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unbarmherzigen Ehehälfte zu überlassen. Wofür sie sich ein Leben voll Zank und Mishandlungen eintauschte. Die junge ausgemästete Schwiegertochter poltert, schreit, lärmt, wie eine Furie, in ihrem Hauswesen, und stopft mit der armen Alten die Dienste einer Kindsmagd aus. – Die bittern Tränen einer grauen Mutter rühren den Sohn nicht, weil ihn sein Weib bei seiner Schwäche pakt, und ihm alle Klagen dieser Frau als Grillen des Alters schildert. – Hier denke ich wohl nicht lange mehr zu verweilen, denn ich kann die allzusauren Gesichter meiner Tante eben so wenig leiden, als die allzusüssen, womit mich mein Oheim beehrt. – Bloss um meiner lieben Grossmutter willen zögere ich noch einige Tage, denn das Bild meiner verlornen Mutter erneuert sich in mir durch ihren Anblik. – Auch wünscht mich mein lieber Vater, durch seine Briefe, mit jedem Posttage zurück. – Und wie leid tut es mir, dass ich ohne Rechnung von meinem Vormund zurükkehren muss, da dies doch eigentlich die Absicht meiner Reise war. – Muss mich nun mein Vater nicht für nachlässig in diesem Geschäfte halten? – Aber wer kann Schurken zur Redlichkeit zwingen? – Wenigstens konnte ich keine Rechnung von ihm erzwingen. Auch muss ich Dir noch sagen; nicht weit von der hiesigen Stadt, wohnt eine Bekannte von mir, die ich ehemals als ein gutes Mädchen kannte; vorher noch will ich diese besuchen, und dann kehre ich in die Arme meines Vaters zurück. – Dieses Mädchen hat sich erst vor Kurzem verheiratet, und ich bin äusserst neugierig, wie ihr das neue Eheband schmeckt? – Ehemals sprachen wir Beide oft miteinander von Liebe, aber sehr wenig von der Ehe, weil wir zu verschiedene Begriffe davon hatten, und uns oft ein wenig darüber zankten. – Sie hielt den Ehestand für Tändelei, für Blumenfesseln; ich hingegen hielt ihn für den gefährlichsten Schritt in unserer weiblichen Laufbahne. Sie war eine Schäkkerin von der ersten Gattung, und immer etwas leichtsinniger als ich. Eben darum bin ich begierig, wie es mit ihr ausgefallen ist. – Das nächstemal ein mehreres, lebe wohl, liebe ernstafte Freundin! Deine Amalie. XXII. Brief An Amalie Liebe Freundin! – Dass doch fast alle deine Blutsverwandte, ein einiger ausgenommen, so roh dich behandeln! – Was mag wohl für Blut in diesen Geschöpfen rinnen, wenn sie die Stimme dieses Bluts so wenig hören wollen? – Sei froh, dass Du entfernt von der eifersüchtigen Base bist, sie ist deiner zu ihrer Beruhigung los und Du ihrer. Der kalte Empfang deiner Tante ist Hochmut, und dieser ist fast überall die Folge der Dummheit. Sezze Dich darüber hinweg, dies ist die besste Rache des Vernünftigen. – Deiner bedaurungswürdigen Grossmutter bin ich herzlich gut, und ich wünsche ihr hinlängliche Seelenstärke, die Bosheiten ihrer Schwiegertochter mit Geduld zu ertragen. – Hat denn ihr undankbarer Sohn keine Augen, keine Ohren? oder trägt er diese bloss für sein boshaftes Weib? – So einem Halbmann gehört die Rute, der sich von seinem Weibe bis zur Harterzigkeit einschläfern lässt. Was ist das für eine Schande, wenn der Mann ein kriechender Hausknecht seines Weibes ist! – So einer feigen Memme könnt ich mehr gram sein, als einem in seinen Schranken stürmischen Manne, der sein Hausrecht nicht so leicht vergiebt. Doch genug hievon! Du bist jezt vermutlich schon bei dem jungen Eheweibchen? – Ich bin sehr neugierig auf Nachrichten von ihrer neuen Verbindung. Der Ehestand wird ihren Leichtsinn schon dämpfen, er ist ein tüchtiges Mittel wider die gute Laune, besonders wenn er nach der alltäglichen Mode gestiftet wird. Zum Ehestand gehört eine grosse, standhafte Vernunft, um eines Andern Gebrechen und Torheiten mit Güte zu bessern oder geduldig zu ertragen. Und dann die ewige Gewohnheit, die jedem Dinge den bessten Geschmak raubt, bringt oft im Ehestand Wirkungen hervor, die grässlich sind, wenn nicht durch beiderseitige Nachsicht und Güte des Herzens alle übeln Folgen verhütet werden. Der Ehestand ist bei den Meisten ein Kaos voll rosenfarbenen Elendes. Du hast Recht, Mädchen, diesen Schritt für gefährlich, für entscheidend zu halten; er reizt, lokt, beglückket und vergiftet eben so geschwind das Leben, je nachdem man's trift; und – leider sind so wenig Treffer in diesem Glückstopfe! – Ich möchte Dir zwar nicht gerne einen übeln Vorschmak von einem Stande beibringen, der auch Deiner wartet. Aber kann ich wohl von einer Sache schweigen, die in unserm Leben eine so unglückselige Epoche ausmacht? – Neigung, Vernunft, Güte des Herzens sollten diese Bande knüpfen, und nicht Eigennuz, Uebereilung, Sinnlichkeit, Konvenzionen, oder Eitelkeit. Die wenigsten Ehen haben wahre Harmonie der Herzen zum Grund, und die jungen Eheleute finden sich eben darum nach dem abgekühlten Taumel getäuscht. Grobe Herrschsucht, Gebieterei des Mannes wekt die Eitelkeit, den Starrsinn des Weibes auf; Zank, Widerspruch, Brausen gegen einander sind die richtigen Merkmale zweier misverstandener Gemüter. Ekkel und beiderseitige Verbitterung, ist die Glokke, welche der Liebe zu Grabe läutet, und das Ende davon, ein schändliches beiderseitiges Lasterleben, unter dem Dekmantel der heiligsten Verbindung. Lass uns abbrechen, Freundin, von so schröklichen Auftritten der Menschheit! – Ein Mädchen, wie Du, darf vorsichtig wählen, aber deswegen sich nicht abschrökken lassen. – Schreibe mir bald wieder und erinnere Dich deiner bessten Fanny. XXIII. Brief An Fanny Dass ich zu dem neuverheirateten Weibchen reisen wollte, sagt ich leztin, und dass ich nun bei