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Anblick zu sehr erschüttert, als dass ich vermocht hätte, mit Ihnen zu reden, so wie ich musste. Jetzt habe ich durch Gebet mich gestärkt. Ich Aermste! Ehemals war unsre Liebe die grösste Angelegenheit, die ich Gott vortrug, und jetzt muss ich ihn anflehen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reissen. O Gott, du siehst, wie es blutet. Ich scheine mich von mir selbst zu trennen, abgerissen von dem, was ich sonst abgöttisch liebte! Und doch heischt meine Pflicht dieses Opfer. Ich muss Ihnen – welcher Schmerz durchwühlt mein Innres! – Das letzte Lebewohl schreiben. Ich darf Sie nie wieder sehen, nie wieder einen Brief von Ihnen lesen, keinen mehr schreiben! – Gott! welch ein Schauder überfällt mich! Kaum kann meine zitternde Hand die Feder halten! Ich muss mich von dem trennen, den ich so innig liebte; o könnte ich auch den Gedanken an ihn verbannen! Aber, so müsste die ganze Denkkraft meiner Seele vernichtet werden, denn jede Erinnerung ruft mir sein Bild zurück.
O E d u a r d , vergieb mir! Ich habe das Glück Deines Lebens gestört; ich habe Dich, mich selbst, elend gemacht! Jede Freude ist für mich verloren. Kummer und Tränen werden mein Loos sein. Lebe zum letzten male wohl, Abgott meiner Seele! In einer Welt finden wir uns wieder, wo kein Schicksal mehr die Herzen trennt, die ganz für einander geschaffen waren. Da wird mein Geist Dir entgegen eilen. Ich werde Dich zu den Füssen des Trons führen, wo der Allliebende selbst unsre Tränen trocknen wird, und ewig vereint wandeln wir dann in die Gefilde der Seligen.
Diess Bild einer glücklichen Zukunft stärke und beruhige Dich. O E d u a r d ! bete auch für meine Seele – nicht um Ruhe hienieden; ach, die ist für mich dahin! – bete, dass ich bald einem Schauplatz entrückt werde, auf dem nur Auftritte des Jammers meiner warten.
Marie.
Achtundfunfzigster Brief
Eduard an Bartold
Freund, hast Du noch Tränen: so zolle sie dem unglücklichsten der Menschen! In den tiefsten Abgrund des Elends gestürzt, ringe ich mit der Verzweiflung. O, wäre nicht eine andre Welt, fürchtete ich nicht, dass der Augenblick meines Sterbens auch der ihrige wäre – ich würde meinem quaalvollen Leben ein Ende machen!
Ich kam in D. an. Ich stieg vor einem Wirtshause ab, gab mein Pferd dem ersten, den ich sah, und nun eilte ich dem Hause zu, in welchem jedes Plätzchen mir heilig war, weil sie es einst betrat. Mit lautschlagendem Herzen ging ich hinein, öffnete das Zimmer, in welchem ich zuerst die himmlische Gestalt sah. Sie kam mir entgegen. Welch ein Anblick! Diess blühende Mädchen, gemacht, um das unempfindlichste Herz zu besiegen, wie war sie entstellt! Die blühenden Rosen ihrer Wangen waren verwelkt, das sanfte Feuer des blauen Auges erloschen. Das zaubrische Lächeln des Mundes, das sonst mich entzückte, war geschwunden. Ihre ganze Gestalt war der rührendste Ausdruck des Kummers. Sie schrie, als sie mich sah, und sank ohnmächtig zurück. Ich warf mich zu ihren Füssen. Die lauten Ausbrüche meiner Empfindungen riefen sie ins Leben zurück. Ich drückte sie an mein Herz, und glaubte vor Wonne zu vergehen, als sie schnell sich aus meinen Armen wand.
Gott! kann ich das Schreckliche schreiben? – Sie ist das Weib eines andern. Welcher Jammer für mich! O M a r i e , hätte ich das von dir gedacht, dass du wärest wie andre: ich wäre vor deinem Anblicke geflohen, wie vor einer Schlange. Nie würden mich deine gefährlichen Reize besiegt haben; sie würden mir lachende Schaalen, mit Gift angefüllt, gewesen sein. Gott! wie blutet mein Herz, wenn ich die ehemaligen Zeiten mir denke, da ich im süssesten Taumel der Liebe vor ihr stand! Wie war sie da so zärtlich! Wie schienen nicht meine Blicke ihr neues Leben einzuflössen! Wie oft sagte sie mir, dass ohne mich keine Freude des Lebens sie entzücke! Und brachte ich einen Zweifel an ihrer Liebe ihr vor – es geschah nur, um ihn widerlegt zu hören – so beteuerte sie mir, dass ihre Liebe unsterblich, wie ihr Geist, sei. Und jetzt – ist sie eines andern Weib? Die Mächte der Hölle haben keine stärkeren Quaalen. Tödtende Furien, ihr nagt an meinen Gebeinen. Zerreisst mich völlig! Raubt mir ein Leben, das mir eine Last ist!
B a r t h o l d ! mein tobender Schmerz zerfliesst in Tränen. Eben schickt sie mir einen Brief. Die herrliche Seele des Engels leuchtet aus jeder Zeile hervor. O Gott! wie schäme ich mich meiner Wut vor dir, sanfte Dulderinn! Sie liebt mich noch so stark, so innig, als je. Ihr Herz setzte wider ihren Willen die Beweise davon auf diess Papier. Nie, o nie sollst du von meiner Seite kommen, teurer Vrief, letztes, unschätzbares Geschenk meiner M a r i e . Für keine Reiche und Kronen bist du mir feil. Stets sollst du auf meinem Herzen wohnen, von meinen Tränen und Küssen benetzt.
Sie befiehlt mir, sie zu fliehen, sie nie wieder zu sehen. Ich will ihrem Befehl folgen. Mein Anblick soll nicht, mit dem ihrigen zugleich, auch den Frieden ihres Mannes stören. Aber noch einmal muss