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ich sie sehen, auf ewig Abschied von ihr zu nehmen. O dass ich meine Seele zu ihren Füssen aushauchen könnte! –
Eduard.
Neunundfunfzigster Brief
Sophie an Julien
Mit jedem Tage stürzt neues Elend auf die arme M a r i e . Sie wird gewiss ihren Quaalen unterliegen. Sie fasste den Entschluss, E d u a r d nie wieder zu sehen. Es geht über alle Beschreibung, wie viel ihr dieses kostete. Sie erhielt aber doch so viel Macht über sich, den Befehl an ihre Leute auszustellen, dass man keinen Fremden zu ihr lassen sollte. Kaum war ihr Mädchen hinaus, so zerfloss sie in Tränen.
"Gott! ist es so weit mit mir gekommen, dass ich ihm die Tür verschliessen muss? Und sonst hätte ich um einen Blick von ihm hundert Türen und Schlösser geöffnet! Auch ihm war kein Hinderniss unüberwindlich für meinen Anblick. E d u a r d ! Arme M a r i e !"
Sie sass auf ihrem Sopha. In der einen Hand hielt sie ein Tuch, nass von ihren Tränen, die andre unterstützte ihr mattes Haupt. E d u a r d trat herein. Man hatte ihn aussen nicht bemerkt. Er fiel, einige Schritte von ihr entfernt, auf ein Knie:
"M a r i e , verzeihen Sie, dass ich Ihrem Befehl zuwider handle. Wollen Sie es, so verlasse ich gleich das Zimmer. Es war mir unmöglich von hier zu gehen, ohne von dem Abschied genommen zu haben, was mir ewig das teuerste auf Erden sein wird."
"O E d u a r d , Sie haben nicht wohl getan. Ich darf Sie nicht mehr hören, gehen Sie."
"M a r i e , ist dein Herz mir ganz entwandt? Hast du alles vergessen? Unsre zärtliche Liebe, meine stete Ehrfurcht für dich, Alles? Wallt in deinem Herzen nichts mehr für mich? O so sei Verzweiflung mein Loos: ich will dich mit meinem Anblick nicht länger quälen."
"E d u a r d ! du wirst mich tödten."
"Was seh ich, M a r i e ! du weinst? Du weinst meinem Schicksal noch Tränen? O! ich muss diesen Ausbruch der edelsten Zärtlichkeit wegküssen – Es sind die letzten Tränen meiner M a r i e , die ich fliessen sehe."
Ihr Haupt sank auf seine Brust. Er umfasste sie, und drückte seine Lippen auf die ihrigen. Sie war zu schwach, um zu widerstehen. Ihre Tränen flossen auf seine Küsse. Und nun – trat A l b r e c h t ins Zimmer.
Nichtswürdiges Weib! du selbst bestätigst die Nachricht von deiner Untreue. Doch sowohl du, als dein elender Liebhaber, ihr seid zu klein für meine Rache. Ich will euch eurem Schicksal überlassen. Jetzt gehe ich auf mein Zimmer. Mache dich unterdessen, mit allem, was dein ist, aus dem Hause. In einer Stunde bin ich wieder da, und finde ich dann noch eine Spur von euch hier, so zittert vor meiner Rache.
"Um Gottes Willen, höre mich doch nur erst!"
"Ich will nichts hören! Ich hörte und sah genug!"
"Herr A l b r e c h t ! sind Sie wahnsinnig, das beste Weib eines blossen Anscheins wegen zu verstossen, ohne sie einmal gehört zu haben? Bedenken Sie, was Sie tun."
"Ich habe genug bedacht, Mademoiselle, bin von allem unterrichtet. Mein Entschluss steht fest, und ich will niemand raten, sich ihm zu widersetzen! Ich wiederhole es noch einmal: Bist du in einer Stunde noch hier, so will ich ein Beispiel an dir zeigen, das deine empfindsame Seele erschüttern soll!"
Er zog die Augenbraunen auf eine erschreckliche Art zusammen, und verliess das Zimmer.
"Gott – sprach M a r i e – strafst du so hart die Schwäche meines Herzens? Ach! noch nie sah ich ihn so. Ich weiss, er ist auf eine schreckliche Art beharrlich in seinen Vorsätzen. Was wird aus mir werden!"
"Komm, teuerste M a r i e , entflieh in den Armen deines zärtlichsten Anbeters einem Ungeheuer, das deinen Abscheu verdient."
"Halt, E d u a r d . Den Sie jetzt Ungeheuer nennen, der ist mein Mann, vor Gottes Altar mir angetraut. Wenn ich Ihnen folgte, so würde ich die Behandlung verdienen, die er jetzt ungerecht mich empfinden lässt. Ich werde ihm zeigen, dass ich nur schwach, nicht lasterhaft war. Die wenigen Tage meines Lebens sollen in stiller Einsamkeit dahin fliessen, und der Gedanke soll mich trösten, dass einst mitleidige Tränen mein Grab benetzen werden! – Und nun noch eine Bitte an Sie, E d u a r d ! Verlassen Sie mich und versprechen mir bei dem, was Ihnen das Heiligste ist, mich nie wieder zu sehen! –"
"Vortrefflichste Ihres Geschlechts! mit zerrissnem blutendem Herzen verspreche ich, Ihrem Befehl zu folgen; und sollte ich unterliegen, o himmlischer Geist meiner ewig angebeteten M a r i e , so stärke du mich!"
Er verliess schnell das Zimmer, und nun brachen M a r i e n s zurückgehaltne Tränen mit Macht aus. Ich musste sie ihrem Kummer überlassen, und war beschäftigt, ihre Sachen zusammen zu packen, und einen Wagen bestellen zu lassen.