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Du wirst wohl gleich nach Empfang dieses Briefs abreisen, und ich bitte Dich, zuerst zu mir zu kommen, damit wir zuvor unsre Maassregeln nehmen können, ehe Du in Dein Haus gehst. Lebe wohl bis dahin.
Dein treuer
Wildberg.
Sechsundfunfzigster Brief
Sophie an Julien
O Julie! die ganze Frucht meiner Bemühung bei M a r i e n ist vereitelt; sie ist jetzt elender, als je.
Wir sassen im Zimmer und redeten von Ihrem lieben Briefe, als plötzlich die Haustür sich öffnete, und eine Mannsperson mit starken schnellen Schritten auf unser Zimmer zuzukommen schien. M a r i e sprang auf, in der Meinung, dass es A l b r e c h t sei. Schnell wird die Tür aufgemacht, und E d u a r d tritt herein. M a r i e sank mit einem Schrei ohnmächtig zurück. Er fiel vor ihr nieder, und bedeckte ihre Hände mit Küssen und Tränen.
"Kehre wieder, himmlischer Geist meiner M a r i e ! Dein E d u a r d , der Dich anbetet, beschwört Dich. Ach! aus dieser Bestürzung sehe ich, dass Du mich noch liebst, dass Du den fernen treuen Geliebten nicht vergassest! Du schlägst die Augen auf, Du lebst wieder? Engel des Himmels, Du liebst mich noch?"
Er schloss sie in seine Arme, und sie vermochte in der ersten Betäubung nicht, ihm zu widerstehen, aber bald siegte ihre vortreffliche Seele. Sie riss sich von seinen Lippen los.
"Gehen Sie, Eduard. Um Gottes Willen, lassen Sie mich! Ich kann Ihre Liebkosungen ohne Sünde nicht annehmen. Ich bin die Gattinn eines andern."
"- Indem er heftig aufsprang – Du, M a r i e , das Weib eines andern? Tod und Verderben über das Herz, das die Schwüre der Liebe brach! Du, das Weib eines andern? Welche Quaalen der Hölle für mich! Und das kannst Du mir sagen, Treulose? Gott! ist diess das Mädchen, das ich drei Jahre hindurch bis zur Vergötterung liebte? Unglücklicher E d u a r d ! Elender Tor, der ich auf Mädchentreue baute! der ich glaubte, ich würde Dein Herz so treu, so zärtlich wieder finden, wie das meinige war!"
"Halten Sie ein, Grausamer! oder wollen Sie sie tödten?"
Sie war ganz ausser sich, in eine neue Ohnmacht zurückgesunken, und die Farbe des Todes herrschte schon auf ihrem Gesichte. Er sah sie, und seine Wut schmolz bei ihrem Anblick.
"Was sehe ich! O M a r i e , Innigstgeliebte, lebe wieder auf; nie sollen meine Vorwürfe Dich kränken. Vergieb mir! Die Quaal getäuschter Liebe sprach aus mir."
Sie erholte sich langsam, und sprach mit schwacher Stimme:
"O E d u a r d ! Sie können mir Vorwürfe machen? und Sie verdienen die grössten! Schrieben Sie mir wohl ein einziges mal? Wählten Sie nicht gleich eine andre Geliebte? Und dem ohngeachtet ging ich doch nur mit Tränen, mit Widerwillen – – –"
"Heuchlerinn! Ich eine andre Geliebte? O! ewig brennende Vorwürfe sollen mich martern, nie fühle dieses Herz Ruhe, von endlosen Quaalen sei es genagt, wenn ich je an eine andre dachte. Du warest es allein, die ich noch bis heute anbetete, bis zum Unsinn liebte! Dein Bild wich nie aus meiner Seele; schlafend und wachend schwebtest Du vor meiner Einbildungskraft! Wie viele Briefe der zärtlichsten Liebe schrieb ich Dir nicht, und erhielt keine Antwort! Ich verblendeter Tor! Ich glaubte, Deine Liebe wäre so fest, wie die meinige, geknüpft. Unüberwindliche Hindernisse, so dacht ich, hielten Deine Briefe zurück. Voll des sichersten Zutrauens zu Dir, durchlebte ich drei Jahre, schlug noch kürzlich die Hand der liebenswürdigen Nichte meines Prinzipals aus, voll des Gedankens, in Deinen Armen meinen Lohn und meine Seligkeit zu finden. Auf den Flügeln der Liebe eilte ich hieher, flog mit klopfendem Herzen zu Dir, und nun finde ich Dich so! Gott, ich Elender!"
M a r i e n s Erstaunen glich dem meinigen. Er sprach zu sehr aus dem Herzen, als dass sie hätte zweifeln können. Gewiss war Verräterei im Spiel. Ihr Zustand war trostlos. Sie verwünschte ihre Leichtgläubigkeit, und bat E d u a r d in den rührendsten Ausdrücken, ihr zu verzeihen. Er wurde bewegt, und beider Tränen flossen reichlich. Endlich ermannte sie sich. Sie bat ihn, sie zu verlassen, und er ging verzweifelnd fort. Ihre Seele war zerrissen, und sie war taub gegen alles, was ich ihr sagen konnte. Endlich fiel sie auf ihre Knie. Ihre Tränen und Seufzer drangen gewiss durch die Wolken.
"Es ist geschehen – sagte sie, indem sie mit erheitertem Gesicht aufstand – Gott hat mich erhört. Mein Herz ist losgerissen; es fühlt sich gestärkt, und nun will ich ihm zum letzten male schreiben."
Ich widerriet es ihr, aber vergeblich. Sie setzte sich nieder und schrieb. Giebt es ein unglücklicheres Paar als diese beiden? O Gott! warum muss das beste weibliche Herz von solchen Quaalen niedergedrückt werden? Beten Sie mit mir, J u l i e , um Trost für sie.
Sophie.
Siebenundfunfzigster Brief
Marie an Eduard
Meine Seele, von Kummer schon vorher niedergebeugt, wurde durch Ihren