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feurig verliebte Mädchen die hohen, festen Mauern der Unempfindlichkeit, schwelgt, von dem Verbote gereizt, in den Armen ihres Lieblings. Liebe kann auch die bessten Herzen zu Grunde richten, wenn ihr Züchtigung oder hässlicher Kontrast entgegengesezt wird. Das unverdorbene Mädchen kämpft willig mit ihrer Leidenschaft, aber eine teilnehmende, vernünftige Vertraute muss ihr Aufmunterung und Hülfe darbieten. – Heftig brennt das Feuer der ersten Liebe, und gewaltsame Mittel fachen es nur noch mehr an. Vernunft! – möchte ich laut diesen Schulvorsteherinnen zurufen! – – Nun zu deinem zweiten Briefe: – Das Schiksal deiner Schwester liegt auf einer gefährlichen Wagschale; sie steht am Scheideweg, die Arme, ihres ewigen Unglücks! – Man will ihr barbarisch eine Freiheit rauben, deren Wert in dem Buche des gerechten Richters musste verrechnet werden! Der Vormund und die Nonnen sind leichtfertige Menschen, dass sie sich an den Willen eines Mädchens wagen, dem selbst der Schöpfer Freiheit gab. – Es ist unverantwortlich, den freigebornen Menschen auf Zeit Lebens mit Leib und Seele dem Eigennuz zu verhandeln! Die Nonnen geben zwar diesem Freiheitstausche einen ganz andern Namen, sie nennen es Beruf, wenn ein junges unwissendes Mädchen aus Furcht, aus Mangel an Selbstkenntniss, gereizt von falschen Lokspeisen ein zaghaftes Ja daherstottert. Der freie Willen eines Mädchen wird vom öftern Zureden übertäubt; ihre Vernunft ist noch zu schwach, um den Folgen nachzudenken; sie sieht nur das Gegenwärtige, und will Denen, die über ihr sind, nicht gerne widersprechen; sie kann aus Mangel an Erfahrung nicht urteilen, und hält das selbst für Beruf, was ihr Leben vergiften wird! – Das was die Nonnen Noviziat nennen, ist keine wahre Prüfung, sondern eine blosse Spiegelfechterei ihrer eigennüzzigen Absichten. Das schüchterne, an tausend Bussen gewöhnte Mädchen kann ihre Geduld in diesen Prüfungstagen nicht viel mehr auf die Probe sezzen, als in der Kostgängerschule, wo sie eben so oft beten, fasten und auf dem Boden sizzen musste. Bloss zu Rettung ihres guten Namens brauchen die Nonnen bei der Aufnahme einer Schwester diese Zeremonie, damit die Welt glauben solle, dass jedes Mädchen seinen eignen Willen dazu gäbe. Nun kann doch ein Mädchen vor fünf und zwanzig Jahren zu einem solchen Schwure keinen freien Willen haben, besonders, wenn sie die Welt gar nicht kennt, und mehr Böses als Gutes von ihr weis. – Ich bleibe bei meinem Saz. Jede Einkleidung eines jungen unerfahrnen Mädchens ist ein mörderischer Raub an dem Menschengeschlecht. – Raffe Dich auf, Freundin! und schleppe sie weg vom Altar, deine arme Schwester, wenn es je so weit mit ihr kommen sollte! – Dein Oheim ist abwesend, Du bist diesem Kinde Elternpflicht schuldig. Doch beschwöre ich Dich, handle mit Vorsicht, und begehe keine Uebereilung. – Ich kenne deinen hizzigen Kopf, und zittere für Dich! – Schreibe Dir diese Worte tief ins Herz, meine teure, unglückliche Amalie! – Jezt auch noch ein Wörtchen von deinen Herzensangelegenheiten: Du liebst also deinen bestimmten Bräutigam? – Doch nicht mit der lebhaften Leidenschaft glaub ich, wie er Dich liebt. – Eben dieser Unterschied, meine Liebe, verspricht mir von deiner Seite mehr Standhaftigkeit, als von der seinigen. – Man will behaupten, was in der Liebe zu überspannt seie, müsse brechen. – Doch in der Liebe ist nicht leicht zu raten, ich muss Dich für diesmal schon deiner eigenen Führung überlassen, weil ich den Mann nicht kenne, der sich mit Dir verbinden will. Nur scheint er mir – vergieb mir meine Aufrichtigkeit – durch seinen zügellosen Wunsch, Dich so bald zu besizzen, etwas verdächtig. Ist es Furcht Dich zu verlieren? – Du bist ja im Kloster gut verwahrt! – Ist es reine gränzenlose Liebe! – Nun, sie wird ihm ja erwiedert! – Aber, meine Liebe, wenn es bloss Begierde nach Genuss wäre? – Wenn es ein stürmisches Sehnen nach Sättigung seiner Wollust wäre? – Ich würde unsinnig, wenn Du Dich täuschtest! – Sei vorsichtig! – Das ruft Dir zu deine liebe Fanny. LX. Brief An Fanny Meine Besste! Es seie nun in der Welt wie es wolle, wir Menschen hängen unstreitig von gewissen Augenblikken ab: Gestern trat er zu mir ins Zimmer, der liebe Junge! – Du musst aber auch wissen, dass ich ausser der Klausur wohne, und folglich unter der Aufsicht meiner Aufseherin den Besuch meines Bräutigams annehmen darf. Also gestern sah ich ihn in seinem völligen Glanze. Er war gepuzt wie ein Engel, und die Uniform steht ihm göttlich! – Wie sie da stund vor mir die symmetrisch gepuzte Puppe, meinem Auge so reizend, und meiner Eitelkeit so lokkend. Der stille Gram der Liebe hat sein Gesicht gebleicht: und dieses schmachtende Aussehen stimmt ganz mit seinen langen blonden Haaren überein. – Meine Sinnen hiengen heute zum erstenmal an der äussern Seite eines Jünglings, und irrten verschwiegen und wollüstig auf seinen Reizen umher. Man mag mir sagen was man will, ein artiger Junge in der Uniform ist für das Auge eines Mädchens gefährlich, besonders wenn kein zügelloser Wildfang darinnen stekt, der zu wenig der Delikatesse der Mädchen schont. – Es ist nichts reizender, als ein milder, denkender, empfindsamer, gutgezogener, bescheidener junger Offizier. – Ueberrascht von einem so seltenen Funde, muss jedes freie Mädchenherz schmelzen, wenn es anders die rohe Wildheit, die ungezogene Brutalität, die Verläumdungssucht der meisten übrigen Offiziers kennt. – Ich fodere nicht, dass ein