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; er war Dir nicht von der Vorsehung beschieden. Was nun deinen Freier betrifft, so hast Du mich fast durch einige Anmerkungen über ihn erschrökt. – Wenn mich anders nicht die Versicherung deiner Wohltäterin in Betreff seines Karakters beruhigt hätte, so würde ich dieses zurükhaltende Wesen in ihm für verborgene Heuchelei halten. Sei vorsichtig, die Frau von D*** kann mit dem bessten Herzen mit Dir betrogen werden. – Du kannst leicht die Züge seines Karakters unrecht deuten, und das für Ruhe nehmen, was oft böses Gewissen oder tükkisches Wesen ist. Ueberhaupt, Menschen, die keinen offnen Karakter haben, sind gefährlich. Ich will lieber Spuren der Leidenschaften in einem Mann erblikken, so kann man doch untersuchen, wie weit diese Leidenschaften gehen. – Dasjenige, was verschlossen ist, wütet beim Ausbruch desto heftiger. Ich zweifle gar nicht, dass Du seine Begierden entflammt hast. – Ein so hübsches, schlankes, vollbusigtes, lebhaftes Schweizermädchen, kann schon Zerrüttungen in den Sinnen eines Mannes stiften. Doch wäre es mir weit lieber, wenn dein Anbeter minder heftig und mehr mit Ueberlegung liebte. Treibt man die Leidenschaften zu hoch, dann spannen sie sich um desto geschwinder ab. – Untersuche deine Wünsche wohl, prüfe Dich selbst, ob Du ihn lieben könntest? – Denn die Ehe ist ein ewiges Band, und knüpft auch ewiges Verderben, wenn nicht Liebe den Grund dazu legt. – Lebe wohl in deiner Einsamkeit, wenn Du allenfalls schon darinnen sein solltest! – Deine treue Fanny. LV. Brief An Fanny Dein lezter Brief, meine Liebe, wurde mir ins Kloster nach A*** nachgeschikt. Mit allem Fleis hab ich ihn einen ganzen Monat bis zur Beantwortung liegen lassen. – Um Dir jezt desto besser sagen zu können, wie mir meine Einsamkeit behagt. – Du hast alles erraten, meine Freundin! – Die fürchterlich stillen Mauern reizen mich zum tiefsten Nachdenken. Das von Menschen entfernte Leben häuft Empfindungen in meinem Herzen, die in eine völlige Sehnsucht der Mitteilung ausbrechen. Ich finde, dass die Natur durchaus keinen andern Zwang leidet, als den, der von der gesunden Vernunft gebilligt wird. – Ein Herz, das mit gesunden Gefühlen und mit einem heitern Kopfe geschaffen worden, muss etwas haben, wo es sich anschmiegen kann. Liebe ist nun freilich das erste, nach welchem ein solches Herz greift, und wenn es dann im Kerker des Vorurteils eingesperrt nichts erhaschen kann, was zur Befriedigung seiner Leere beiträgt, dann ist es lebendig todt, dieses Herz. – Unzufrieden, mit einer todkranken Seele schleichen die armen Nonnen dem Grabe zu, das ihrer Jugend von Naturfeinden, von Menschenhassern so frühzeitig ist gegraben worden. – Das ist nun der erbärmliche Zustand so mancher gefühlvollen Nonne, die aus Leichtgläubigkeit oder Uebereilung auf ewig der Liebe und ihren Seligkeiten entsagte! – So manches gute Mädchen welkt da mit den tobenden Trieben der Natur im Busen als eine Märtirin der Grausamkeit dahin! – Die ganze Natur erinnert sie im düstern Klostergarten an Freiheit, an Liebe; mit Wehmut sieht sie die kleinsten Insekten sich paaren, und schröklich schwer drükt dann der Gedanke der Unmöglichkeit ihr unglückliches Herz. – Sie flucht im Stillen der Schöpfung, weil sie ihr Triebe gab, die ihr zur lebenslänglichen Marter dienen. – Zwang reizt ohnehin jede Schwachheit zum Laster, und eine gute Seele braucht keine Schranken, weil sie sie selbst hinlänglich zu sezzen weis. – Dummköpfe und von der Natur Verwahrloste schleppen blind die Kette des Vorurteils, und kleiden ihre Ausschweifungen in die Maske der Heimlichkeit ein. - - - - Es ist zum Entsezzen, was man da leblose, gebeugte Mädchen an den hohen fürchterlichen Klostermauern herumschleichen sieht. – Die Unglücklichen können sich der Natur nicht freuen, weil sie ihnen eine fürchterliche Tirannin scheint, der sie mit tausend Kämpfen, mit tausend Tränen entgegenstreiten müssen. – Natur und Vernunft können recht gut miteinander bestehen, und die leztere giebt der erstern mit gewisser Mässigung nach. Aber Dummheit, Vorurteil, Bigotterie und Natur sind von jeher die schröklichsten Feinde gewesen. – Mich deucht, die Einsamkeit des Klosters ist der Tugend eben so schädlich, als das grosse Getümmel der Welt. Das leztere überstimmt die Tugend, und führt aus Taumel, aus Zerstreuung, aus Beispiel zum Laster, und die erste aus Langerweile, aus Mangel der nötigen Erholung, wozu die Natur uns schuf. – Aber im mittelmässigen Bürgerleben, entfernt von den Torheiten, frei vom Zwang in den Armen eines Gatten, (scheint mir) ist der Weg zur zeitlichen und ewigen Glückseligkeit. Der Mensch braucht in diesem mühsamen Leben Aufmunterung, und wo findet er sie besser, als in den Armen der tugendhaften Liebe? – Weich gestimmt ist dann seine Seele, und selten wird man einen wahrhaft Liebenden lasterhaft sehen. Zufrieden im Zirkel seiner Wünsche arbeitet er fleissig, flieht das Geräusch, und lebt ohne übrige Leidenschaften, bloss für sich und seine Familie. – O meine Teuerste! – Die Liebe hat für mich unendlich viele Reize. – Noch kenne ich zwar ihre Schiksale nicht ganz, aber wenn sie sich meinem schönen Ideal nur halb nahen, dann verlasse ich diese Mauern in aller Eilfertigkeit, so bald sich die Liebe meldet. Zum Denken ist mir zwar dieser Ort reizend, aber das Denken macht wollüstig, und eben dadurch fühlt ein junges Herz die traurige Leere desto heftiger. Ich habe hier eine Freundin; sie ist schon seit einigen Jahren Nonne. Jung, feurig und voll Schwärmerei musste sie aus