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tollem Eigensinn ihrer Eltern den Schleier ergreifen. Sie kann weder dem Gefühle der Liebe, noch der Frömmigkeit opfern; ihr Wille ist zwar der Sklave ihrer Handlungen, aber ihr Herz, ihr Kopf murrt bis zum Grausen über die vorgesezten Regeln, womit man die Natur tirannisirt. – Die Frömmigkeit, die man in Gesezze einkleidet, ist immer das Werk der träumenden Bigotten, und nicht des freiwilligen Herzens. – Wenn das arme menschliche Herz nicht von selbst aus Ueberzeugung nach Moral greift, so ist das übrige ein erpresstes Opfer aus Gewohnheit, aus Menschenfurcht. – Andacht und Laster haben ihre Extremen, beide werden zur kalten Gewohnheit, und manchmal ist das leztere nicht weit vom erstern, wenigstens in Gedanken. Mich deucht, man kann in der Welt eben so gut das Gute üben und das Böse lassen, wie in Klöstern, und vielleicht besser, denn wer will in diesen Häusern des Haders dem Neid und der Feindschaft entgehen? – Es giebt ja in Klöstern vollkommene Sündenerfinderinnen, die in ihren phantastischen Köpfen an ihrem Nebenmenschen Alles als strafbar verdammen. Kurz, unser Geschlecht ist zu seicht im Kopfe, um die reine Moral nicht ins Abenteuerliche zu verwandeln. Ebendeswegen sollte man durchaus keine solche Pflanzschulen des Aberglaubens dulden. Die Weiber, die sich auf ein Häufchen sammeln, sind zu blödsichtig, um das Ehrwürdige der Religion nicht auf lächerliche Abwege zu leiten. Ihre Absicht in den Mauern, der Natur zum Troz, aus Selbstbezwingung zu vergrauen, mag für kurzsichtige Weiberköpfe gut sein, aber für hellere taugt sie nicht. Die Tugend, die keinen öffentlichen Streit auszuhalten vermag, hat keinen Wert. Die Gelegenheit zur Sünde, die man in der Welt freiwillig meidet, verdient weit mehr Belohnung, als die Aufopferung seiner Begierden in Klöstern, die nie anders als durch eigne Gedanken gereizt werden. – Wenn ein Mädchen in der Welt frühe ans Denken gewöhnt wird, wenn ihre Leidenschaften geordnet, ihr Herz gefühlvoll und gut ist, dann wird sie triumphirend mit ihrem Ehrengefühl durch das Verderbnis der Welt hinwandern, und wenn sie auch zuweilen strauchelt, so versöhnt ihre empfindsame Reue den Schöpfer weit besser, als jene monotonen Bussgebeter der Nonnen, die nur die Oberfläche von den bei ihnen im stillen wütenden Leidenschaften berühren. – Du wirst über meine Anmerkung lachen, und beinahe glauben, dass ich diesen Aufentalt bloss wählte, um die darinn herrschenden Torheiten auszukundschaften. – Ganz Unrecht hast Du darinn wohl nicht. Lebe wohl! Deine Amalie. LVI. Brief An Amalie Es freuet mich, meine Liebe, dass bei Dir meine Prophezeihung in Ansehung deines Klosterlebens eingetroffen hat. Nun siehst Du doch, dass meine Ueberlegungen eben nicht die unrichtigsten sind. – Das Einförmige, die wenige Beschäftigung in Klöstern nährt überhaupt alle Leidenschaften. Die Wünsche haben da mehr Macht in den Herzen der Menschen zu toben, weil keine Hofnung, diese Wünsche jemals zu erfüllen, diese Macht hindert. Unzufriedenheit, nagende Schwermut ist das Erbteil dieser unglücklichen Schlachtopfer. – Melankolie, Hypochondrie, sezt sich in ihrem Busen fest, und wählt zum Gegenstand ihrer Nahrung, diese oder jene Leidenschaft. Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual für solche arme Mädchen. Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe, ihre Gesundheit, ihre Seligkeit auf, denn Verzweiflung ist gewöhnlich die Nachbarin der Sklaverei. – Selbst die reinste, unerfahrenste Unschuld fühlt nicht so leicht Hang zum Laster, aber doch Hang zur Liebe, zur Begattung. – Die grösste Schwärmerei der Religion ist nicht vermögend einen Trieb zu besänftigen, der so unwillkührlich im menschlichen Körper wohnt. – Auch die grössten Bigotten halten im Stillen Liebe nicht für sträflich, und wenn sie über diese grosse Menschenbezwingerin siegen, so ist es tief eingewurzeltes Vorurteil, Heuchelei, oder glückliches Temperament. – Der Mensch hat da keinen freien Willen, wo die Natur ihr Recht fodert: aber diese Natur nicht durch gesezwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand der Zügellosigkeit zu machen, dazu hat der Mensch vom Schöpfer freien Willen erhalten. Jedes Mädchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der urteilenden Vernunft in sich. Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der Langweile laut ins Ohr rufen: Törin! – Die Natur hat Dich frei geschaffen, und Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual, Dich von Unwissenden in das Joch einer gezwungenen Entaltsamkeit werfen zu lassen! Die Religion selbst billigt Liebe, und zwischen Liebe und Laster ist ein grossmächtiger Unterschied. – Die Klostermenschen versäumen immer die erstere, und haschen nach dem leztern. Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust, mit Sinnlichkeit. Liebe hat ihre besondere Gesezze, und das ist eben nicht Liebe, was man ohne Vereinigung der Moral, bloss zur Befriedigung der Begierden geniesst. Wenn die Nonnen von ihren Eltern den wahren, würdigen Gebrauch der Liebe gelernt hätten, wenn sie gelernt hätten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft, mit Ueberlegung, ohne Absichten, bloss zur Seelenentzükkung zu geniessen, welche Nonne würde nicht über die Mauern hinaus ohne Sündenfurcht in die Arme der Liebe springen? – Die Begriffe, die man diesen armen Kindern beibringt, gehen meistens auf Unkosten der tugendhaften Liebe; man malt diesen unerfahrnen Mädchen Ausschweifungen statt gemässigten Trieben vor, man zeigt ihnen Laster, statt Tugend, in der wahren Liebe. – Man schreit über die böse Welt, und endlich überrascht von solchen schwarzen Schilderungen, eilt das junge leichtgläubige Mädchen hin zum Altar, und von diesem – in ewige Fesseln. – So verlieren aus Gewohnheit, aus Uebermas der Andächtelei, die