highChunks/1788_Ehrmann_009_3018.txt -- topic 10 topicPct 0.161094218493
Gram, wie der deinige ist, zu lindern, dann hätt ich Dich gewis nicht so lange warten lassen, was hätt ich Dir wohl mitten in deinem Jammer sagen sollen? Es gehört eine gewisse Kunst dazu, Unglückliche zu trösten, und Du sagtest mir schon selbst, dass ich hiezu sehr ungeschikt wäre. Ich habe Dich also im Innern bedauert und viele stille Tränen für Dich verweint. Wenn ich schon nicht, wie Du, alles exzessmässig fühle, so fühle ich doch gewis tief, sehr tief. Tröste Dich, besste Amalie, tröste Dich über den Verlust deiner Mutter, überdenke das menschliche Schiksal, und sieh zu, ob dieses Opfer nicht eine Folge der Menschlichkeit sei? Wahr ist es, die Natur empört sich, wenn ein so teurer Teil sich in Nichts verwandelt, wenn es aber so sein will, so sein muss, warum soll denn ein Mensch gegen eine unabänderliche Bestimmung rasen? Ja, Freundin! Entusiasmus macht glücklich, wenn er nicht überstimmt wird, und Du besonders, liebes Kind! Du räumst ihm nur im Tragischen einen Plaz ein; deine Einbildung wird mehr dein Tirann als dein Wohltäter. Besstes Mädchen, suche Dich gelassener zu stimmen; vielleicht ist es noch Zeit, wenn Du anders deine Heftigkeit nicht schon zu stark gezögelt hast. Und dann, meine Liebe, wo ist dein Zutrauen auf die Vorsicht? Willst Du nicht lernen gross denken und im Elend sich fest an Den halten, der die Tränen der Unglücklichen zu belohnen weis; an Den, der uns retten kann, wenn wir es verdienen gerettet zu sein? Dein Vater, Du und deine Schwester sind bedaurungswürdig. Es ist eine grausame Gabe um ein gutes Herz; es lässt sich so leicht bis zum Leichtsinn heruntertäuschen. Doch, liebes Mädchen, es ist einmal dein Vater; ehre seine Würde und beweine seine Handlungen. Ich kenne dein Herz, besste Amalie, es ist so edel gestimmt, es schlägt so rein, glaube deiner Freundin, es kann nicht unbelohnt bleiben. – Nein es kann nicht! Gutes Mädchen! Wie edel ist nicht dein Kummer über einen innerlichen Vorwurf deines Vaters! Du duldest so viel, und bist doch noch so sanft, so äusserst guterzig. Amalie! Dein Gefühl hat einen Wert, der sich nicht bestimmen lässt, weil es so selten unter Kindern zu finden ist. All dein Unglück muss Dich doch weniger drükken, wenn Du denkst, mein Herz verehrt ihn dennoch, Den – der mir das Leben gab. Fahre fort, Freundin, so zu handeln, ich will Dich ewig verehren und nie aufhören zu sein, deine teuerste
Fanny.
IV. Brief
An Fanny
Teures Mädchen!
Was mit uns vorgeht, verdient aller Menschen Mitleid. Mein Vater weint, und seine Tochter badet sich in seinen Tränen. Die fühllosen Gläubiger! Die garstigen Menschen! Ich weis es freilich schon, dass die bestimmte Zeit vorbei ist. Man schreit um Geld, und Freunde entfernen sich. Welch ein Anblik! – Wie barbarisch muss der Vorwurf an meines Vaters Herzen nagen! Seine Liebkosungen gleichen einer freudigen Verzweiflung. Er flieht mich zuweilen! – Ja, ja, er flieht! Ha! – Das schröklichste, was er mir tun kann! Du gütige, sanfte Stimme des Bluts, häng dich an ihn, reiss ihn mit Gewalt an den Busen seiner Tochter hin, lass es ihm nicht fühlen, lass ihm seine Schuld nicht fühlen! Man sagt mir, er würde seinen Aufentalt ändern, wenn es wahr wäre! wenn er sich von seinem Bruder losrisse! wenn er es täte! – O Gott! leite sein Herz! Wie gerne, wie warm, wie zärtlich sollte er von mir seine Tage verlängern sehen! Sein Alter wäre für mich ein Heiligtum, dass ich ohne Aufhören küssen und verehren würde. Mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit würde ich seiner pflegen, dem unbedeutendsten seiner Wünsche zuvorkommen, um ihn der möglichsten Ruhe geniessen zu lassen. Kein Elend dürfte sich zu unserer Oekonomie drängen; ich würde eine gute Hausmutter machen, alles so mässig einzurichten suchen als möglich, nicht prahlen und doch glücklich sein. Sein gutes Herz würd ich geizig an mich ziehen, und sein Bruder sollt und könnt es sodann nicht weiter aussaugen. Ich würde ihn aufzuraffen suchen, und mitten im mutwilligsten Scherze wollt' ich ihm Freudentränen ablokken, ihm um den Hals fallen und sagen: Vater! wir sind so glücklich! – – Wie gefällt Dir mein Ideal? meinst Du wohl, dass es wahr werden könnte? Du glaubst nicht, was ich mir oft für himmlische Situazionen zu schaffen weis? O wenn doch nur einige wahr würden! Wie leicht lies sich hernach aller Gram wegdenken! Lebe wohl, und sei meiner Zärtlichkeit gewis.
Amalie.
V. Brief
An Fanny
Liebe, gute Fanny! unsre Abreise ist nach Verfluss einiger Tage festgesezt. Freue Dich! Das ist nun seit zwei Jahren der erste Brief, den ich Dir mit leichtem Herzen schreibe. Mein Gefühl ist also der Freude noch offen? Aber wenn mein Ausschnaufen nur ein Anschein von Erholung wäre, und wenn sich alles das bald wieder ins Trübe zöge! Unglückliche sind doch gegen alles mistrauisch! – Mein Vater überliess einen Teil seiner Güter den Gläubigern, und der Ueberrest ist für seine noch übrigen Tage bestimmt! Klein und rasch ist diese Erholung! Doch, wenn er sich von diesem Wuste losreisst, so kann uns kein hülfloses Elend drohen. Glücklicher Entschluss, der Himmel