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, die mich versteht. Ach wäre noch ein eben so Unglücklicher als ich auf der Erde – (doch das ist nicht möglich –) o so wollte ich ihn mir zum Gesellschafter wünschen. Wie wollte ich mich an seinem Umgange laben! Die Luft würde von unsern wechselseitigen Klagen ertönen. Tränen sollten unser Trank, und Seufzer unsre Speise sein!
Hier ist niemand, der mein Leiden fühlt. Lauter unbefangne heitre Gesichter, auf welchen man keine Spur des Kummers sieht. Ich möchte rasend werden, wenn ich diese fröhlichen Leute sehe und ich – und M a r i e ! Wütend laufe ich auf mein Zimmer, wenn mich der Gedanke ergreift, und überlasse mich meinem tödtlichen Schmerz.
Eduard.
Zweiundsechzigster Brief
Bartold an Eduard
Um Gottes willen, Eduard! was fängst Du an? Willst Du Dein eigner Mörder werden? Was hilft M a r i e n alle Dein Jammern und Wehklagen? Hat sie wohl die mindeste Erleichterung davon? Du zehrst die Kräfte Deines Körpers und Deiner Seele ab, und bringst Dich vor der Zeit zum Grabe. Ist das der Gebrauch, den Du von Deinen Fähigkeiten zu machen schuldig bist, dass Du untätig in einer Bauernhütte sitzest und winselst? Ermanne Dich, E d u a r d , komm zu mir, verlass den traurigen Ort, und suche durch Geschäfte Deinen Kummer zu zerstreuen. Denke, dass Dir Gott Verstand und ein edles Herz gab, um Deinen Nebenmenschen zu nützen, nicht um beides durch Gram über Sachen aufzureiben, die Du doch nie wirst ändern können. M a r i e würde ihrer selbst unwürdig handeln, wenn sie jemals Deiner Liebe Gehör gäbe, und Du verdientest nicht, jemals von ihr geschätzt worden zu sein, wenn Du ihr einen Antrag dieser Art tun könntest. Aber es ist nicht genug, dass Du diese Liebe gegen sie nicht äusserst, Du musst sie auch zu unterdrücken suchen, und ihr nicht noch immer mehr Nahrung geben.
Höre auf meine Bitten, bester Freund! Komm zu mir. Wir wollen uns mit einander bemühen, des armen Ferdinands Aufentalt zu erforschen, um ihn zu retten. Der Gedanke an den unglücklichen Jüngling macht mich sehr traurig. Wüsste ich nur, wo er wäre, so wollte ich ihm schnell zu Hülfe eilen. Gott! wenn sein Vater seinen Zustand erführe! Der Sohn, auf den er so feste Hoffnungen künftiger Grösse baute, ist jetzt unter Dieben und Räubern! Wie würde der Alte sein graues Haar zerraufen! Er hat schon jetzt keine frohe Stunde mehr, und schreibt mir immer die rührendsten Briefe.
Lebe wohl, Bester; ich sehe mit der stärksten Erwartung Deiner Ankunft entgegen, und bin versichert, dass mein E d u a r d jetzt schon selbst das Unanständige seiner Lage fühlt, und eilen wird, sie mit einer andern, seiner würdigern, zu vertauschen.
Dein zärtlichster Freund,
Bartold.
Dreiundsechzigster Brief
Eduard an Bartold
Wenn Ihr Leute mit kalter Vernunft und kaltem Herzen Euch doch nicht anmaasstet, über die Empfindungen warmer, gefühlvoller Menschen zu urteilen! Kreuzen und segnen möchte man sich vor einem solchen Moralisten! Was soll wir Dein Brief? Ich kann Deinem Rate nicht folgen. Mit einem blutenden Herzen und halb zerrütteten Seelenkräften bin ich der menschlichen Gesellschaft nichts nütze. Was liegt auch am Ende dran, ob einer mehr oder weniger unter ihr herumgeworfen wird? Meine Seele ist zu fest an M a r i e n s Schicksal geknüpft, als dass ich von hier reisen könnte. Muss ich nicht zu ihrer Beschützung bleiben? Könnte nicht sonst der tolle Albrecht sie zu einem Opfer seiner Wut machen? Ich kann und darf nicht von hier. Schreibe mir nichts mehr davon.
Ich werde mein Leben da beschliessen, wo M a r i e das Ende ihres Leidens finden wird. E i n Grab soll die Ueberreste der unglücklich Liebenden bedecken, und so vereint sollen unsre Leichname ruhen, bis zu jenem grossen Tage der Auferstehung. Dann werden wir mit einander aus dem Staube hervorgehen zu dem Gott, der unsre Seelen so einstimmig für einander schuf, um sie einst ewig unzertrennlich zu verbinden. Ewig unzertrennlich! Fühlst Du, was das heisst? Und ich sollte hier mich von ihr trennen? sollte nicht mit ihrem letzten Hauch auch den meinigen mischen?
Nein, M a r i e , Inniggeliebte, ich lasse dich nicht. Die Stunde deines Hinscheidens soll auch die meinige sein, und so lange will ich harren, bis die wohltätige Hand des Todesengels uns abruft. Tod, sonst mir schrecklich, jetzt ein unaussprechlich süsser Name! beflügle deine Schritte! Du allein kannst mir wiedergeben, was Menschen mir raubten! Scheussliches Gerippe! du bist mir lieblicher, als das holde Lächeln der Braut dem Heissverliebten. Wärest du doch schon da, seliger Augenblick, der mich mit M a r i e n vereinigt!
Geliebte, Engel des Himmels! hast du nicht auch diesen Wunsch? O ja gewiss! Unsre Gefühle sind ja so einstimmig! Und du selbst schriebst mir ja diesen Trost der Zukunft! Ach! sahest du vielleicht vorher, dass oft der Gedanke mich überfallen würde, meinem Leben ein Ende zu machen? Schriebst du mir darum diese erquickenden Zeilen?
Sei ruhig, Teure! Mit feurigen Zügen stehen deine Worte in meinem Herzen, und nie wird dein E d u a r d durch eine so kleinmütige Handlung sich deiner unwert machen! Ich will geduldig ausbüssen, ohne zu murren. Dank dir,