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Menschen das entzükkende, stille Gefühl einer schleichenden Melankolie recht zu empfinden wüssten, sie würden es gerne mit den wilden, rauschenden Vergnügungen vertauschen, die nur den gröbern Teil des Menschen sättigen. O Fanny! – Ich will mich laben an meiner Lieblingslaune in den stillen Mauern der Einsiedelei! Kein Zwang wird mich dann wie ehmals nach den Freuden der Welt lüstern machen. Ich werde freiwillig einer Unterhaltung entsagen, deren Genuss in meiner Willkühr stünde. Du wirst Dich wundern, Fanny, ich darf Besuche annehmen, und auch wieder geben, nur alles unter gewissen Einschränkungen. Auch will ich in meinen Büchern schon Unterhaltung genug finden, die mich sättigen wird an Leib und Seele; und denn wird es ja doch im Kloster etwa eine gute Seele geben, an die ich mich werde ketten können, sonst würde ich die Leere wohl nicht aushalten, das für empfindsame Herzen eine völlige Unmöglichkeit ist. – Ich will dann auch, meine Fanny, Dir zu Gefallen einer Gesundheit so viel möglich pflegen, von welcher deine Ruhe so sehr abhängt. Das Andenken meiner vorigen Tage soll mir dann die Ruhe der gegenwärtigen schmekken lassen – und sollten sich dann auch meine übrigen lebhaften Leidenschaften melden, die so stark in meinem Körperbau liegen, dann sei Du, meine Freundin, der Schuzengel, der mich leitet. Du hast einen so aufgeklärten Verstand, dass ich Dir nicht einmal meine Fehler verschweigen würde, weil ich deine sanfte Leitung kenne. – Aber nun, meine Teuerste, Reiseanstalten machen den heutigen Brief etwas kürzer! Doch nichts in der Welt soll im Stande sein, ein Herz mit Kälte zu erfüllen, das ewig, ewig nur an Dir hangen wird.
LXXXV. Brief
An Amalie
Millionen Glückwünsche zu deiner Erlösung, gutes, sanftes Weibchen! – Die Nachricht davon erfüllte mich mit unbeschreiblichem Entzükken! – Meine Freude über deine Rettung brachte mich in einen Taumel von Seligkeit, dem ich mich nachher freiwillig überlies, um mich von der Wirklichkeit derselben ganz zu durchdringen. – O du gute, vortrefliche Seele, vergossest noch Tränen bei dem Abschiede eines Undankbaren, der Dich vielleicht für die ganze Zeit deines Lebens unglücklich gemacht hätte! – Aber, meine geliebte Amalie, deine guterzige Schwachheit ist demungeachtet weit von jener sinnlosen Schwäche verschieden, die man bei unserm Geschlechte leider so oft findet! – Ein Weib, das nicht denkt; – und wie viele denken denn? – Ein Weib ohne moralisches System, ist ein Wesen ohne Grundfeste, das der blose Hauch des Lasters zu jeder Ausschweifung hinreissen kann. Wenn der Kopf eines Weibes ihrer Reizbarkeit nicht Grundsäzze entgegensezt, dann ist sie verloren für Ehre und Tugend. – Mangel an Denken macht sie bei ihrer ohnehin schwachen Anlage wankelmütig, leichtsinnig, eitel, und bereitet ihr am Ende manchmal unwillkührlich das Grab ihrer Tugend. Bei den meisten Weibern wird Liebe und Freundschaft verwahrloset oder gar verraten, wenn ihre angeborne Schwachheit durch Gewohnheit zum Laster ausartet. Ihr Herz führt sie ohne Beistand des Kopfs bei den geringsten Versuchungen irre. Das weibliche Herz ist von der Natur zu weich geschaffen, und ist durch seine Schwäche, wenn es nicht durch Vernunft zum Nachdenken geleitet wird, allzu empfänglich fürs Böse. – Die Ausschweifung der Weiber hat von jeher an Grösse und Mannigfaltigkeit die Tollheiten der Männer übertroffen. Man wird immer weit mehr sträfliche Weiber als sträfliche Männer finden; denn der Kopf taugt bei den wenigsten Weibern etwas, und dann sinken sie gedankenlos hin in alle Fehler der Menschheit, die sich ihrer Schwachheit darbieten: Bosheit, Dummheit und Eitelkeit sind ihre mächtigsten Triebfedern zu allen übrigen Ausschweifungen. Die meisten Weiber sind zu wankelmütig, um in der Liebe und Freundschaft jene Standhaftigkeit zu behaupten, die das Glück derselben ausmacht. Aus Romanensucht verliebt sich wohl hie und dort ein Mädchen; aber kaum hat sie die Hindernisse der Liebe überstiegen, so gelüstet es ihrem lekkern Gaumen schon wieder nach etwas anderem. – Das Wort Weib ist ein ewiges Geheimnis, dessen Karakteristik nie kann entwikkelt werden. Ich habe manches Weib durch Liebe sehr glücklich gesehen, die in den Armen ihres Gatten alle nur mögliche Glückseligkeit zu geniessen schien, und doch war oft der elendeste Stuzzer im Stande, die geheiligten Bande eines Biedermannes zu beflekken. Die abscheuliche Eitelkeit macht so viele Weiber zu tändelnden Kindern, denen man so leicht Flittergold, statt dem ächten, in die Hände drükken kann. Das nichtdenkende Weib bleibt bloss am Sinnlichen hangen und ist samt seinem weichen Herzen nur zu oft das Opfer eines schöngewachsenen Schandbubens. Schmeichelei und Eigennuz macht den grössten Haufen von Weibern zu elenden Werkzeugen der Wollust, dessen sich jeder Bösewicht bedienen kann, wenn er Kunst dazu besizt. – Siehst Du, Amalie, so ist unser Geschlecht beschaffen. Ein Geschlecht, dem die meisten männlichen Schriftsteller so vielen Weihrauch streuen, so dass es sich nicht einmal bessern kann, wenn es auch schon wollte. – Fehler aus Höflichkeit nicht aufdekken wollen, war nie meine Sache, und das Bestreben die Mängel meines eigenen Geschlechts zu verbergen, würde mich zu jener elenden Eigenliebe herabwürdigen, die so leicht an kriechendes Wesen gränzt. – Wenn ich mir denn auch das Nasenrümpfen meiner eitlern Mitschwestern dadurch zuziehe, so ertrage ich es weit leichter als die Beschuldigung einer heuchlerischen Schilderung, die mir von Kennern zur Last gelegt werden könnte, die mit Aufmerksamkeit unser Geschlecht studiert haben. Giebt es nun unter unserm Geschlechte zuweilen auch Ausnahmen, so mögen mir diese Wenigen durch ihr ruhiges Gewissen beweisen, dass sie über eine Wahrheit nicht böse sein können