highChunks/1788_Ehrmann_009_3024.txt -- topic 55 topicPct 0.383900940418
seinen Anfang, und endet nicht eher, bis diese Kreaturen sich genug herumgebalgt haben. Ihre Spötteleien, ihre Bosheiten, ihre Tollheiten sind mir unerträglich, sind Sachen, worüber ich den Verstand verlieren möchte. Selbst mein Vater, ihr Wohltäter, dient öfters zum Gegenstand ihrer Ungezogenheit; kurz, wo ich nur immer hinsehe, sehe ich nichts, als garstige, unflätige Herzen, Kinder, die im Zorne Gottes müssen geschaffen sein; wie schröklich bange ist mir für meine arme Schwester! Gott im Himmel! was könnte wohl aus einem so zarten Kinde bei einem solchen Beispiele werden? Das Mädchen muss um sie sein, ich kann es nicht ändern. O könnte ich das, Fanny, könnte ich das! heute noch würde ich sie mir alle vom Halse schaffen; aber Du weisst es, Freundin, ich kann es nicht, gar nicht, denn mein Vater verbot mir die geringste Anmerkung über diesen Punkt und drohete mir dabei so fürchterlich, dass ich es nun nicht mehr wage, meine Tränen an seinem Busen zu verweinen. Auch dieser Trost ist für mich nicht mehr; ich zittre jezt mehr als je vor seinen Blikken und verberge meinen Kummer, der so tief in meiner Seele herumschleicht. Glaube mir, Freundin, jezt schon fangen wir alle an die Folgen einer solchen Last zu fühlen, denn es geht so abgekürzt in unsrer Oekonomie zu, als ob sie schon an Mangel gränzte. Mein Vater sucht es zu verbergen, aber für mich nüzzen solche Kunstgriffe nichts; denn ich allein, vor allen Andern, überrechne unsre Ausgaben, und jammere gewis nicht um des blosen Schattens willen. Könnte mein Gram uns retten, so hättest Du, meine Liebe, heute gewis den lezten Abriss unsers Elends. Lebe wohl! Denke doch an deine
Amalie.
XVI. Brief
An Fanny
Liebe Fanny! Siehe doch, wie geschwind das Menschenschiksal sich ändert! Du weisst, wie sehr ich mich hinwegsehnte, und schon heute erhältst Du diesen Brief aus meiner Vaterstadt. Geschäfte, die Niemand anders besorgen konnte, bestimmen mich hieher. Meinen Vater verlies ich unter tausend Tränen, und ohne seinen Willen wäre ich gewis nicht fort. Er selbst fand es nötig, ich sah es auch ein, und so reiste ich in Gesellschaft seines Bruders und eines seiner Söhnen ab. Müde bin ich noch ziemlich, denn wir mussten die Reise aus Geldmangel zu Fusse machen. Es war ein kleiner Spaziergang von dreissig Meilen, schlechter Weg und eine harterzige Gesellschaft dazu. Das Leztere besonders fiel mir schwer, sehr schwer; auch mein Herz empfand eine solche Demütigung; aber dennoch überhüpfte meine Jugend diese Epoche mit einer Art von Leichtigkeit. Meine Begleiter waren, wie gesagt, harterzig und unartig; oft verdoppelten sie ihre Schritte, liessen mich stundenlang in den fürchterlichen Gegenden zurück, und dann musste ich sie atemlos einholen. Ja, Freundin, so muss ich mein Schiksal nachschleppen. Ich gewöhne mich nach und nach an verschiedene Arten von Unbequemlichkeiten, und lerne recht fleissig Sachen ertragen, die nur für Unglückliche bestimmt sind; zum Glückke, dass mein Körper dauerhaft ist, sonst müsste ein Mädchen von meinem Alter gewis unterliegen. Tausend Dank meiner Mutter, dass sie mich ohne Weibersucht erzog. Wenn mich auf dieser Reise meine Einbildung gemartert hätte, wenn ich über ein rohes Lüftchen, über eine Erhizzung, einen Jammer, aus Gewohnheit, andern Leuten zur Last angestimmt hätte, da Fanny, wäre es mir gewis übel ergangen! aber geduldig, wie ein Schulfrazze, mussten mich meine Beine fortschleppen; fort hiess es, und so kamen wir hier an. Ein Vetter und eine Base nahmen mich in ihr Haus auf. Mit Nächstem etwas weitläufiger von dieser Base. Für jezt schlaf wohl, recht wohl! Ich bin
Deine Amalie.
XVII. Brief
An Fanny
Besste, teuerste Freundin! Wieder ein neuer Auftritt, und für mich ganz neu. Meine Base, die Törin, ist auf mich eifersüchtig. Was wird mein Vater sagen, wenn ihm das tolle Weib im Taumel ihrer Leidenschaft schreibt? Doch er kennt mich, wird nichts schlimmes glauben. Gewis, Freundin, ich bin unschuldig. Ich konnte ja die kleinen Gefälligkeiten ihres Mannes nicht mit Gewalt von mir abwenden. Oft stund mir der Schweis auf der Stirne, wenn er so auf mich lauerte und nach jeder Gelegenheit haschte, um mir seinen Eifer zu zeigen. Bis jezt kann ich Dir in Rüksicht seiner keinen Bescheid geben, denn wenn er nicht dringender wird, so mag es noch immer hingehen. Indessen kümmert mich doch diese Avantüre, denn zu was ist wohl eine eifersüchtige Frau nicht fähig? Ich wünschte Dich bei mir, um von Dir zu lernen, wie man dergleichen Auftritte mit Vernunft ausharren muss. Jezt noch ein Bischen von meinen hiesigen Verrichtungen: Du weist, dass meine Mutter ein Vermögen hinterlies, so für uns Kinder in Verwahr genommen worden. Du kannst leicht denken, wie es aussehen mag, da mein Vater schon seit zwei Jahren keine Rechnung von unserm Vormunde erzwingen kann. Stelle Dir vor, ich bin hier, um meinen rohen, fühllosen Vormund zur Gewissenhaftigkeit zu zwingen, und das mag wohl eine nicht kleine Unternehmung sein, denn mein Vormund sieht einem geizigen Advokaten ähnlich, der unter dem Schein der Rechtschaffenheit seinen Beutel spikt. – Er empfieng mich mit einer Staatsmine die an Barbarei gränzt. In wenig Tagen mehr von diesem Toffe. – Jezt rufen mich Geschäften. Lebe wohl, meine Fanny!
Deine Amalie.