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. Freilich ist es hart, in den Augen der Welt eine Nichtswürdige zu scheinen, aber was fragt der edle Geist meiner M a r i e nach solchen Menschen, die weit unter ihr stehen? Wenn nur Ihr Herz sie rechtfertigt – und dieses Herz war ja nur schwach, nicht lasterhaft – so kann Ihre erhabne Seele ruhig über alle diese kleinen Geister wegschauen. Sie können gelassen eine Welt über sich spotten sehen, die Ihrer nicht wert ist, und sich auf einen andern Schauplatz freuen, wo die leidende Tugend Schutz findet. – Ich werde bald nach diesem Briefe bei Ihnen sein. Sophie. Vierundsiebzigster Brief Eduard an Marien Darf Ihr zärtlichster Verehrer noch einmal es wagen, an Sie zu schreiben, ewiggeliebteste M a r i e ? Jetzt ist ja die Pflicht der Ehegattinn bei Ihnen aufgehoben, die Ihnen sonst verbot, meine Briefe anzunehmen. Ich verehrte damals Ihre hohe Tugend, die Ihnen diese Strenge auflegte; ich gehorchte Ihnen; aber der Himmel weiss, wie kummervoll seitdem meine Tage dahin flossen! O M a r i e ! in einer elenden Hütte, nicht weit von dir, wohnt dein treuer E d u a r d , glücklich genug die Luft einzuatmen, die deine Lippen aushauchen. Ich suche meinen Trost darinn, des Tags an dich zu denken, und des Nachts kniend vor deinem Fenster zu liegen, und den Schimmer deiner Nachtlampe zu sehen. Gestern sah ich dich selbst. Dein Haupt sank tränenschwer auf deine Brust, deine schönen Hände waren gen Himmel aufgehoben! Gott, wie war mir da! Mein Leben hätte ich hingegeben, um mich zu deinen Füssen werfen zu dürfen; aber meine Ehrfurcht gegen dich hielt mich zurück. Ich ging fort, aus Furcht, dass du mich sehen, und durch meine Dreistigkeit beleidigt werden möchtest. Mit wütendem Schmerz in der Brust kam ich in meine Wohnung; aber der Schlaf floh mein Lager. Ich sah immer nur dich und deine harmvolle Miene, und mein Herz vergass durch den sympatetischen Anteil an deinem Leiden das seinige, und jammerte nur, dir keine Beruhigung einsprechen zu können. M a r i e ! Teuerste, Engel des Himmels! du hast nun keine Verbindlichkeit mehr gegen den, der sonst dein Mann war. Er selbst – ich nenne ihn nicht mit dem Namen, den sein Betragen verdiente; denn er war einst M a r i e n s Gatte – hat sich von dir getrennt. Ich flehe hier auf meinen Knien dich an, entziehe den erquickenden Anblick deiner himmlischen Gestalt nun nicht länger deinem E d u a r d , der dich mit so gränzenloser Liebe anbetet. Vergönne mir nur einmal, an deinem Anschauen mich zu laben. Dieser glückliche Augenblick wird reichlicher Ersatz für alle die Quaalen sein, die ich um dich litt. Meine erschlafften Nerven, mein Geist, durch Trauern ganz untätig gemacht, mein ganzes I c h wird durch den Gedanken, dich zu sehen, aufs neue belebt. O Geliebte! vernichte diese süsse Hoffnung nicht! Doch, das ist deiner sanften Seele nicht möglich. Gewiss nimmst du noch warmen Anteil an dem Kummer deines E d u a r d s , und wirst gern mitleidsvoll seine Schmerzen mildern. – Ewig dein Eduard. Fünfundsiebzigster Brief Sophie an Julien Dank sei es Ihnen, zärtliche J u l i e , dass Sie meinen Oheim mit Ihren einnehmenden Bitten beredeten, mich wieder zu meiner Freundinn reisen zu lassen, dass Sie so gütig alle Sorge für ihn unterdessen übernehmen wollten, damit doch der liebe Alte nicht durch meine Freundschaft für M a r i e n leidet. Es war mir schlechterdings unmöglich, einen ruhigen Augenblick in der Stadt zu haben, seitdem das Schicksal meiner M a r i e diese Wendung bekommen hat. Ich sah sie immer weinend und jammernd vor mir stehen, und diese Ideen liessen mir keinen Augenblick Frieden. Ich kam den Dienstag Abends hier an. Die Freude über meine Ankunft verbreitete ein gewisses Lächeln auf ihrem Gesichte, welches mit den übrigen ausgehärmten Zügen eine äusserst rührende Wirkung machte. Sie stand vom Stuhl auf, um mir entgegen zu gehen; aber es war gut, dass meine Arme sie auffiengen; denn ihre wankenden Knie vermochten nicht länger, sie zu halten. Ihr Zustand presste mir bittre Tränen aus. "Weinen Sie nicht um mich, S o p h i e , – sprach sie – Alle die Tränen, die meine Lieben um mich vergiessen, fallen zentnerschwer auf mein Herz. O dass ich die Ursache alles dieses Jammers sein musste!" "Aber gewiss eine unschuldige Ursache, meine M a r i e . Ist es Ihre Schuld, dass A l b r e c h t nichtswürdig genug war, sich unter einem so elenden Vorwande von Ihnen zu trennen?" "Nennen Sie ihn nicht so, S o p h i e . Nichtswürdig war er nie. Ich bin überzeugt, dass er nur durch böse Ratschläge verführt wurde, so zu handeln, wie er tat. O Gott, was sollte ihm auch eine Gattinn, deren stärkste Neigung, deren ganze Seele einem andern gewidmet war? Ach! ich bin die Strafbare, ich allein, S o p h i e ! Warum bewachte ich nicht sorgfältiger mein Herz? Warum flehte ich nicht sogleich eifrig zu Gott um Rettung? Ich betete wohl, aber mit geteiltem Herzen. Und das will der Schöpfer nicht. Er verlangt ein reines Herz von uns, in welchem keine