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dass sie den Herzgeliebten, wie wir bei der Pickeniksszene gehört haben, bat, sie ferner nicht so zu plagen. Meine Dazwischenkunft hatte den Strom ihrer Leidenschaft, der sie unaufhaltsam forttrieb, einigermassen gehemmt; in meiner Gegenwart hatte sie kaum das Herz gehabt, ihrer Lieblingsidee nachzuhängen, so stark war die väterliche Gewalt; – sie fürchtete, ich könne in ihrer Seele lesen. Als sie mir die Briefe herausgeben müssen, sei ihr gewesen, als trennte ich ihr Leib und Seele. In der ersten Angst habe sie alles gesagt, was ich von ihr zu wissen verlangt hätte; sobald ich aber Abschied von ihr genommen, und sie sich von den ersten Schmerzen der Trennung erholt gehabt, sei ihr Herz mit verdoppeltem Feuer zu seinen unterdrückten Gefühlen zurückgekehrt, und sie habe nicht ohne Schrecken bemerkt, dass des Vaters Entfernung ihrem Herzen Wohltat gewesen sei. Louis ward wieder ohne Rückhalt ihr Taggedanke, und ihr Traum bei Nacht; sie spürte in dem Gesichte der Schwester jeden Zug, der dem Bruder gehörte, und konnte dann Stundenlang ihr Auge von Marianen nicht wegwenden, verlor sich in süssen Schwärmereien; – und was des verliebten Mädchengeschwätzes noch mehr war. Nun kam es aber zur Hauptsache, bei der sie nicht recht mit der Sprache herauswollte. Sie ging ganz kunstreich, nach Mädchenmanier, um den Berg herum, schickte eine feine Schutzschrift aller verliebten Torheiten voran, und dann hinkte sie mit der Tatsache hinten nach. "Am Montage war ich bei Falk's gewesen. Bei dem rührenden Anblick des Glücks, das Karoline in ihrer Liebe zu ihrem Karl findet, wurde mein Herz ungewöhnlich erweicht. Voll dieser Empfindungen kam ich nach Hause, und begab mich in das Kabinet neben der Lektionsstube. Der Mond dämmerte durch die Weinreben am Fenster. Ich warf mich auf einen Stuhl. Mein Herz war voll und gepresst. Ich dachte nichts Bestimmtes; ein dunkles Sehnen stimmte mich zur Wehmut. Tränen brachen unwillkührlich heroor; ich erschrak über meinen Zustand, und die Tränen flossen noch häufiger. Sonst lenkte sich mein Herz in dem Zustande der Erweichung wie von selbst zum Urquell der Liebe; es erhob sich im Anschauen der Natur. Mein kleiner Gram oder meine kindischen Freuden ergossen sich so in Gebet, als ob ich an meiner Mutter Busen geschmiegt mit ihr spräche. O Mariane, gewiss, das war doch auch Glück! Reiner, unzuverkümmernder Genuss! Diesmal fiel mir kein Gedanke von dem allen ein. Ich faltete mechanisch die Hände, dachte, wie gern ich nur einen Blick der vorigen Zeit zurückrufen möchte; aber das war denn auch alles. Mein Herz strebte hinaus, aber nicht hinauf. Indess wurde ich gerufen. Madame hatte ein neues Buch bekommen; ich sollte laut lesen, sagte sie, der Vetter könnte diesmal nicht kommen. Es war mir ärgerlich. Aber Mariane. welch' ein Buch war das! Vermutlich kennen Sie es, wenn gleich ich Neuling es nicht kenne; es heisst d i e n e u e H e l o i s e . Jedes Wort war mir aus der Seele geschrieben, jedes schrieb sich glühend in mein Herz. Sogar Übereinkunft der Namen. Julie! – Die Stimme versagte mir zuweilen, wenn ich ihn aussprechen sollte! – Es war als hört' ich ihn j e m a n d anders rufen. Ich versetzte mich leicht in Juliens Lage; und gewiss, ich glühte über und über. Wir lasen bis zwölf Uhr; und ich hätte, ohne müde zu werden, wieder bis zwölf Uhr gelesen. Jetzt zu Bette zu gehen, war mir unmöglich. Meine Seele war wie aufgelöset; tausend Bilder umschwammen mich. Ich war Julie, und – o Mariane, haben Sie Mitleiden mit mir; ich darf Ihnen nie wieder ins Gesicht sehen – meine Einbildungskraft war aufs höchste gespannt. Ich setzte mich hin, und ergoss in einem Briefe an Ihren Bruder, meinen angebeteten, ewig geliebten Louis, mein glühendes, so mühsam verhaltenes Gefühl. Meine arme Vernunft trat auch nicht e i n mal zu dem schwächsten Kampfe hervor. Fragen Sie nicht, was ich schrieb. Es war alles Herz, alles Feuer und Seele, was ich in vollen Strömen auf das Blatt vor mir goss; und nun ging ich, wie entledigt drükkender Bande, zu Bett. Meine Phantasie war aufs lieblichste angeregt. Ein sanfter Rosenschimmer umfloss mich, Nachtigallen sangen ein himmlisches Chor, und feierten die erste Liebe meines jungfräulichen Herzens. Ich schwärmte mit meiner Phantasie in der Laube, in welcher Julie ihrem St P r e u x feierlich den ersten Kuss gab; ich war – – o Mariane, hätte mein Vater, hätte Gott vor mir gestanden, das zauberische Gewebe würde mich nicht weniger verstrickt haben! Ermattet von dem Feuer meiner Vorstellungen senkte sich ein leiser Schlummer auf meine Augenlieder. O diese Träume, Mariane! nie, nie kann die Wirklichkeit bezauberndere Momente herbeiführen! Unwillkührlich streckte ich meine Arme nach der geliebten Erscheinung aus. Nie wird eine solche Nacht mein sterbliches Dasein wieder beglücken! Beim Erwachen standen die lieblichen Bilder noch ganz frisch vor meiner Seele; doch läugne ich nicht, ich erschrak, als ich den Brief fand, den ich geschrieben hatte; e r sollte ihn lesen. O Gott! – Indem trat Magot ins Zimmer. Mein Mut, der schon im Sinken war, verliess mich nun vollends; nie werd' ich mich diesem fremden Menschen anvertrauen können! dacht' ich. Magot stand im Begriff