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a r l s h e i m ! was hast du getan! Alle deine Entschuldigungen vermögen nicht dein Betragen vor dem Richterstuhl des Gewissens zu verantworten. Hätte J u l i e dir nichts als bloss gewöhnliche Zärtlichkeit geschenkt, so könnten deine angeführten Gründe dich vielleicht entschuldigen. Aber du weisst, dass sie mehr, dass sie ihre Unschuld dir aufgeopfert hat, und dafür bist du ihr Ersatz schuldig, und solltest billig in keine andre Verbindung treten, so lange dir J u l i e n s Schicksal unbekannt ist. Sie denkt gewiss zu edel, um einen andern Mann zu wählen, dem sie nicht mehr des Mädchens grösste Zierde, unbefleckte Unschuld, zubringen kann. Sie hat dir zwar nicht geschrieben, aber können nicht die Briefe verloren gegangen sein? Ist es darum ausgemacht, dass sie auch nicht mehr an dich denkt? Hättest du nicht noch emsiger in deinen Nachforschungen sein müssen? Wenn es nicht schon zu spät ist, so ziehe dich noch wieder zurück. Entdecke dich S o p h i e n . Ist sie wirklich das treffliche Mädchen, das du mir beschreibst, so wird sie dir verzeihen, wird deine Nachsuchungen um J u l i e n begünstigen. O K a r l s h e i m , überlege, was du tust, damit nicht einmal der Gedanke an ein liebenswürdiges Mädchen, durch dich unglücklich gemacht, dein Leben verbittre! Wilhelm. Fünfundzwanzigster Brief Karlsheim an Wilhelm W i l h e l m ! welch ein schneidendes Schwerd hast du in mein Herz gestossen! Ich wanke zwischen Pflicht und Liebe. Beide zerreissen mit grausamer Macht mein Innres. Oft überwältigt mich der Gedanke an J u l i e n . Ich gehe hin zu S o p h i e n , will mich zu ihren Füssen werfen, ihr alles entdecken. Und wenn ich dann komme, hüpft sie mit der lebhaftesten Munterkeit mir entgegen, reicht mir ihre schöne Hand, und fragt mich zärtlich: wo ich denn so lange geblieben sei? Und die Fröhlichkeit und Ruhe dieses reizenden Mädchens solltest du zernichten? Das entzückende Feuer dieses Auges in Tränen verwandeln? Dieser Mund, dessen zaubrischem Lächeln selbst der kälteste Einsiedler nicht würde widerstehen können, sollte in Wehklagen über dich ausbrechen? Dieses holde Geschöpf wolltest du den Spöttereien der ganzen Stadt, die um unsre nahe Verbindung weiss, der Härte und den Vorwürfen ihrer Verwandten aussetzen? So denke ich, und mein fester Entschluss wankt. Ich wills wenigstens verschieben, bis auf einen andern Tag, wenn sie ernstafter gestimmt ist. Der andre Tag kömmt. Ihr gütiger Onkel spricht mit gerührter Freude von unsrer Verbindung, durch die alle seine Wünsche erfüllt werden. Errötend hört S o p h i e von künftigen Enkeln ihn reden. Ihre Blicke begegnen den meinigen. Sie sinkt in meine Arme. Ich küsse die Träne der Freude weg, die verstohlen ihrem Auge entfliesst, und dann an ihren Busen gelehnt, ihren schönen Mund auf meine heissen Lippen gedrückt, wie könnte ich da dem Gedanken an Trennung Raum geben? Karlsheim. Sechsundzwanzigster Brief Marie an Sophien Ach, unbefangen und heiter war ich wohl nie. Ich hatte zwar mein Herz einigermassen betäubt, und schien glücklich zu sein, aber ich war es nicht. Die Erinnerung an E d u a r d wachte oft bei mir auf. Zwar gelang es mir dann eher, sie los zu werden, aber ich konnte sie doch selten ganz unterdrücken, wohl eigentlich nie. Und was noch meinen Schmerz vergrössert, ist die wenige Nachsicht, die A l b r e c h t gegen meinen Kummer hat. Ich suche ihn zwar so viel möglich zu verbergen, aber ganz kann ich es doch nicht. "Ist denn des Winselns und Weinens noch kein Ende? – sprach er heute, da er unvermutet in einer meiner traurigsten Stunden ins Zimmer trat. – Ich möchte nur wissen, was dir eigentlich fehlt." "Liebster Mann, habe Geduld mit mir, ich habe zuweilen solche traurige Stunden, in welchen ich mir selbst zur Last bin. Der Grund dazu mag wohl in meinem schwachen Körper liegen." "Der Grund dazu liegt in deiner übertriebnen Empfindsamkeit. Das ist es, was deinen Körper und deine Seele schwächt. Wenn du diese verwünschte Mode unsers jetzigen Zeitalters ablegen wolltest, so wärest du mir noch zehnmal so lieb; dann würdest du auch über keine Schwächlichkeiten zu klagen haben." Damit ging er zur Tür hinaus. O A l b r e c h t ! hättest du mehr von dieser Empfindsamkeit, wie du es nennst, so würden unsre Seelen sich gleicher fühlen, als jetzt. Aber so, wenn ich bis zu Tränen gerührt bin, bist du noch gar nicht einmal bewegt, und so geht es immer. U n s r e Empfindungen treffen niemals zusammen, und das ist sehr hart für mich. Doch, S o p h i e , wie unartig und verkehrt ist mein Herz! Ich suche den grössten Teil meiner Schuld auf A l b r e c h t zu schieben, und sie liegt doch bloss auf mir. Müsste ich nicht, seiner Kälte ohngeachtet, ihn dennoch lieben, müsste ich nicht meine Empfindungen nach den seinigen zu stimmen suchen? Ist es nicht höchst strafbar, dass ich die Neigung, die ihm allein gehören sollte, auf einen andern Gegenstand fallen lasse? Müsste ich nicht jeden fremden Eindruck bekämpfen? Ach! ich kämpfe wohl. Mein