highChunks/1788_Ehrmann_009_3070.txt -- topic 55 topicPct 0.457055211067

so vielen Stunden aus meinem Auge! – Ich verhelte ihm die Gefahr meiner Frucht und meines Lebens; fragte ihn sanft um sein Befinden und um die Ursache seiner Krankheit? – Er gestand mir, dass er diese Nacht beinahe das ganze Vermögen verspielt hätte, dass Verzweiflung sich seiner bemächtigt hätte, die ihn am Leben ekkelnmachte, dass er mich in dem Augenblik gehasst hätte, weil ihm mein Anblik eine tödtende Erinnerung seiner Ausschweifungen gewesen sei! – Er gestund es selbst, dass ihn ewig und ewig nichts von der Spielsucht retten könnte! – Er schien mich zu bedauern, und ging doch wieder aufs Kaffeehaus, seiner Neigung entgegen. Während dieser Zeit verliessen mich meine Kräften, ich verlor mein Kind, und niemand zweifelte an meinem nahen Tode. – Man hinterbrachte ihm diese Nachricht, er schien darüber zu stuzzen, aber kam demungeachtet mehrere Tage nicht nach Hause. Die Sorgfalt der Aufwärterin und meine Jugend beförderten bald wieder meine Gesundheit. Man riet mir, meinen Mann zu verlassen, um mein Leben zu schonen, das bei ihm in augenbliklicher Gefahr stünde. Ich hielt diesen Rat anfangs für abscheulich, bis ich endlich überlegte, dass die Pflichten gegen sich selbst immer die ersten sind, und verliess ihn heimlich, zwar ohne Plane, bloss mit der kleinen Hofnung auf die Hülfe meines Oheims; und so harre ich schon seit mehreren Wochen auf das Gutdünken desselben. Wie's weiter mit mir gehen wird, weis ich nicht, aber so viel weis ich, dass ich die Elendeste unter den Sterblichen bin! – Amalie. LXIX. Brief An Amalie Arme, bedaurungswürdige Freundin! So ist denn immer und ewig wahr, dass Du die Unglücklichste unter den weiblichen Geschöpfen bist! – Grässlich ist deine Lage, grausam das Betragen deines Mannes, tirannisch dein Schiksal; ich möchte weinen, bis mir das Herz bräche, ich möchte trauern, bis zum Tage deiner Auflösung, wenn ich der Stimme ganz Gehör geben wollte, die mir laut zuruft: Herr Jesus! – Wie wird mit deiner Amalie gehandelt! – Man martert Dich bis auf den Tod! – Man raubt Dir Gesundheit und Seelenruhe! – So jung, und so unendlich unglücklich! – So jung, und so erbärmlich mishandelt! – Mein Gott! – Mein Gott! – Wenn ich nur bei Dir sein könnte! – Wenn ich sie nur auffangen könnte, die Streiche deines schröklichen Schiksals! – Wenn ich nun vollends deine Lebhaftigkeit bedenke; wenn ich denke, dass ein beleidigtes gutes Herz zu Allem fähig ist; wenn ich denke, dass Dich einst Verzweiflung zu Allem verleiten könnte; o dann schwindelt mir vor der Zukunft! – Aber wie? – Auch dein guter Oheim ist für Dich nicht mehr das, was er war? – Nein, das ist unmöglich, Malchen! – Die Heuchelei deines Mannes hat bloss die Oberfläche berührt, sie ist nicht in sein Herz gedrungen. Ich kenne sein Menschengefühl, ich kenne seine Liebe für Dich. Vaterliebe, Gewissen, Vernunft, Mitleiden, werden bald wieder an die Stelle dieser Kälte tretten; Du wirst siegen über ihn, dein Mann mag ihm geschrieben haben, was er will! – Hat dieser Oheim Dich nicht erzogen? – kennt er nicht die innersten Falten deines Herzens? – Liebt er Dich nicht innig und warm? – Getrost, Liebe! bald wird dein Oheim Dich selbst trösten. – Herr Gott im Himmel! – Wie der Gedanke an deinen Mann wieder von neuem in meinem Kopf stürmt! – Und dieses Ungeheuer hatte den Mut, Dich arme Dulderin bei den Haaren herumzuschleppen? – Und Du Engel der Sanftmut, liessest Dich ohne Murren, ohne den geringsten Laut von Dir zu geben, so teuflisch behandeln! – O diese Standhaftigkeit ist unbegreiflich, ist die grösste Seelenstärke, die je in einem Weibe wohnte! – Auftretten mag sie, das Weib in der Schöpfung, wenn es noch eine giebt, und mit Dir um Preis einer solchen Tugend ringen! – Malchen! – Malchen! – Du musst schon Ueberdruss an deinem Leben fühlen, sonst könntest Du nicht mit der Gelassenheit die Gefahr Deiner Gesundheit ertragen. – Herrliche, brave Seele von einem Weib! – Schone Dich um Gottes Willen, kehre zurück zu den Freuden der Natur! – Höre auf, Dich selbst zu tödten! Welches Gesez wird es billigen? – Höre auf, dein Leben zu Grunde zu richten! – Natur, Gott und Menschen sind nicht so grausam, dass sie eine Unschuldige mit den Ausschweifungen eines Lasterhaften geisseln wollen! – Dein Mann ist verloren, keine Besserung ist mehr zu hoffen! – Sein Gefühl ist weg für Dich, für ihn selbst! – Wer könnte Dir raten an der Seite eines Barbaren zu schlafen, der alle Augenblikke bereit ist, dein Mörder zu werden! – Wer wäre unempfindsam genug, ein holdes weibliches Geschöpf länger unter der Tirannei eines Verrükten zu lassen? – So ein armes schwaches Weibchen sollte, bei dem geringsten Geräusche, bei dem mindesten Knarren der Wand, zittern, beben, und Todesangst fühlen? – sollte sich guterzig unter den Klauen eines Unsinnigen würgen lassen? – Und warum? – Weil ihre Guteit an einen Unglückseligen geriet, der sie nicht zu schäzzen weis! – An einen Mann, der seine Uebermacht bloss darum fühlt, weil seine Frau nicht pöbelhaft genug ist, bei dem Richter Hülfe zu suchen. – Bei Gott! – Das wäre wider die Menschheit! – Da sinkt sie hin