der feilen Befriedigung keine Pflichten, nur Abscheu auflegt; eben so unzerreisslich muss es ihn in den Armen eines ehrlichen gefühlvollen Frauenzimmers binden, die voll Zutrauen ihre Ehre, ihre Ruhe, ihre ganze Seligkeit einem Geliebten überlies. – O der unmenschlichen Grausamkeit! nach so einem warmen Zutrauen, nach so vielen Entzükkungen diejenige zu verlassen, welche die Schöpferin eines Vergnügens war, das man ewig nie in den Armen einer feilen Dirne findet. – Möchten nun Jünglinge und Mädchen über meine Beobachtung nachdenken, Sie würden hineilen in die Arme der Liebe – und Schwelgerei, Eitelkeit und Bedürfnis nur den Lasterhaften überlassen. – Nächstens ein Mehreres von deiner Dich liebenden
Fanny.
XCI. Brief
An Fanny
Liebes Fannchen! –
Ich habe Dir heute einen komischen Auftritt zu beschreiben, der Dich gewis unterhalten muss! – Was tut doch das Vorurteil nicht; besonders unter einer gewissen Art Menschen, die ohnehin einen teuflischen Eigensinn besizzen! – Vor einigen Wochen fühlte ich grosse Anlage zu meiner gewöhnlichen Schwermut. Ich fiel darüber auf den Gedanken, mir mit unsern Kostgängerinnen einen nüzlichen Zeitvertreib zu verschaffen, um durch Zerstreuung dieser Krankheit vorzubeugen. – Du kennst nun meinen grossen Hang zu Schauspielen. – Schon lange hätte ich darinnen gerne meine Anlage geprüft, aber bis izt hatte es sich noch nie schikken wollen. Zwo von unsern aufgeklärten jungen Damen, wovon die Oberin eine ist, billigten mein Vorhaben, und halfen mir in den Anstalten zur Aufführung eines Trauerspiels, – worinnen ich nebst einigen wenigen von diesen Kostgängerinnen zu spielen bestimmt waren. Ich unternahm da eine Sache, die mit nicht wenigen Schwierigkeiten verbunden war; denn ich musste mich dazu entschliessen, Mädchen für Mädchen abzurichten. Die wohlgebautesten wählte ich zu männlichen Rollen, und die übrigen zu Nebenrollen. Das war für mich eine schwere Unternehmung, denn keine von den Mädchen hatte im mindesten Kenntnis vom Schauspiel. Einige darunter haben ihre ganze Lebenszeit kein Schauspielhaus betretten. Natürliche Anlage, den Dichter bei Lesung zu verstehen, und ihn wieder richtig auf die Welt zu schaffen, war bei keinem von diesen Mädchen zu finden. – Demungeachtet nahm ich mir vor, durch fleissigen Unterricht die Mädchen wenigstens mechanisch nur zu einer einzigen Rolle tauglich zu machen. Ich teilte unter ihnen die Rollen so gut als möglich nach ihren Temperamenten aus; und befahl, dass sie dieselben bloss leise in Gedanken recht fest memoriren sollten. – Eine solche Arbeit war den jungen Mädchen sehr willkommen, und sie befolgten auch willig meine Vorschrift. – Nun nahm ich eine um die andere auf mein Zimmer, und lies sie ihre Rolle ohne die mindeste Deklamation bloss eintönig herunterbeten. Meine Absicht war, zu entdekken, ob sie gut memorirt hätten, um dass sie nach der Hand bei Erlernung der Deklamation nicht irre würden. – Die Mädchen waren izt bald in ihren Rollen fest, aber plapperten sie auch erbärmlich eintönig herab. – Nach diesem ersten Schritt in der Kunst, unterstrich ich in ihren Rollen diejenigen Worte, wo der Nachdruk hingehörte. Dann mussten sie mir diese Unterscheidungswörter des Sinns, aufs Neue memoriren. Endlich schritt ich mit ihnen zur lauten Deklamation, und lies sie fast alle Stellen so lange wiederholen, bis sie den ächten Konversazionston in etwas trafen. – Das war für mich nun freilich eine unbeschreibliche Mühe, und doch glückte es mir, diese Mädchen in Zeit von einem Monat, ohne eigene Kenntnis, bloss papageimässig zu einer erträglichen Vollkommenheit zu bringen. – Ihren Gang, Bewegung und Mienenspiel, reinigte ich so viel möglich von lächerlicher Stellung, von Grimassen und falschen Gesten. Genug, die Kinder machten mir die äusserste Freude. – Ich lies sie öfters in ihren bestimmten Mannskleidern probieren, um durch die Uebung eine Gewohnheit zur Natur zu machen. Das vielfältige Wiederholen brachte sogar in diesen Mädchen Empfindung hervor, und schon fiengen sie an ihre Worte mit besserm Gefühl herzusagen. – Ihr Herz nahm an der Handlung einigen Teil, so wenig auch ihr Kopf davon verstund. Jede Stelle des Stüks erklärte ich ihnen so richtig, als es sein konnte, und hielt mit den Mädchen Vergleichungen aus dem menschlichen Leben, um ihnen den Sinn des Autors begreifen zu machen. Die wizzigsten davon fanden eine tausendfache Unterhaltung in dieser Beschäftigung, und die dümmern brachten mir, aller Mühe ungeachtet, eine Menge oratorischer Mistöne hervor, und ich hatte ausserordentlich viel Arbeit, um wenigstens die wichtigsten Stellen vor falschem Sinn und Monotonie zu schüzzen. – Mein mühsames Werk war nun beinahe vollendet – und Niemand, ausser den zwo Damen