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auf ihn herab. Meine Seele fühlte sich erhoben; noch nie hatte ich eine reinere Freude, ein seligeres Gefühl geschmeckt. Alles, was ich je in K a r l s h e i m s Armen empfand, war nichts gegen die Zufriedenheit, die ich jetzt fühlte, als er bald mit Tränen der Zärtlichkeit das Kind an seine Brust drückte, bald wieder zur Mutter ging. Doch, M a r i e , das muss empfunden, nicht erzählt werden. Das Bewusstsein, gehandelt zu haben, wie ich sollte und musste, beruhigt mich auch jetzt, wenn zuweilen ein schwermütiger Gedanke mich überfällt. Sophie. Fünfunddreissigster Brief Marie an Sophien Wie soll ich Sie genug bewundern, vorireffliche Freundinn? Ich wusste immer, dass Sie das beste liebenswürdigste Herz besassen, aber so viel Stärke des Geistes, so viel Edelmut hätte ich kaum von Ihnen erwartet. Der Segen des Himmels belohne dich, herrliches Mädchen! Gewiss fühlst du jetzt grössere Wonne über deine edle Handlung, die einem unglücklichen Mädchen ihren Geliebten, einem verwaisten Kinde seinen Vater wieder gab, als du je würdest gefühlt haben, wenn K a r l s h e i m der Deinige geworden wäre. J u l i e muss ein liebes Geschöpf sein. Ihr Unglück hat mich bis zu Tränen gerührt. Dem Himmel sei Dank, dass K a r l s h e i m sie noch liebt; sonst wäre das arme Geschöpf doch unglücklich. Denn welch ein Schmerz kann grösser für eine empfindliche Seele sein, als der, einem Gatten anzugehören, der gleichgültig gegen uns ist, den blosses Mitleid zu uns leitete, und dem wir es täglich anmerken, dass ihn die Verbindung mit uns gereut? S o p h i e , führen Sie mich ja nie mehr als ein Muster an. Sie wissen nicht, was für beschämende Gefühle Sie dadurch in mir erwecken. Ich fühle es nur zu sehr, dass ich weit unter Ihnen stehe. Nie, o! nie werde ich Ihre Stärke des Geistes im Leiden haben. Denken Sie, wie schwach ich bin. J u l i e n s Geschichte, statt mich zu heilen, erinnerte mich nur lebhaft an mein Schicksal, an meinen E d u a r d : und die Tränen, die ich vergoss, flossen nicht allein ihr; der grösste Teil davon gehörte ihm. Haben Sie Geduld mit mir, S o p h i e , mein Körper ist sehr schwach. O! dass Sie doch zu mir kämen, und Beruhigung in meine Seele flössten, die des Trostes so sehr bedarf! Mit inniger Zärtlichkeit würde ich Sie an meine Brust drücken, und die Freude, Sie zu sehen, würde mich gewiss sehr erheitern. Erfüllen Sie, wenn es möglich ist, die Bitte Ihrer Marie. Sechsunddreissigster Brief Sophie an Marien Ja, Teuerste, ich will zu Ihnen kommen. In acht Tagen bin ich bei Ihnen. Ich fühle, dass auch mir eine Entfernung von hier nötig ist. Dann wollen wir zusammen weinen, und eine in der andern Kummer Trost suchen. Auch mein Herz blutet noch oft, wenn ich an K a r l s h e i m denke. J u l i e ist seit der Entwicklung ihres Schicksals ein ganz andres Geschöpf geworden. Ihr Auge ist heller, ihre Wange lebhafter; auch ihre Munterkeit und ihr Witz, durch das Unglück niedergedrückt, kömmt wieder hervor. Kurz, sie ist jetzt ein liebenswürdiges Mädchen, die auch durch andre Mittel, als durch die redende Miene ihres Kummers, die Herzen einzunehmen weiss. Ihre Hochzeit wird künftigen Donnerstag sein. Mein gütiger Onkel hat mir erlaubt, ihr meine Aussteuer zu schenken; auch mein Brautkleid und den dazu gehörigen Putz hat sie bekommen. Als ich ihr dieses antrug, wurde sie höchst gerührt, und sagte mir vieles zu meinem Lobe, das ich nicht ganz verdiene. Wäre ich nicht das schändlichste Geschöpf, wenn ich anders hätte handeln können? Und doch hält der grösste Teil unsres Publikums meine Handlung für übertrieben. Meine Bekanntinnen spotten mit hämischer Schadenfreude darüber, und nur wenige giebt es, die mich recht beurteilen. Neulich musste ich in der Komödie ein Gespräch einiger Frauenzimmer anhören, die es nicht wussten, dass ich hinter ihnen sass. "Wer hätte das gedacht, dass die Sache einen solchen Ausgang nehmen würde?" "Ja wohl, wer hätte das denken sollen? Sie tat ja so dick mit ihrem K a r l s h e i m ; wenn sie auf der Strasse mit ihm ging, sah sie triumphirend umher, als wollte sie aller Welt sagen: Seht, das bin ich. Es war ja kaum, als wenn sie einen noch kennte. Ich glaube auch, es wäre K a r l s h e i m nie eingefallen, auf sie zu denken, wenn sie ihm nicht so nachgelaufen wäre. Allentalben war sie ja hinter ihm her." "Ja, sie war bis über die Ohren in ihn verliebt, und man sagt auch, ihr Onkel möchte wohl gemerkt haben, wie sehr es ihr um einen Mann zu tun wäre, und dass es vielleicht notwendig wäre, ihr bald einen zu geben; er habe sie ihm also angetragen. Ich glaube es auch wohl, denn sie baten ihn ja gleich anfangs immer zu Gaste, und suchten ihn an sich zu ziehen." "Ich hätte ihn wahrhaftig nicht genommen, wenn er zu mir gekommen wäre.