highChunks/1788_Ehrmann_009_3073.txt -- topic 55 topicPct 0.498687654734

Brief An Amalie Du bist also wieder bei deinem Manne, und mein Brief, worinn ich Dich so innig bat, von ihm weg zu bleiben, tat auf Dich keine Wirkung? – Liebes, liebes Malchen, diese Tugend ist übertrieben, aber sie macht demungeachtet deiner Denkungsart Ehre. Gott gebe, dass es lange bei ihm gut tun möge! Wenn ich aber aufrichtig reden soll, so zweifle ich sehr daran. – Ihr beide habt nun einmal eure Herzen gegen einander verstimmt, und schwerlich werden sie sich wieder finden. Ist es möglich, dein Mann vernachlässigt sein Hauswesen und lässt Dich darben? – Wahrhaftig Stoff genug zur vollkommenen Abneigung! – Ein Herz dessen Güte durch die Not muss auf die Probe gestellt werden, hält selten die Probe aus. Ich zweifle nun nicht an der Güte deines Herzens, aber Mangel macht doch den willkührlichen Urheber desselben verabscheuen. – Wenn es in einer Haushaltung zu fehlen anfängt, o dann kommen tausend unerwartete Verdrüsslichkeiten dazu, die dem bessten Menschen seine Geduld benehmen. Schulden, Troz von Seiten der Dienstboten, Kummer für Nahrung beugen ein empfindliches Herz zu sehr, als dass es nicht oft in üble Laune ausarten sollte. Man fühlt sein Unglück weit lebhafter, wenn man die Ursache davon vor Augen sieht; die Galle wirkt heftiger, sobald ihr der Stoff dazu alle Augenblikke aufstösst. – Gute Herzen sind zwar nicht unversöhnlich, aber wenn gute Herzen zu stark beleidigt werden, dann werden sie gleichgültig. – Dass Dir in deiner harten Lage niederträchtige Mannspersonen Unterstüzzung anboten, darüber wundere ich mich keineswegs. Es giebt ja eine Menge solcher Elenden, die ein kummervolles, zerrissenes Herz bloss um ihrer teuflischen Wollust willen unterstüzzen. Wie kann man doch an einem Körper Freude haben, wenn die Seele darinn blutet? – Wie kann der reiche Schwelger um sein Geld bei armen, aber fein denkenden Frauenzimmern Gunstbezeugungen geniessen, wenn jeder Angrif von ihm ein Schlangenbiss für so eine Unglückliche ist? – O Menschen, wie lange wird es noch dauern, bis ihr denken lernt, und dadurch euer Gefühl verfeinert? – Doch, um jezt auf was anderes zu kommen: ja wohl ist es traurig, meine Freundin, dass oft so disharmonirende Karakter in der Ehe ewig an einander gefesselt bleiben müssen! – Wir haben doch nur eine Glückseligkeit im menschlichen Leben, die in der Zufriedenheit eines mit uns gleichdenkenden Geschöpfs besteht, und wenn wir nun gerade das Unglück haben, an etwas Unrechtes zu geraten, so ruht der Fluch einer zeitlichen Verdammniss schwer auf unserm Herzen. Sie schleichen dahin, die schröklichen Tage des Hasses, in Gesellschaft einer Person, mit der man nichts gemein hat, als den Zwang sich einander zur Last sein zu müssen. So lange die Eltern nicht in der Wahl für ihre Kinder vorsichtiger werden, so lange die Mädchen und Jungens nicht denken und absichtlos, bloss aus Güte des Herzens und mit Ueberlegung lieben lernen, eben so lange werden die vielen unzufriedenen Ehen nicht aufhören, und die Menschheit wird durch dieses göttliche Band mehr unglücklich als glücklich sein. Galanterie schleicht sich an die Stelle der Liebe, Eigennuz an die Stelle der Güte, Verstellung an die Stelle der Redlichkeit, Widerspruch an die Stelle der Nachsicht, Falschheit an die Stelle des Nachdenkens; und so leben diese Mietlinge des Lasters mit entferntem Herzen, bloss zum Schein, in einer entlehnten und nie empfundenen Glückseligkeit ihre Tage fort, ohne Vergnügen, ohne Zutrauen, ohne wechselseitigen Anteil, kalt gegen einander bis ins Grab. Die adeliche Dame schämt sich des Worts Mann, sie nennt ihren Gatten den Herrn von .... Sie mag der Redlichkeit keine Lüge aufbürden, wenn sie ihren Gatten nach deutscher biederer Art ihren Mann nennen würde. – Der vertrauliche Ton der gefühlvollen Guterzigkeit ist aus den adelichen Ehen verbannt. Komplimenten, steife Zurükhaltung, süsse Betrügereien, affektirte Zierereien, ist der Gang ihrer beiderseitigen Lebensart. – Der Mann schläft in der vordern Ekke des Hauses voll Projekten für das Wohl seiner Konkubinen; die Frau in der hintern Ekke voll Beschäftigung für die Erhaltung ihrer Sklaven. Keines kümmert sich um das Andere. Die Kinder, wenn je der erste Taumel der Triebe noch welche erzeugt hat, werden wie Fremdlinge, weit von Vater und Mutter erzogen, lernen, wenn sie wieder zu ihnen kommen dürfen, Stolz und Fühllosigkeit vom Vater, Torheit und Eitelkeit von der Mutter. – Das sind die sogenannten adelichen Verbindungen, wo bei der Wahl weder gesunde Vernunft noch Neigung, sondern bloss Eigennuz und Konvenienz herrscht. Doch nun wieder auf deine Ehe zurück: Du bist wirklich geschaffen das Glück eines guten Mannes zu machen. Musstest Du denn gerade auf so einen Wildfang stossen, der dein Herz verstimmt und deinen Kopf widerspenstig macht? – O Schade! – Schade, Amalie, für Dich! – Das will ich Dir wohl glauben, dass seine rohe Behandlung deine Neigung verkleinert. Wenn sich der Stoff zur Hochachtung für einen Mann durch sein Betragen verliert, was bleibt denn dem guten Weib übrig, als Mitleid und Abneigung? – Wir Weiber sind in diesem Stük zu tieffühlend, um den Mann schwärmerisch fortzulieben, der sich selbsten unserer Hochachtung unwürdig machte. Wir bleiben einem solchen Manne wohl so treu, als möglich, aus Pflicht; aber Pflicht ist doch noch lange nicht das entzükkende Opfer der Liebe! – Ein Opfer, das sonst ein schwärmerisch liebendes Weib so frei, so feurig ihrem Gatten bringt! Wenn es den Männern gerät ein Weiberherz zur wirklichen Liebe zu reizen