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an Erfahrung und hinlänglicher Kälte fehlt, die Menschen zu erforschen. Ich finde aus angeborner Guteit überall mein Echo, bis die leidige Ueberzeugung von Menschenfalschheit mich leider zu spät immer vom Gegenteile überführt. – Noch warte ich deine Antwort ab, und dann fort ins Kloster. Bis dortin
Deine Amalie.
LIII. Brief
An Fanny
Freundin! – Dein Malchen wird zur Lügnerin, ich muss Dir noch, eh Du mir schreibst, vor meiner Abreise die gefährlichen Auftritte für mein Herz erzählen. – Das ist ausgemacht, entschieden, und ich bins auch jezt zum erstenmale in meinem Leben überzeugt, dass die Liebe beim ersten Anblik einer Person hinreisst, bis zur süssen Schwermut hinreisst! – Mein Unglücksstern führte mich gestern ins Schauspiel, ich kam gerade neben einem schwarzbraunen schönen Jungen zu sizzen. Kaum war der düstere Nebel, von dem man gewöhnlich beim Eintritt überfallen wird, meinen Augen entflohen, so stieg mir auf den ersten Blick, den ich auf meinen Nachbar warf, eine brennende Röte ins Gesicht! Wir sassen beide sprachlos, wie angenagelt, nur zuweilen begegneten wir uns mit Blikken. – Er fieng endlich zu sprechen an, ich antwortete ihm so gut ich konnte, und dabei bat er mich um die Erlaubnis, mich bis an meine Haustüre zu begleiten. Schon wartete ich auf den Antrag einer Bekanntschaft, aber mit einer getäuschten Hofnung, die mir durch die Seele zitterte, sah ich mich auf einmal betrogen. – "Lange schon, fieng er nun an, liebe ich Sie, mich deucht, dass sie erwiedert würde von Ihnen, diese Liebe, wenn mich die Ehre nicht davon abhielt, nach einem Gut zu greifen, dessen Entbehrung mich vielleicht eben so schröklich für immer verdammt! – Ich bin arm, unversorgt, um ihre Hand buhlt ein Anderer, der Sie wenigstens durch seinen Stand glücklich machen kann. Gott segne Sie beide, und mir gebe er Ruhe, oder.... Tod!" – Rasch flog dieser Jüngling von mir, und ich sah ihn seiter nicht wieder, auch weis ich nicht einmal wer er ist. Sein Andenken ist ein schleichender Wurm in meinem Herzen, und meine schmeichelnde Eigenliebe sagt mir immer, er hätte nicht entfliehen sollen, der Undankbare! – Während dieser Zeit wuchs die Leidenschaft meines Freiers bis zum Grade, dass er Mitleiden verdient. – Der obige Auftritt hat mein Herz in etwas gegen ihn verstimmt, und da er mit seiner Leidenschaft vorbeieilte, ohne auf den Grad der meinigen zu achten, so sind wir beide noch um ein ziemliches von einander entfernt. – Mitleiden wallt in meinem Herzen für ihn, aber Mitleiden ist noch lange nicht Liebe. – Er hat übrigens einen Anschein von stiller Gemütsart, wenn es Solidität ist, dann wäre schon ein starker Grad meines Zutrauens gewonnen. Die Leute, die mit aller Ueberredungskunst auf diese Heirat dringen, behaupten durchaus, dass es wirklich ein fester, gebildeter Karakter seie. Furcht, Angst und Begierde nach Versorgung, um meine Schwester zu retten, streiten in meinem Kopfe. – Ich bin das elendeste Mädchen unter der Sonne, wenn sich mein gutes Herz leichtgläubig ins Spiel mischt, ehe die Vernunft und ihre Ueberlegung den Rat zu dieser Heirat giebt. Du weist, ich habe noch ein artiges Vermögen, auch spricht er mir davon, dass er welches besässe... Doch was kümmert mich Vermögen, wenn nur mein armes Herz Ruhe bei ihm fände! – Ich bin traurig bis zum Tiefsinn! – Lebe wohl! Deine schwermütige
Amalie.
LIV. Brief
An Amalie
Nun so verfällst Du denn schon wieder ins Abenteuerliche, meine Besste! – Ich muss Dich zanken über deinen Klostergedanken. Vielleicht kömmt dieser Brief zu spät, und dann gute Nacht heitere Täge meiner Amalie! – Du, mit deiner Anlage zur Schwermut willst die Einsamkeit suchen? – Du, mit deiner Lebhaftigkeit willst Dich unter die Kostgängerrute beugen? – Du, mit deinem Freiheitssinn willst heucheln lernen.... oder Dich hassen lassen? – Du, mit deiner Anlage zum Natürlichen, willst Dich in das Joch des Ueberspannten werfen? – Du, mit deinem Herzen voll Liebe, willst zwischen Riegel und Gitter die Männer entbehren? – O! Du wirst gewis auf meine Gründe der Warnung denken! – Ich wette, was Du willst, dein Bräutigam siegt in dieser Lage über deine Liebe. Du bist dann entfernt von allen andern Männern; dein Herz muss Beschäftigung haben, und die Notwendigkeit wird gewis das Loos auf deinen Freier lenken. – Wenn mir je eine Uebereilung im Geiste vorgeht, so ist es gewis diese hier. – Und warum wähltest Du denn dieses Leben, da dein Oheim es nicht geradezu foderte? – Nicht wahr aus Dankbarkeit, um diesen lieben Mann auch nicht mit einem Winke zu widersprechen? – O! Ich kenne deine Grossmut; Du bist aus Freundschaft und Dankbarkeit grosser Handlungen fähig. – Was würdest Du erst aus Liebe tun, wenn Dich Einer recht zu bezaubern wüsste. – Es ist ewig Schade, dass der braune Junge so schnell von Dir ablies. Ihr zwei würdet euch fest aneinander gekettet haben. Harmonische Liebe wäre das Losungswort gewesen, und eine glückliche Ehe die Belohnung für deine Drangsalen. – Dass doch die bessten Menschen arm sein müssen! – Dass es dort liegen muss, das elende Metall, auf einem Haufen an der Seite des fühllosen Dummkopfs. – Doch, Freundin! – Hänge dem Verlust dieses Jünglings nicht zu sehr nach